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Schockierend schön: Der Ire David O’Kane zeigt seine Kunst in der Spinnerei

Galerien mit neuen Ausstellungen Schockierend schön: Der Ire David O’Kane zeigt seine Kunst in der Spinnerei

An diesem Samstag eröffnen alle Galerien in der Leipziger Spinnerei neue Ausstellungen von 16–20 Uhr. Am 16. und 17. September findet dann der eigentliche Rundgang statt. In der Galerie Joseph Filipp zeigt der Ire David O’Kane seine Kunst, in der sich Schock und Schönheit verbinden. Die Schau „A Melancholy Object“ befasst sich mit einer bitterbösen Satire von Jonathan Swift.

Die Galerie Eigen+Art zeigt die erste Leipziger Einzelausstellung des britischen Malers Ryan Mosley.

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Jedoch möchte ich empfehlen, die Kinder lebendig zu kaufen und sie noch lebenswarm nach der Abschlachtung zuzurichten, wie wir bei dem Braten von Spanferkeln zu verfahren pflegen.“ Es war im Jahr 1729, als Jonathan Swifts „A Modest Proposal“ (Ein bescheidener Vorschlag) erschien, eine bitterbös-ironische Kampfschrift des anglo-irischen Autors von „Gullivers Reisen“ gegen die Armut und die ökonomischen Verhältnisse in Irland. Swift, der im November vor 350 Jahren geboren wurde, empfiehlt darin den Verzehr irischer Kleinkinder zur Abmilderung der Not. Die Satire, vorgetragen im wohlmeinenden, sachlichen Ratgeberton, hat den irischen Künstler David O’Kane zu einer Reihe von Lithographien und Gemälden inspiriert, die ab Samstag in der Galerie Josef Filipp unter dem Titel „A Melancholy Object“ zu sehen sind.

O’Kane nimmt Swifts Inszenierung auf, zeichnet sie weiter. Was dem oberflächlichen Blick zumindest aus der Entfernung wie ein harmlos-hübscher Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert vorkommt, offenbart sich bei genauerem Hinsehen als Horrorkabinett, wenn etwa verschiedene Zubereitungsarten für Kleinkinder oder weitere Verwendungen der Kinderhaut thematisiert werden. Berührend ist der Blick in Swifts Dekanat, wo sich flehende Hände zwischen den Pfosten des Treppengeländers hervorrecken – ein Hinweis auf den sehr sozial und progressiv denkenden Schriftsteller, von dem erzählt wird, dass er stets Münzen bei sich trug, um jedem Bettler, den er traf, etwas geben zu können. Ein Motiv, das O’Kane in ein großes Gemälde übertragen hat – ebenso wie seine Darstellung der Röntgenaufnahme eines Kleinkinds, der er den Rahmen jenes Bildes zugefügt hat, das im Speisezimmer des Dekanats ein Porträt Swifts zeigt.

Erhabener Grusel

So verbinden sich Schönheit und Schock; schauerromantisch-surreal umkreist der Künstler einen historischen Skandal und zieht doch Linien ins Heute, wo Kinder verkauft, als billige Lohnsklaven ausgebeutet werden, wo Menschen Organe abgeben, um überleben zu können. O’Kanes erhabener Grusel trifft in der Galerie mit einer Arbeit Wolfgang Ellenrieders zusammen, die von Titel und Genre her kaum gegensätzlicher sein könnte. „Kiosk des Glücks“ heißt die Installation. Eine Art Hochsitz mit grafisch anmutenden Oberflächen ist hier Teil einer raumgreifenden Konzeption. Anlässlich der Ausstellung ist bei Lubok dazu ein Künstlerbuch entstanden. Was wiederum eine Verbindung zu O’Kanes Arbeiten herstellt: Der 32-Jährige Schüler von Neo Rauch schuf sie als Auftragsarbeit. Im April 2016 war er von „The Salvage Press“, einer traditionellen Buchdruckerei in Dublin, eingeladen worden, Lithographien zu dem Swift-Text herzustellen, mit diesem und neuen Gedichten in einen Dialog zu treten.

Frühherbstliche Gemütlichkeit kommt in der Galerie Josef Filipp also keinesfalls auf. Auch in den übrigen Galerien der Spinnerei, die am Samstag alle von 16 bis 20 Uhr neue Ausstellungen zeigen, dürfte das eher nicht der Fall sein, wenngleich die Irritation dort vermutlich dosierter auftritt. So findet heute also erneut eine Art Rundgang vor dem eigentlichen Rundgang statt, ein Konzept, das bereits im Frühjahr ausprobiert wurde: Erst können sich Interessierte ohne Rundumprogramm auf die Galerie-Ausstellungen konzentrieren, am folgenden Wochenende, am 16. und 17. September, findet dann der eigentliche Rundgang statt, bei dem wieder über 10 000 Besucher erwartet werden. Viele Galeristen dürften dann in der Hauptstadt sein. Dort findet gleichzeitig die „Berlin Art Week“ statt.

Viel Malerei

Zurück nach Leipzig, wo bei Eigen+Art ab heute Ryan Mosleys erste Einzelausstellung in Leipzig zu sehen ist: „From the Verges“, was ungefähr „vom Seitenstreifen aus“ bedeutet. Gezeigt werden farbwilde, surreal anmutende Bühnenstücke und Porträts des britischen Malers. Überhaupt ist fast ausschließlich Malerei zu sehen – zum Beispiel mit Robert Seidel bei ASPN, Ulf Puder bei Jochen Hempel, Undine Bandelin bei The Grass Is Greener oder Clemens Tremel bei Reiter. Eine neue Dependence in der Spinnerei hat die Londoner Galerie Marcus Ritter. Auch hier ist ein Buch Ausgangspunkt für künstlerisches Schaffen. Durch die gestern Vormittag verschlossene Glastür war Bertrand Russels „In Praise of Idleness“ zu sehen, zu deutsch: Vom Lob des Müßiggangs.

Zwei große Gruppenausstellungen beginnen erst in einer Woche. In der Werkschauhalle 12 ist ab 16. September die Sammlung Philara des Düsseldorfers Gil Bronner zu sehen. Er präsentiert bis 14. Oktober teilweise noch unbekannte Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie. Das Kunstzentrum Halle 14 nimmt sein gut 14-Jähriges Bestehen zum Anlass für eine Selbstverortung, geht der Frage nach, wie zeitgenössische Kunst einen Denkraum etablieren kann und will sich dafür in ein öffentliches Labor verwandeln.

Am Samstag (9.9.) werden von 16–20 Uhr in allen Galerien der Leipziger Spinnerei neue Ausstellungen eröffnet. Der Rundgang findet am kommenden Wochenende statt – am 16. September von 11–18 und am 17. September von 11–16 Uhr

Von Jürgen Kleindienst

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