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Schöne Auferstehungen: Am Freitag beginnt die Leipziger Grassimesse

100 Aussteller aus ganz Europa Schöne Auferstehungen: Am Freitag beginnt die Leipziger Grassimesse

Kunst aus Staub, Scherenschnitte auf Porzellan und ein Fabelwesen, das sich bei Wärme bewegt: Am Freitag beginnt die Grassimesse im Museum für Angewandte Kunst in Leipzig. Bis Sonntag präsentieren und verkaufen rund 100 Künstler, Designer und Kunsthandwerker aus ganz Europa an 70 Messeständen aktuelle Arbeiten.

Schmetterlingskunst aus Zeitungspapier: Schmetterlinge spielen eine Rolle bei den Arbeiten der Keramikerin Sonngard Marcks. Sie holte mit ihren Arbeiten den mit 3000 Euro dotierten Hauptpreis der Grassimesse.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Ein eigenartiges Wesen ist da im Grassimuseum eingezogen – technoid, korallenartig, sechsarmig. Und es bewegt sich: Schaltet man die darüber platzierte Wärmelampe an, richten sich die Gliedmaßen auf. Erschaffen hat es die in Halle lebende Schmuckkünstlerin Beate Eismann im Rahmen eines Stipendiums des „SmartTransNet e.V.“. Ihre Aufgabe: Mit den Mitteln der Kunst sollen die Eigenschaften von intelligenten Werkstoffen einem breiteren Publikum vorgestellt werden. Zum Einsatz kommen hier so genannte Formgedächtnislegierungen, etwa aus Nickel und Titan, deren Atome sich bei Temperaturwechseln umordnen. Jetzt sucht Eismann Sponsoren für eine größere Version im öffentlichen Raum. Von Freitag bis Sonntag kann ihr Prototyp bei der Leipziger Grassimesse im Museum für Angewandte Kunst bewundert werden.

Rund 100 Künstler, Designer und Kunsthandwerker aus ganz Europa präsentieren und verkaufen an 70 Messeständen wieder aktuelle Arbeiten. Und gewissermaßen stehen Beate Eismanns Auferstehungs-Tentakel symbolisch für die Grassimesse selbst. 1920 war sie vom damaligen Direktor des Kunstgewerbemuseums Richard Graul (1862–1944), ins Leben gerufen worden, um der kommerziellen Massenware Paroli zu bieten – bis 1941. Nach kriegsbedingter Pause und gescheiterten Versuchen einer Neuetablierung in den 50ern gelang 1997 die Wiederbelebung mit durchaus ähnlichem Anspruch, so als hätte man eine Wärmlampe an die ursprüngliche Form gehalten.

Heute ist Olaf Thormann Museumsdirektor. Bei der Pressekonferenz am Donnerstag erinnert er an die Rückkehr der Grassimesse vor 20 Jahren und nutzt den runden Geburtstag für eine kleine Bilanz. Über 200 000 Besucher seien seitdem gekommen, mehr als 1500 Aussteller zeigten ihre Werke, und rund 75 Grassipreise wurden vergeben. Längst ist die Grassimesse wieder eine der führenden internationalen Verkaufsmessen für angewandte Kunst und Design.

Traumschönes Varieté aus Pappmaché

Mit Hilfe der weißen Wände aus der erst kürzlich beendeten „Bikes!“-Ausstellung ist ein von Sabine Epple kuratierter luftiger Parcours entstanden, der an jeder Ecke, in jeder Nische mit Überraschungen aufwartet, die manchmal Zeit brauchen und manchmal direkt in den Raum plautzen wie die knuffigen Schweine, Raben und Waschbären von Maria Barleben. Nicht weit davon schweben filigran die fantastischen Figuren von Kira Kotliar. Ein traumschönes Varieté aus Pappmaché, mit Pferden, Tänzerinnen, Fabeltieren.

Exquisit und ebenfalls hochfein sind die Arbeiten der Keramikerin Sonngard Marcks aus Wolfenbüttel. Für regelmäßige Besucher der Grassimesse ist sie eine alte Bekannte, die, so Olaf Thormann, in den vergangenen Jahren immer wieder eine Kandidatin für den mit 3000 Euro dotierten „Grassipreis der Carl und Anneliese Goerdeler-Stiftung“ war. In diesem Jahr bekommt sie ihn endlich – für ihre Arbeiten, bei denen Scherenschnitte und Zeichnungen auf ihre Teller und Gefäße gefunden haben – einmalig und schön.

Schmuck und Keramik sind ein Schwerpunkt in diesem Jahr, Glaskunst ist zu sehen, Möbeldesign, Spielzeug und Modedesign. Und immer wieder faszinieren die Materialien. Susanne Holzinger aus Regensburg etwa arbeitet mit Papier und einem Abfallprodukt, das bei dessen Verarbeitung anfällt: Papierstaub, den sie sortenrein gesammelt hat, mit dem sie ihre gefalteten Papiergefäße überzieht. Auch Asche und Kaffeesatz kommen bei Holzinger zum Einsatz. Asche und Staub – zu Kunst. Ästhetische und ethische Schönheit finden in den Teppichen und Tüchern der Leipziger Produzentengemeinschaft „We are KAL“ zusammen – mit Beziehungen nach Ladakh und Assam, wo mit Spinnern, Stickerinnen und Webern eng und transparent zusammengearbeitet wird.

Gastland der diesjährigen Grassimesse ist Wales mit neuen Arbeiten von acht Kunsthandwerkern und Designern, die im ersten Stock zu sehen und zu kaufen sind. Daneben stellen sich Absolventen und Studierende von vier deutschen Hochschulen sowie der Leipzig School of Design vor.

Grassimesse im Museum für Angewandte Kunst in Leipzig (Johannisplatz 5–11); geöffnet Freitag und Samstag 10–19, Sonntag 10–18 Uhr; Tagesticket: bis 18 Jahre frei, ansonsten 8/5,50/4 Euro; Festivalticket mit den Designer’s Open: 19,50/11 Euro

Von Jürgen Kleindienst

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