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Kultur Schräge Theatershow zur Fußball-WM
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17:32 03.07.2018
Torjubel als Tanz: Larsen Sechert (l.) feuert an, Markus Reichenbach (oben) und Philipp Nerlich praktizieren Formvollendung. Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Freunde und Gegner der Fußball-Weltmeisterschaft können einen Haken hinter das Spektakel machen. Obwohl die verbliebenen Kicker sich weiterhin aus dem Turnier schießen, steht für Zuschauer der Fußball-WM-Improshow Brasilien schon als Titelträger fest. In der prophetischen Schluss-Sequenz des Abends empfand das Knalltheater den Sieg im Finale gegen England vor – und so einiges andere nach.

Montagabend um 20.03 Uhr wird im Hof des nicht ganz ausverkauften Feinkost-Stadions Sportgeschichte geschrieben: Durch ein saudämliches Eigentor der Briten jubelt die Seleção, zum sechsten Mal gewinnt sie den Cup, das Publikum applaudiert. Ein anderes Vorrundenspiel kurz zuvor muss dagegen abgebrochen werden, weil auf der Ersatzbank unter drei Spielern Verzweiflung, Eifersucht und Schadenfreude ausbrechen – und kein Ketchup mehr für die Wurst da ist. Das muss man nicht verstehen, denn vieles an diesem wahrlich außergewöhnlichen Abend im Rahmen des Feinkost-Sommertheaters entzieht sich der Logik normalen Spielverständnisses.

Mit den Mitteln des Improtheaters dribbeln und zaubern Markus Reichenbach, Philipp Nerlich und Larsen Sechert über den auf die Bühne gebetteten Streifen aus Rasenteppich. Der ist zwar nicht – wie beim jämmerlichen deutschen 0:1 gegen Mexico – zu hoch, dafür aber doch arg locker befestigt. Im Grunde gar nicht, deshalb verändern sich schon mal die Flugbahn-Logik des Balles oder die Standfestigkeit der Akteure.

Was da wie vor sich geht, bestimmen genre-gemäß die Zuschauer, die beispielsweise ein Zitat in den Hof werfen sollen, das die Drei szenisch umsetzen. Und so tunnelt Nerlich zu Wilhelm Tells Vermutung „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“ gekonnt die Beine seiner Mitspieler, oder die gewünschte „kleine Manndeckung“ verursacht ein Knäuel aus Körpern. Nebenbei erklärt Sechert die Topform des Teams, von Trainern und Reportern momentan gern „Körpersprache“ genannt: Das Knalltheater belegte beim letztmalig ausgetragenen naTo-Cup auf der Festwiese den dritten Platz. Das liegt fünf Jahre zurück, trotzdem scheint das Trio nichts an Kondition und mentaler Stärke eingebüßt zu haben. Will heißen: Die sind fokussiert.

Natürlich gelingt nicht jeder Spielzug, führt nicht jeder Pass zum Abschluss. Was der isländische Nationalspieler Svensson im Baumarkt so anstellt, bleibt nebulös – vielleicht besorgt er neuen Rasenteppich. Fatal geradezu, dass in einer anderen Szene einer der Leistungsträger unter einer akuten Wiesenphobie leidet und ständig huckepack über die Fläche getragen werden muss. Das fällt sogar dem Trainer irgendwann auf.

Die stärksten Szenen hat die Mannschaft in der Partie zwischen Brasilien und Russland als getanzte Slowmotion. Fouls, Torschüsse und vor allem der akrobatisch anmutende Siegesjubel bekommen eine sehr eigene Choreografie.

Natürlich sind krude Kopfgeburten wie die Zick-Zack-Taktik an Schwachmatismus nicht zu überbieten, selbstverständlich geht diese Fußball-WM über Alberei und witzige Szenen-Häppchen nicht hinaus. Da toben drei ball- und kreationsverliebte Typen über die Bretter, die die Fußballwelt bedeuten, und lassen den britischen Kicker Harry Kane einen Hurricane erleben.

Wir halten also für die Feinkost-WM fest: Der Abend ist weitgehend rund, Improtheater dauert 60 Minuten und am Ende siegt Brasilien. Wobei das Publikum beim nächsten Impro-Match die Titelfrage wieder ganz anders beantworten kann.

Nächste Fußball-WM-Improshows am 8. und 9. Juli. Von Mittwoch bis kommenden Samstag spielt das Theater Pack im Hof der Feinkost seine Inszenierung „Offene Zweierbeziehung“ – jeweils 19 Uhr, Karten für 12/8 Euro an der Abendkasse.

Von Mark Daniel

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