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Kultur Schatten im Blick: Im Rostocker "Polizeiruf" leiden Verdächtige und Ermittler an der Welt
Nachrichten Kultur Schatten im Blick: Im Rostocker "Polizeiruf" leiden Verdächtige und Ermittler an der Welt
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11:17 28.02.2015
Charly Hübner. Quelle: dpa
Hannover/Leipzig

Aber so schlecht wie im aktuellen "Polizeiruf 110" hat der knorrige Ermittler aus Mecklenburg-Vorpommern noch nicht ausgesehen. Kein Wunder: Er schläft wahlweise bei seinem Vater oder im Kofferraum seines Autos. Und er ist nicht der einzige Mann, der im Krimi mit dem Titel "Sturm im Kopf" leiden muss.

Im Mittelpunkt des aktuellen Falles steht der Mord an Achim Hiller, Chef der Hilgro Wind AG, dessen Leiche auf einem brachliegenden Werftgelände gefunden wird. Getötet wurde er mit einem gezielten Kopfschuss. Dennoch finden sich vier weitere Schüsse in dem Körper. Der Fachbegriff für eine solche Tat heißt "Overkill".

Ein Verdächtiger ist schnell gefunden: Max Schwarz (Christian Friedel), IT-Mitarbeiter beim selben Windenergie-Unternehmen, irrt mit Gedächtnisverlust durch Rostock. Bukow und seine LKA-Kollegin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) stellen beim Verhör in einer Klinik Schmauchspuren an den Händen des Mannes fest. Schwarz ist verzweifelt, glaubt sogar selbst, dass er seinen Chef erschossen hat. Und dann ist da noch diese Melodie, die ihm nicht aus dem Kopf gehen will. Aber ist der eher sensibel und zurückhaltend wirkende Mann tatsächlich ein brutaler Mörder?

Ähnlich fahrig wie der gedächtnislose Verdächtige wirkt im aktuellen Fall Ermittler Bukow. Das Schicksal der beiden haben Florian Oeller (Drehbuch) und Christian von Castelberg (Regie) bewusst parallel inszeniert. Sie folgen damit der Tradition, dass im Rostocker "Polizeiruf" niemals nur ein Kriminalfall erzählt wird, sondern auch das Privatleben der Ermittler großen Raum einnimmt.

Aktuell bekümmert Bukow, dass seine Familie zerbricht, und er nichts dagegen tun kann. Ehefrau Vivian hat zwar die Affäre mit seinem Kollegen Volker Thiesler (Josef Heynert) beendet, will aber nicht zu Bukow zurückkehren. Ein wieder einmal großartiger Charly Hübner spielt den leidenden Nochehemann berührend und authentisch. Mal reagiert er aggressiv, dann wieder sprachlos, fast resignierend. Er wirkt ein wenig wie ein angeschossener Bär, der mit leeren Augen durch einen Wald tapst. Selbstredend fühlt sich aber auch Thiesler nicht wohl in seiner Haut.

Auch seine Kollegin König wirkt seltsam angegriffen. Was sie bedrückt, behält sie aber zunächst für sich. Bereits 2007 hatte sie mit einem Fall zu tun, in dem eine Staatssekretärin eine große Rolle spielt, da auch jetzt wieder versucht im Hintergrund die Fäden zu ziehen. 2007 starben außerdem zwei unschuldige Menschen in einem Verkehrsunfall, Frau und Kind eines wichtigen Zeugen.

Dass es König damals nicht gelang, den Fall aufzuklären, nagt an ihr. Und nun hat sie Angst, dass sie erneut scheitern könnte. Als das LKA einen Mann schickt, der zunächst versucht, König einzuschüchtern und schließlich ganz offiziell das Kommissariat in Rostock von dem Fall entbindet, sieht sie sich in ihren Befürchtungen bestätigt.

Gelegentlich wirkt der aktuelle "Polizeiruf 110" etwas unrund. Dies liegt vor allem an der ein wenig komplizierten Geschichte um Fördergelder, Windenergie, Bauvorhaben und Seilschaften aus der Vergangenheit. Zudem erscheinen einige Nebenfiguren wie Karikaturen. Vor allem der Nachfolger des ermordeten Hiller wirkt irgendwie wie ein Charakter aus einer Sat.1-Comedyserie, wenn er auf der Toilette eine Rede übt oder sich die schweißnassen Achseln föhnt.

Allgemein gibt es an diesem Sonntagskrimi jedoch wenig zu meckern: Verstrickungen von Politik und LKA in ein Verbrechen wie in jedem guten skandinavischen Krimi, ein Ermittler, dessen Privatleben glaubhaft dargestellt wird, ein mysteriöser Fall. Zudem präsentiert der NDR endlich einmal einen Fernsehkrimi, in dem keine Frau missbraucht, entführt, gequält oder ermordet wird - und in dem wirklich auffällig viele Männer auf die ein oder andere Weise scheitern.

LVZ

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