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Kultur Schmerz auf der Durchreise: Grandioses Konzert von The National in Leipzig
Nachrichten Kultur Schmerz auf der Durchreise: Grandioses Konzert von The National in Leipzig
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18:17 11.06.2014
Träumt die Lieder aus sich heraus: Matt Berninger, Sänger von The National auf der Leipziger Parkbühne. Quelle: Wolfgang Zeyen
Leipzig

ade wieder eines der von seiner Band so großartig instrumentierten Psychodramen beendet hat? Gegenfrage: Was soll man denn sonst machen, sich etwa die Pulsadern aufschneiden?

Dienstagabend im Clara-Zetkin-Park. Wolken streuseln über bewegungslosen Bäumen. Eben hat Annie Clark alias St. Vincent ihren etwas zu laut gestellten Auftritt beendet. Der Abend scheint zu stehen, aus der Zeit zu fallen. Noch ein Bier holen vielleicht. Oder die Augen zumachen. So wie Matt Berninger, der irgendwann unspektakulär mit den beiden Brüderpaaren, den Zwillingen Aaron und Bryce Dessner sowie Bryan und Scott Devendorf, auf der Parkbühne auftaucht und gleich loslegt.

"Don't Swallow The Cap" vom aktuellen Album "Trouble Will Find Me" schwebt sphärisch-elegant durch die Luft. Es ist nicht leicht, solche Kammerspiele auf die Bühne zu übersetzen. Aber was bei den treibenden Nummern, verstärkt mit Posaunist und Trompeter, spielerisch-leicht gelingt, ist auch bei den stilleren Titeln wie "I Need My Girl", "Hard To Find" oder "England" an diesem Abend kein Problem. Der Sound ist vorzüglich eingestellt, die Band harmoniert so traumsicher, dass selbst die eine oder andere Rückkopplung zum Konzept zu gehören scheint.

Und Matt Berninger ist an diesem schwülen Sommerabend ganz hervorragend bei Stimme. Der 43-Jährige träumt diese Lieder aus sich heraus, während er das Mikro mit beiden Händen umschlossen hält. So wie beim großartigen "Ada" vom Album "Boxer", dem zwar das Piano-Intro abhanden gekommen ist, das aber volle Bläser-Melancholie in den Abend drückt.

Sehnsüchte, irre Visonen und Ängste

Berningers Bariton, seine Text-Montagen, in denen sich Sehnsüchte, irre Visionen und Ängste treffen - und dazu die von den Dessners feinfühlig ausbalancierte und gleichzeitig von immer neuen Einfällen lebende Musik, gehen in Herz und Bauch. Ein einziger Sog, der ohne vordergründige Slogans auskommt. 1999 gegründet wird das einst klassische Indie-Projekt von Album zu Album größer. Songs von The National tauchen inzwischen im Soundtrack von "Catching Fire" auf, oder bewerben das neue iPad.

Droht da eine der besten Bands auf dem Planeten gentrifiziert zu werden? Wer das sich immer weiter steigernde Konzert, Berningers emotionale Eruptionen wie in "Sea Of Love" oder dem hypnotischen "Squalor Victoria" erlebt hat, schiebt die Befürchtung schnell zur Seite. The National sind ein Ereignis, zu kompliziert für Konzerne, die die Welt auf Stromlinie bringen wollen. Mit Depressionen verkauft man keine Produkte.

Die Fans, in der Mehrzahl zwischen 25 und 45 Jahre alt, lieben die in Brooklyn lebenden Musiker gerade dafür, dass ihnen wenigstens für einen Abend mal jemand die Schmerzen abnimmt und sie stellvertretend für alle rausschreit. Dabei hatte es vergleichsweise harmlos begonnen. In Berningers Glas befand sich - zumindest sah es aus mittlerer Entfernung so aus - zunächst Wasser. Erst später trinkt er den Wein, den seine Stimme von Anfang gepredigt hat. Beliebter bei den Fans als seiner Crew sind die Ausflüge des Sängers, die so weit gehen, wie das Mikrofonkabel reicht. Während der Frauenschwarm weiter schmachtet oder schreit, spaziert er durch den Jubel, holt sich an der Bar ein Bier, am Stand ein Album von St. Vincent und spaziert damit zurück zu den Kollegen. Vor den Zugaben wird die Bühne gefegt. Der Glasmüll muss weg.

Bei "Fake Empire", dem wohl berühmtesten Song der Amerikaner, recken die Dessner-Zwillinge lustvoll die Gitarren hoch, so als wollten sie auch mal Musiker bei einer ganz normalen Rockband sein. "Terrible Love" und "Mr. November" steigern sich in einen exzessiven Rausch. Unplugged kommt "Vanderlyle Crybaby Geeks" am Schluss eines grandiosen Konzerts. Die Fans singen glücklich mit, und Matt Berninger ist heiser.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.06.2014

Jürgen Kleindienst

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