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Schlaf-Bar: Nicolas Stemann behauptet im Centraltheater eine Leerstelle - und füllt sie mit Leere

Schlaf-Bar: Nicolas Stemann behauptet im Centraltheater eine Leerstelle - und füllt sie mit Leere

Am Donnerstag öffnete Nicolas Stemann erstmals die Leipzig-Filiale seiner "Gefahr-Bar™". Eine Koproduktion zwischen Schaubühne Berlin und dem Centraltheater, in dessen Arena jene Liedchen und Texte, Filmchen und Improvisationen kredenzt wurden, die zu einer "Rettung der Gefährdbarkeit" beitragen sollen.

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Oh, ein Affe. Später spielt er in der Festspielarena, die zurzeit im Centraltheater aufgebaut ist, noch Geige, aha.

Quelle: Rolf ArnoldCT

Man könnte diesen Abend auch als einen Versuch über die Müdigkeit lesen. Als Hommage ans intellektuelle Phlegma. Theater, endlich ehrlich bereit für den verdienten Schlaf, nach dem es sich lange schon zu sehnen scheint. Der Rest ist zwar dann leider kein Schweigen, aber immerhin die Wohltat zu wissen, man verpasst nichts mehr, wohlig eingelullt vom sanft dahin schnurrenden Leerlauf des Üblichen.

Ja, in dieser Gefahr-Bar mixt Morpheus die Cocktails. Darüber täuschen auch die zu Beginn verabreichten Wodkas nicht hinweg. Und wenn dann bald irgendwann (der christliche) Gott höchstselbst im eher schlecht sitzenden Anzug seinen Auftritt hat, bekommt die Müdigkeit geradezu eine transzendente Qualität. Denn nein, bevor das jemand denkt, blasphemisch oder auch nur satirisch ist das nicht. Nur Theater eben. Das verkündet - und man lächelt schläfrig mild darüber -, dass die Leerstelle nach dem Tod Gottes der Regisseur fülle. Jemand also, der (fügen wir hier mal hinzu) bestens geeignet ist, verfehlte Schöpfungen in Serie zu produzieren.

Das bewerkstelligt das Theater- und Musik-Quartett "Gefahr-Bar™" an diesem Donnerstag gut 100 Minuten lang mit schlafwandlerischer Sicherheit. Regisseur, Bandleader und Darsteller Nicolas Stemann agiert gemeinsam mit Claudia Lehmann, Thomas Kürstner und Sebastian Vogel im Arena-Rund zwischen Instrumenten und bequemen Sesseln, Zeitungspacken, Büchern und Drinks. Musik plätschert, der Atomkrieg linst koreanisch um die Ecke und soll gebannt werden mit Liedern zur Völkerverständigung. Eine Filmeinspielung zeigt eine irgendwie traurige Liebesgeschichte in Tierkostümen zwischen melancholischem Adler und lebensfrohem Yeti (oder war's ein Albino-Menschenaffe?), und CT-Schauspielerin Sarah Franke fügt sich als einzige nicht ins Konzept des Abends, weil sie es ist, die einen schlicht und einfach am Einschlafen hindert. Fast möchte man ihr das vorwerfen.

Aber Franke beim Kellnern zu sehen und beim schrägen Singen zu hören, oder wie sie als Tussi-Prinzessin aus dem Froschkönig-Märchen neu aufersteht, sind jene Momente, in denen sich die Freiheiten der Improvisation entspannt, also mal nicht so furchtbar gewollt, neben dem Trash-Appeal lümmeln. Was allerdings trotzdem noch nicht heranreicht an jene "höhere Schule des Nonsens", die etwa der Tagesspiegel in der Gefahr-Bar fand.

Möglich, dass die an diesem CT-Donnerstag an einem Formtief litt. Aber betrachtet man die Spielideen zwischen Zitieren aus Korea-Reiseführern und dem Versuch, einen Band der Bettina-Wulff-Autobiographie ans Publikum zu verschenken, zwischen Mitsing-Animation und etwas Travestie zum Finale, ist das kaum mehr als das Auffüllen der erwähnten Leerstelle mit Leere. Die Gefährdbarkeit des Theaters durch Desinteresse zu retten, hilft "Gefahr-Bar™" in jedem Fall mit. Ja, man scheint bereit für den lang verdienten Schlaf.

i"Gefahr-Bar™", erneut heute, 20 Uhr, Centraltheater (Bosestraße 1), Eintritt 16/11 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.04.2013

Steffen Georgi

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