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Schöne, bunte Welten: Bernsteins „Candide“ feiert Premiere in der Leipziger MuKo

Rasante Irrfahrt Schöne, bunte Welten: Bernsteins „Candide“ feiert Premiere in der Leipziger MuKo

Leonard Bernsteins „Candide“ ist ein stilistischer Spagat zwischen Operette und Musical mit Anforderungen an Sänger und Orchester, wie man sie aus der Oper kennt. Die Leipziger Musikalische Komödie bringt diese bunte, verrückte und überhaupt nicht gute Welt auf die Bühne.

Miriam Neururer als Kunigunde.

Quelle: Leipzig report

Leipzig. Candide sei, so kommentierte Loriot einmal, das einzige Musical, dessen genaue Inhaltsangabe – rasch vorgetragen – ebenso lange dauert wie das Musical selbst. Um die halbe Welt verschlägt es den Titelhelden dieser absurd-komischen Geschichte, die auf Voltaires gleichnamigem satirischen Roman beruht. Erzählt wird in Candide von einer westfälischen Adelsfamilie mit dem holprigen Namen Thunder-Ten-Tronck, in der Candide, ein Neffe des Barons, zu Gast ist und sich prompt in die Baronstochter Kunigunde verliebt. Als Strippenzieher im Hintergrund wirkt der Hauslehrer Dr. Pangloss alias Voltaire, der Candide einimpft, dass alles auf Erden seinen Sinn hat und er – frei nach Leibniz – in der „besten aller möglichen Welten“ lebe. Doch die optimistische Weltanschauung erweist sich bald als Trugbild. Für sein Stelldichein mit Kunigunde wird Candide vom westfälischen Schloss verjagt. Nun beginnt für ihn eine Irrfahrt um den Globus, immer auf der Suche nach seiner Geliebten. Auf ihrer von Morden und Abenteuern gesäumten Reise durch Europa und die Neue Welt, in der sogar gerade Getötete, auch Dr. Pangloss, völlig überraschend stets zu neuem Leben erwachen, finden sie am Ende ihr Glück – ein Happy End, so unwirklich und absurd wie die gesamte Handlung.

Spagat zwischen Operette und Musical

Bernsteins Candide ist eine Comic Operetta, ein stilistischer Spagat zwischen Operette und Musical mit Anforderungen an Sänger und Orchester, wie man sie aus der Oper kennt. Die Musikalische Komödie bringt diese bunte, verrückte und überhaupt nicht gute Welt in der knapp zweistündigen deutschen Fassung von Marcel Prawy auf die Bühne, halbszenisch eingerichtet von Cusch Jung mit dem Bühnenbild von Frank Schmutzler. Die rasanten Ortswechsel ließen sich ohne erheblichen Aufwand gar nicht darstellen, deswegen steuert Milko Milev als charismatischer Erzähler mit Altherrenwitzattitüde das Geschehen, in dem er gleichzeitig als Dr. Pangloss alias Voltaire den zynischen Verführer mimt. Sein Tête-à-Tête mit der kessen Kammerjungfer Paquette (entzückend: Angela Mehling mit allen Waffen, die eine Frau hat), ist denn auch Stein des Anstoßes für eine Reihe von Verwicklungen, die Candide und Kunigunde kurze Liebesfreuden und sehr viel längeren Trennungsschmerz bescheren. Jefferey Krueger singt den unschuldigen Jüngling mit strahlkräftigem Tenor. Als naiv-urwüchsiger Naturbursche stolpert er durch die Szenerien, unbeirrt in seinem Glauben, alles in dieser Welt sei zum Besten bestellt.

Ihm zur Seite gesellt sich im rosa Petticoatkleid das Blondinchen Kunigunde, herrlich überdreht dargestellt von Mirjam Neururer. Als verstrahltes Heile-Welt-Liebespaar liefern sie eine bissige Parodie auf das beschauliche Lebensglück der amerikanischen Mittelklasse der 50er Jahre. In der berühmten Koloratursopranarie Mich umglitzert Gold (Glitter and Be Gay) kann Neururer alle Register ihrer Stimmkunst ziehen – zwischen den Extremen von tiefer Verzweiflung und exaltierter, ja hysterischer Freude: der Höhepunkt vor der Pause!

Nebenrolle im Mittelpunkt

Nach der Pause fällt der Spaß nicht ganz so kurzweilig aus. Zwar sorgt Hinrich Horn in seiner Doppelrolle als selbstverliebter Dandy vom anderen Ufer und unerbittlicher Großinquisitor weiter für angenehm unaufdringliche Situationskomik, doch mit der Alten Dame (großartig: Sabine Töpfer) zieht eine Nebenrolle bald so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass die Hauptdarsteller zu Randfiguren werden. In Ihrer Tango-Arie singt sie, sie komme eigentlich aus Polen, ihr Vater war ein Papst, und dennoch sei es ihr leicht gefallen, sich zu assimilieren und nun eine Spanierin zu sein. Damit erklärt sie ganz nebenbei die Funktionsweise von Leonard Bernsteins Musik. Er wandert beim Komponieren durch diverse musikalische Stile, bedient sich hier wie dort: Das Ergebnis: Eine zündende, alle Genres sprengende, aber auch plündernde Partitur.

Stefan Klingele und das Orchester der Musikalischen Komödie haben hörbar Spaß an dieser rhythmusbetonten Musik, die vom Samba bis zum Walzer alle möglichen Tanzarten bemüht. Für Schwung sorgt bereits die quirlige, bis in jede rhythmische Finesse durchleuchtete Ouvertüre. Am Ende müssen jedoch alle Beteiligten erkennen: Die von Dr. Pangloss behauptete beste aller Welten gibt es nicht. Doch man macht eben das Beste aus dem, was ist. Und so endet das Stück mit einem Plädoyer für Pragmatismus und Handwerk: „Die gute Erde zu bebauen, bis unser Garten blüht“, singen sie zuletzt, glücklich vereint. Langer Applaus für kurzweilige Unterhaltung!

Candide, wieder Dienstag, 19.30 Uhr in der Musikalischen Komödie Leipzig (Dreilindenstraße 30). Kartentelefon: 0341 1261261

Von Werner Kopfmüller

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