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Schönheit, aus der Zeit gefallen - Ashkenazy dirigiert Sternstunde im Großen Concert

Schönheit, aus der Zeit gefallen - Ashkenazy dirigiert Sternstunde im Großen Concert

In den ausverkauften Großen Concerten dieser Woche startete Vladimir Ashkenazy als Einspringer für den erkrankten Riccardo Chailly in den Rachmaninoff-Zyklus des Gewandhausorchesters - und dirigierte eine Sternstunde vom späten Ende der Romantik.

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Sticht immer wieder mit der Linken fordernd ins Gewandhausorchester: Vladimir Ashkenazy.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Es ist sein Debüt. Erstaunlich eigentlich. Hat doch Vladimir Ashkenazy, Jahrgang 1937, bereits auf der ganzen Welt bei den einschlägigen Spitzenorchestern am Pult gestanden. Um so erfreulicher ist es, dass der Russe nun ausgerechnet mit diesem Programm seinen Gewandhaus-Einstand gibt. Denn für die Musik Sergej Rachmaninoffs (1873-1943) gibt es kaum einen Besseren. Was eindrucksvoll die Gesamteinspielung der sinfonischen Werke belegt, die Ashkenazy Anfang der 80er mit dem Concertgebouworkest (dessen Chef später Riccardo Chailly wurde) bei Decca vorgelegt hat. Sie ist der Maßstab für die Produktionen, die Decca nun mit Chailly und dem Gewandhausorchester plant.

Dass Rachmaninoff bei Ashkenazy auf so fruchtbaren Boden fällt, mag damit zusammenhängen, dass der Komponist wie der Dirigent vom Klavier kommen. Beide zählten zu den größten Pianisten ihrer Zeit. Und viele tragen es Ashkenazy bis heute nach, dass er zunehmend die Tastatur vernachlässigte, um sich dem Taktstock zu widmen. Doch wenn die Ergebnisse so ausfallen wie vorgestern Abend im Großen Concert ...

Hier liegen die beiden letzten großen Werke des aus der Zeit gefallenen Komponisten auf dem Pult: Die dritte Sinfonie Opus 44 und die Sinfonischen Tänze Opus 46. Musik, die so gar nicht nach den 30ern und 40ern klingt, in denen sie entstanden ist - was ihr immer wieder zum Vorwurf gemacht wird. Doch damit leben die späten Werke von Puccini und Strauss auch nicht schlecht. Und es drängt sich die Frage auf, warum solche Partituren sich ihrer Schönheit und emotionalen Kraft schämen sollten - zumal sie durchaus nicht epigonal tönen.

Ashkenazy zeigt dies recht deutlich. Denn so kristallin sein Klavierspiel war, so uneitel und auf Transparenz bedacht arbeitet er auch als Dirigent. Wobei der Pianist insofern immer präsent bleibt, als er versucht, alles selbst herzustellen, bis ins Detail. Wo Chailly weiß, was sein Orchester kann (in dieser Musik ist das im Grunde alles), und seine Musiker auch mal von sich aus liefern lässt, sticht Ashenazys Linke immer wieder fordernd ins Ensemble. Tut sie es nicht, muss er sich beinahe zwingen, sie am Körper zu behalten - wo sie es nicht lange aushält, derweil die Rechte in zackiger Präzision das Tempo modelliert. Dem klingenden Ergebnis bekommt dieser Hang zur dirigentischen Überdetermination dennoch gut. Weil Ashkenazy kein Verweile-doch zulässt, immer weiter drängt und treibt und so der Gefahr entgeht, dass Symphonie und Tänze zur Aneinanderreihung schöner Stellen verflachen.

Derer gibt es dennoch im Überfluss. Aber Rachmaninoffs virtuose Arbeit am Motiv, mit der er aus kleinsten Zellen unendlich weite Bögen wachsen lässt, und die kontrapunktischen, klanglichen, rhythmischen Störmanöver, mit denen er die Süffigkeit unterläuft, nimmt Ashkenazy mindestens ebenso ernst wie die Entschlossenheit, mit der der Komponist nach der Seele greift.

So wird zweierlei ganz selbstverständlich hörbar: Beide Werke, mit denen der große Russe sich von der Welt verabschiedete, sind im Material eng miteinander verwandt. Wie ein zarter Schleier legen sich Reminiszenzen und Reflexe über Symphonie und Tänze, die Summe eines Komponisten-Lebens ziehend. Gleichsam als introvertierte Antwort auf jenes "Heldenleben", mit dem Richard Strauss sich sehr viel selbstgewisser vorübergehend von der Sinfonik verabschiedet hatte.

Dass Ashkenazys schlank-forscher Ansatz zum klingenden Analyse-Aufsatz verkommt, da ist das Gewandhausorchester vor, das in den Grenzen der Disziplin, die der Gastdirigent einfordert, ihm alle nur denkbaren Herrlichkeiten zu Füßen legt. Bereits die gewaltige Eruption, die zu Beginn der Dritten aus dem fahl singenden Nichts entsteht, mit dem Rachmaninoff die Feder seiner motivischen Arbeit vorspannt, vibriert vor innerer Energie. Die melodischen Wunder, die immer wieder in traumverloren schöne Soli von kammermusikalischer Unmittelbarkeit münden, sind subtiler, sinnlicher kaum denkbar: Christian Funkes Solo-Violine, Horn, Englisch Horn, das sanft klagende Saxophon in den Sinfonischen Tänzen und so weiter und so fort.

Am anderen Ende des Ausdrucksspektrums stehen machtvolle Steigerungen, die selbst im Tumult noch durchhörbar bleiben, nicht als Effekt wirken, sondern als Notwendigkeit. Und den Befund stützen, dass Kategorien wie modern oder unmodern bei dieser Musik nicht greifen: Gut ist sie - und wenn es nicht sentimental wird, dann darf sie auch schön sein, selbst unanständig schön.

Ausführlicher Applaus für einen späten Debütanten, der unbedingt ans Gewandhauspult zurückkehren sollte. Und gern auch mal wieder als Pianist etwas von sich hören lassen darf.

CD-Tipps: Rachmaninoff: Symhonien 1-3, Concertgebouworkest, Ashkenazy; Sinfonische Tänze, Der Fels, dito, beides Decca.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.04.2014

Peter Korfmacher

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