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Schiffe versenken: Rostock entlässt seinen Theaterintendanten, und die Kulturwelt steht Kopf

Schiffe versenken: Rostock entlässt seinen Theaterintendanten, und die Kulturwelt steht Kopf

Er wehrte sich gegen Spartenschließungen und Etatkürzungen, jetzt wurde Sewan Latchinian, erst seit einem halben Jahr Intendant des Volkstheaters Rostock entlassen.

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Quelle: dpa

Leipzig. Offizielle Begründung für den Rauswurf ist sein umstrittener Vergleich der Kulturpolitik des Landes mit den Zerstörungen durch den IS. Der gebürtige Leipziger Latchinian und andere halten das für vorgeschoben.

Heute liest es sich wie eine schwarzhumorige Prophetie: Den achtstündigen "Stapellauf", mit dem Sewan Latchinian im September seine Intendanz am Volkstheater Rostock einleitete, ließ er mit "Der Untergang der Titanic" beginnen, einer Oper von Wilhelm Dieter Siebert. Jeder Besucher bekam eine Schwimmweste. Die braucht Latchinian jetzt selbst. Am Dienstagabend wurde er von Bord geschickt. Die Mehrheit des zuständigen Ausschusses der Rostocker Bürgerschaft folgte einem entsprechenden Antrag von Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos). Eine Gegendemonstration mit 500 Teilnehmern zeigte keine Wirkung.

Jetzt wurden die Fahnen vor dem Haus, das sich unter Generalintendant Hanns Anselm Perten ab 1952 zu einer der profiliertesten Bühnen in der DDR entwickelte, auf Halbmast gesetzt. Die Theaterwelt steht Kopf. Was ist da los in der Hansestadt? Warum wird ein seit gerade mal sechs Monaten amtierender Intendant aus seinem bis 2019 laufenden Vertrag entlassen - dazu einer, dessen Arbeit bereits Früchte zeigt?

Offizieller Anlass für den Rauswurf ist ein umstrittener Vergleich Latchinians. Anfang März hatte der 1961 in Leipzig geborene gelernte Schauspieler bei einer Demonstration die Theaterpolitik in Mecklenburg-Vorpommern heftig kritisiert. Wörtlich sagte er: "Seit Wochen zerstören (...) IS-Schergen im Irak die jahrtausendealten Weltkulturerbestätten Nimrud und Kirkuk, aus religiösen Vorwänden. Und hier bei uns in Mecklenburg-Vorpommern - ich setze das nicht gleich, aber vergleichen muss man das schon - hat momentan im Namen des Geldes die Zerstörung funktionierender Theaterstrukturen begonnen." OBM Methling sah dadurch das Vertrauensverhältnis zwischen Latchinian und der Bürgerschaft gestört.

Für Latchinian, der die Aussage als aufrüttelnde satirische Zuspitzung verstanden sehen will, war das wohl schon erheblich früher der Fall: Als Intendant eines Vierspartenhauses ist er geholt worden. Noch während der "Stapellauf"-Proben erfährt er, dass Oper und Tanz abgewickelt werden sollen, im Februar fasst die Bürgerschaft den Beschluss. Aus dem Vier- soll ein Zweimaster, der Zuschuss von jährlich 16,6 Millionen Euro soll gekürzt, weitere 80 der heute noch rund 270 Mitarbeiter sollen entlassen werden.

Latchinian machte bei diesem Schiffe versenken nicht mit, stellte sich quer: "Wir trotzen dem Kulturabbau, der Barbarei und Kulturlosigkeit in der Politik." Prominente wie der Schauspieler Armin Mueller-Stahl unterstützten die Rostocker Theaterleute: "Man kann nur an die Verantwortlichen appellieren: Seid nicht so dumm und tötet die Kultur." Schnell war klar: Latchinian steht nicht nur für frische Luft auf der Bühne, sondern für massiven Gegenwind in der Politik.

Viele halten daher den Rückgriff auf den im Kern ja nicht einmal völlig abwegigen Vergleich Latchinians (die deutsche Theaterlandschaft ist immaterielles Kulturerbe) nur für einen Vorwand. "Es ist offensichtlich, dass Sie durch dieses Manöver von der eigentlichen Problematik ablenken wollen: nämlich dass Sie eine katastrophale Zerstörung der Strukturen des Rostocker Theaters durchführen und ein Vierspartenhaus zum Zweispartenhaus amputieren. Dies ist für uns inakzeptabel", heißt es in einem Offenen Brief Ulrich Khuons, des Vorsitzenden der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins, an Methling. Der Politiker - bis 1989 in der SED, seit zehn Jahren OBM in Rostock - hatte das Theater von Anfang an als Streichobjekt gesehen. Auch sein Umgang mit Kritik scheint bestimmten Mustern zu folgen. Wenige Monate, nachdem sich der damalige Intendant Steffen Piontek in einem Offenen Brief gegen Etatkürzungen und die geplante Umwandlung des Theaters in eine GmbH wehrte, wurde er 2008 entlassen. Offizielle Begründung damals: Piontek soll während bereits laufender Aufhebungsgespräche eigenmächtig Verträge mit Mitarbeitern verlängert haben.

Leipzigs Theaterintendant Enrico Lübbe blickt als gebürtiger Schweriner mit Sorge nach Rostock: "Die Situation dort ist kulturpolitisch sehr vertrackt - und das schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Das jetzt an der Person Sewan Latchinian festzumachen, ist absurd", sagte er gestern der LVZ. Allein schon die erhebliche Fluktuation auf dem Intendantensessel in Rostock deute an, dass die Probleme tiefer liegen. Lübbe spricht im Zusammenhang mit den ständig diskutierten Einsparungen von einem "Teufelskreis. Ausgerechnet dort, wo sie ohnehin schon schwach ausgestattet ist, an der Kultur zu sparen, führt nur zu einer weiteren Abwärtsspirale."

Während Methling nach der Entlassung Latchinians dafür Sorge tragen will, "dass das Volkstheater in sicherem Fahrwasser bleibt", hält die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger die Lage für hochdramatisch. "Es gibt keinen Generalmusikdirektor, keinen Operndirektor, keinen Schauspieldirektor und keine künstlerische Leitung mehr", so gestern Präsident Jörg Löwer.

Und Latchinian? Der will seine fristlose Kündigung nicht hinnehmen und dagegen klagen, kündigte er gestern im Deutschlandradio Kultur an - und legte nach. "Es haben nicht wenige gesagt, dass der heutige Tag ein neues, zweites Lichtenhagen ist." Der Mann, der im Volkstheater eine Welle als neues Logo einführte, gibt sich nicht so schnell geschlagen, kennt sich mit sinkenden Schiffen aus. Als er 2004 die Neue Bühne im brandenburgischen Senftenberg übernimmt, ist sie akut bedroht, ein Jahr später wird sie zum Theater des Jahres gewählt. Auch in Rostock startet Latchinian künstlerisch furios, steigert die Auslastung, erwirtschaftet schon 2014 ein Plus von 600 000 Euro gegenüber dem Vorjahr.

Volle Kraft voraus - vielleicht war gerade das das Problem: Im Hintergrund werkelt Mecklenburg-Vorpommerns Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) an Fusionen in der Theaterlandschaft. Er will die Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz mit Stralsund/Greifswald zu einem "Staatstheater Nordost" werden - um Kosten zu sparen natürlich. Kein Geheimnis ist, dass er auch die Bühnen in Rostock und Schwerin verschmelzen möchte. Ein aufstrebendes Vierspartenhaus würde da nur stören, erst recht ein widerborstiger Intendant.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.04.2015

Jürgen Kleindienst

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