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Schauspiel Leipzig zeigt zu Silvester die Premiere von „Der Gott des Gemetzels“

Theaterpremiere Schauspiel Leipzig zeigt zu Silvester die Premiere von „Der Gott des Gemetzels“

Zwei kultivierte Ehepaare wollen den Streit ihrer Söhne aus der Welt schaffen – und geraten darüber selbst in einen Konflikt. Die zivilisierte Fassade fällt bald in dieser von gelungenen Dialogen getragenen Gesellschaftskomödie. Das Schauspiel Leipzig zeigte seine Premiere des Stücks von Yasmina Reza am Silvesterabend.

„Der Gott des Gemetzels“ am Schauspiel Leipzig.

Quelle: Rolf Arnold

Leipzig.

Der Reihe nach: Das Schauspiel verbindet zu Silvester wieder Party mit Musik, Tanz und Wandeldinner mit einer Premiere. Intendant Enrico Lübbe inszeniert Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“. Vor ziemlich genau zehn Jahren uraufgeführt, vielfach ausgezeichnet, zum Welterfolg avanciert, verfilmt, in Deutschland von über hundert Bühnen gespielt. Ein ganz auf den Dialog konzentriertes Vier-Personen-Stück, das als abgründiges Kammerspiel nicht zwingend die Silvestererwartungen einer raumgreifenden, heiter-beschwingten Komödie bedient. Dennoch geht die Rechnung auf. Das Premieren-Publikum verabschiedet die Schauspieler nach knapp 80 Minuten begeistert mit rhythmischem Applaus.

Etienne Pluss, verantwortlich für die Bühne, übersetzt den Kammerspiel-Rahmen in ein überdimensioniertes Wohnzimmer, gebaut als eine nach hinten im Halboval geschlossene Guckkastenbühne. Die ist zum Saal hin von einem Lichtband umschlossen, das in der Eingangsszene immer dann grell aufleuchtet, wenn auf der Bühne das Licht erlischt. Eine Art Stroboskop in Superzeitlupe, das die Aufmerksamkeit auf jede kleine Veränderung legt, die im Wohnzimmer der Houillés vor sich geht, die sich mit hilflos wirkenden Deko-Versuchen auf den Besuch vorbereiten. Das ist es dann aber auch schon alles an Theater-Effekten, die Inszenierung verlässt sich ganz auf Text und Spiel.

Es geht um zwei abgebrochene Zähne. Ferdinand hat im Streit mit einem Stock zugeschlagen und seinen Klassenkameraden Bruno verletzt. Die Eltern wollen, was die Elfjährigen mit Gewalt begonnen haben, im Gespräch aus der Welt schaffen. Vielleicht rührt daher das Loch in der Zimmerdecke. Die virtuelle Friedenspfeife kann symbolisch abdampfen.

Véronique (Bettina Schmidt) und Michel Houillé (Michael Pempelforth) empfangen Annette (Anne Cathrin Buhtz) und Alain Reille (Dirk Lange). Distanziert aber höflich einigt man sich zu Beginn auf die richtige Formulierung der Tat. Eine gute Stunde später rastet Annette auf allen Vieren aus. Die Gesprächsdynamik hat die zivilisierten Fassaden gesprengt. Der Anlass bringt ans Licht, was unter der Oberfläche der kulturell gebildeten, urbanen Mittelschichtsvertreter brodelte. Der Konflikt der Kinder wird zum Funken, der das Gebräu aus Selbsthass, Erfolgsdruck und partnerschaftlicher Langeweile explodieren lässt.

Das ist eine dankbare, wenn auch nicht ganz einfache Aufgabe für Schauspieler, weil sie sich nicht bedingungslos in ihre Emotionen legen können. Der Abend verlangt einen Seiltanz zwischen Kontrolle und gespieltem Kontrollverlust. Letzterer birgt das komödiantische Potenzial, darf zugunsten der Glaubwürdigkeit aber nicht überdreht werden. Da hält die Inszenierung Kurs und bedient sorgfältig den virtuos gebauten Text. Peinliche Pausen und hitzige Wortgefechte wechseln sich ab. Handlungsebenen greifen ineinander. Während Annette Reille damit beginnt, den prügelnden Sohn vom Täter zum Opfer verbaler Gewalt umzudeuten, ruft ihr Mann, ein Anwalt im Dienst der Pharmabranche, seinem Mandanten durch das Telefon zu: „Wir streiten alles ab.“

Die permanenten Anrufe sind mehr als komödiantisches Störfeuer, sie zeigen, was die Werte der westlichen Welt, von denen die Rede ist, im real existierenden Marktradikalismus noch für eine Gültigkeit haben. Keine. Höchstens noch als Sonntagsreden-Ornament.

Dirk Lange als zynischer Anwalt mit John-Wayne-Männerbild und Bettina Schmidt als Autorin, die sich mit den Krisen Afrikas auseinandersetzt und eine ehrliche Entschuldigung Ferdinands fordert, stehen sich als moralische Antipoden gegenüber. Und nach viel gezwungenem Lächeln verlieren Michel und Annette geradezu lustvoll die Beherrschung. Es bleibt in dieser insgesamt eher gezügelten Inszenierung Anne Cathrin Buhtz vorbehalten, das lange mitschwingende Unbehagen aus dem Saal zu wischen und das Gesellschaftsstück in einer reine Komödie zu verwandeln. Von Rum befeuert entlädt sich ihre aufgestaute Aggression an unschuldigen Tulpen. Das Blumen-Massaker auf allen Vieren erntet Szenen-Applaus.

t ein Unsinn, der einen nur schwächt.“

Kommende Aufführungen: 13. und 29. Jan., 11. und 26. Feb., 19.30 Uhr; Karten: 0341 1268168

Von Dimo Riess

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