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01:00 21.12.2017
Der Schriftsteller Sten Nadolny, in seiner Wohnung in Berlin. Quelle: dpa

Ihr jüngster Roman „Das Glück des Zauberers“ handelt von dem Zauberer Pahroc. Er ist im Greisenalter und will seine Fähigkeiten an seine Enkelin Mathilda weitergeben. Welche der von Ihnen beschriebenen Techniken würden Sie selbst gerne beherrschen?

Ich würde manchmal gerne durch Wände gehen können. Und fliegen wäre auch ganz lustig – schon allein, weil es weniger kostet, wenn man sich von allein in die Lüfte zu erheben vermöchte. Und man wäre in der Lage, sich wie ein Vogel selbst auszusuchen, wo man hinfliegt. Im Grunde aber finde ich es schöner, das Leben auf rationale Weise zu meistern.

Pahroc erzählt im Rückblick seine Geschichte, die vor dem Ersten Weltkrieg einsetzt. In dieser Zeit der Umbrüche und Krisen – wäre eine Rückkehr der Zauberer erstrebenswert?

Es hat sie ja in der Realität nie gegeben, deshalb können wir von Rückkehr nicht sprechen. Ich glaube nicht, dass Zauberer viel ausrichten könnten, davon handelt ja auch mein Buch. Sie vermögen am Lauf der Welt nichts zu ändern, sondern nur auf einzelne Menschen einzuwirken. Sie können in meinem Roman nicht mit Magie töten und auch ihr Leben nicht verlängern. Insofern habe ich die fiktiven Zauberer in meinem Buch bereits in ihre Schranken verwiesen. Es geht mir um etwas anderes. Zaubern stelle ich mir als ein großes Vergnügen vor, wie bei allen erworbenen Fähigkeiten: Eine Riesenfreunde erwächst daraus, etwas gelernt zu haben, darin besser und schließlich ein Meister zu werden. Der Zauberer ist also ein Sinnbild für einen freien und neugierigen Menschen, der seine Fähigkeiten entwickelt und dabei vielleicht auch unübliche Wege geht. Das hat auch eine gesellschaftliche Dimension: Denn ein Gemeinwesen oder ein Staat lebt davon, dass sich die Menschen darin frei bewegen können.

Zur Person

Sten Nadolny wurde 1942 in Zehdenick an der Havel geboren, er lebt in Berlin und am Chiemsee. Sein größter Erfolg war 1983 der Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ über den englischen Kapitän und Polarforscher John Franklin, der sich durch eine große Beharrlichkeit auszeichnet. Es folgten unter anderem „Gott der Frechheit“ (1994) über Hermes, den Gott der Diebe und Kaufleute, und „Weitlings Sommerfrische“ (2012) über das Thema Zeitreisen.

Beim Lesen denkt man an den Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ Ihres schwedischen Kollegen Jonas Jonasson ...

Mir ist natürlich die Parallele bewusst, es gibt eben nicht so viele Romane, die von Menschen jenseits der 100 handeln. Auch reisen beide Bücher literarisch durch das 20. Jahrhundert. Aber es gibt einen großen Unterschied: Mein Roman dreht sich um die Frage, was man anstreben sollte, wenn man ein freier Mensch werden will. Ich denke, dieses Thema spielt in dem Schelmenroman aus Schweden keine große Rolle.

Weshalb haben Sie die Form eines Briefromans gewählt?

Es gibt zunächst einen ganz praktischen Grund: Pahroc schreibt Briefe in die Zukunft, an seine Enkelin, die noch ein Baby ist und die Briefe erst lesen wird, wenn er selbst nicht mehr lebt. Der Briefroman ist aber auch generell ein wunderbares Medium, man sollte ihn wiederbeleben.

Pahroc distanziert sich als Briefeschreiber ein Stück weit von seiner Umwelt – wie jener Polarforscher aus Ihrem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“, der sich der Schnelllebigkeit der Zeit widersetzt. Haben Sie eine Vorliebe für solche Außenseiter?

Ja, das kann man eindeutigerweise so sagen. Ich liebe nicht nur die Außenseiter, weil ich im Grunde selbst auch einer bin, sondern ich liebe es auch, die Welt aus den Augen eines Außenseiters zu beschreiben. Das kann ein Gehandicapter sein oder ein Hochbegabter. Darunter fallen ja im Grunde auch die Zauberer. Die Welt ist leichter zu begreifen, wenn man sich ihr aus der Perspektive einer Randfigur nähert.

Diese Tage des Jahreswechsels sind eine Zeit der Entschleunigung. Seit Ihrem Plädoyer gegen die Schnelllebigkeit in Ihrem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ sind mehr als 30 Jahre vergangen. Ihrem Eindruck nach: Wie haben sich die Tempi des Zeitenlaufs seitdem entwickelt?

Ich denke, dass sich der Lauf der Dinge eher noch beschleunigt hat. Die Langsamkeit ist immer mehr zu einem Ort der Sehnsucht geworden, die Menschen haben keine große Aussicht darauf, dort jemals anzukommen. Denn wer kann es sich schon leisten, langsam zu sein – außer einem Zauberer vielleicht!

Haben Sie ein persönliches Lebensmotto?

Mein Lebensmotto ist etwas, das mein Vater mal gesagt hat: Wenn dir die Zuversicht ausgeht, erfinde sie. Das hilft mir manchmal, weil sie mir auch sehr oft ausgeht.

Sten Nadolny: „Das Glück des Zauberers“, Piper Verlag, 320 Seiten, 22 Euro

Von Nina May/RND

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