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Schriftstellerin Helga Königsdorf stirbt mit 75 Jahren

Schriftstellerin Helga Königsdorf stirbt mit 75 Jahren

Es war still geworden um Helga Königsdorf, seit vielen Jahren schwer an Parkinson erkrankt. Ihre Erinnerungen „Landschaft in wechselndem Licht" schließt sie 2002 mit dem Satz „Ich akzeptiere das Sterben nicht.

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Die Schriftstellerin Helga Königsdorf starb am Sonntag im Alter von 76 Jahren (Archivfoto).

Quelle: Privat

Leipzig. Ich sterbe unter Protest. Ich hätte so gern gesehen, wie es weitergeht." Am Sonntag ist die Schriftstellerin im Alter von 75 Jahren gestorben. Das teilte der Aufbau Verlag am Montag mit.

Die literarische Bühne betrat sie 1978 mit einem Triumph, dem Geschichtenband „Meine ungehörigen Träume". Da macht sich die Ich-Erzählerin einen „angegrauten, lüsternen, dicken" Kollegen zum (schlechten) Liebhaber, um ihn schließlich über die Balkonbrüstung zu entsorgen. Die junge Wissenschaftlerin Johanna prallt auf die Feigheit ihrer männlichen Vorgesetzten. Eine Frau wehrt sich gegen das Schweigen der Mutter. So viel Mündigkeit war selten. Und Königsdorf schrieb, sie sehe ihrem unvermeidbarem Schicksal gefasst ins Auge, „nach Erscheinen dieser Geschichten ein unbemanntes Dasein fristen zu müssen".

Schreiben wollte sie bereits als Jugendliche, aber erst 30 Jahre später war aus dem Wollen ein Muss geworden. Am 13. Juli 1938 als „Großbauernkind" in Gera geboren, arbeitete sie nach dem Physikstudium am Mathematischen Institut der Akademie der Wissenschaften in Berlin, wo sie eine Abteilung für Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik leitete.

Ehrgeizig und arbeitssüchtig forschte sie, reiste viel, blieb aber unzufrieden. Anfang der 70er trat sie in die SED ein – sie wollte den Anschluss an das internationale wissenschaftliche Leben für sich und ihre Mitarbeiter. Die Zweifel am System kamen später, kamen mit dem belletristischen Schreiben, bis 1991 parallel zur wissenschaftlichen Arbeit, dann erst freischaffend. Als Motivation nannte sie ein „gewisses Sendungsbewusstsein".

Königsdorf verschränkt in ihren aufmüpfigen lakonischen Erzählungen Konsequenz im Denken mit Visionen, Schonungslosigkeit mit Selbstironie, Struktur mit Emotion, gesellschaftliche Verhältnisse mit Privatem. „Wer Ähnlichkeiten findet, muss Gründe haben", hat sie ihrem zweiten Erzählungsband, „Der Lauf der Dinge" (1982), vorangestellt. In „Respektloser Umgang"(1986) beschreibt sie eine fiktive Begegnung der Mitte 40-Jährigen, an einer tückischen Krankheit leidenden Erzählerin mit der Atomphysikerin Lise Meitner. Königsdorf brachte eigene Erfahrungen in eine Form, die anderen Erkennen oder Erkenntnis ermöglicht.

„Nehme ich die Bücher aus der Zeit in die Hand, staune ich, wie streng sie mit den Verhältnissen ins Gericht gingen. Ich hatte keinen Ärger durch irgendwelche Behörden. Mein Widersacher war ich selbst. Ich hatte es vor allem mit der eigenen inneren Zensur zu tun. Ich musste ganze Traumwelten gegen sie auffahren", schrieb Königsdorf, deren Bücher neben denen von Christa Wolf, Brigitte Reimann, Maxie Wander oder Irmtraut Morgner standen.

Die Monate nach dem Mauerfall waren für sie Herausforderung, gegen Macht oder Ohnmacht das Machen zu setzen. „Noch wurde ich zu Gesprächsrunden und Talkshows eingeladen." Sie hatte große Angst zu vereinsamen und kandidierte bei den ersten gemeinsamen Wahlen 1990 auch aus einer emotionalen Bindung heraus für die PDS/Linke Liste Baden-Württemberg. Den „einseitigen Polittransfer von West nach Ost" empfand sie als demütigend. „Demütigungen sind immer gefährlich, weil die meisten Menschen dann jemanden brauchen, an den sie die Demütigung weitergeben können."

Fühlte sie sich einst mit den Lesern im Bunde, sah sie sich nun alleingestellt auf sich in den Auseinandersetzungen mit der Zeit. Im Jahrestakt erschienen mit „Adieu DDR" Protokolle eines Abschieds, die Erzählungen „Gleich neben Afrika", Essays sowie die Romane „Im Schatten des Regenbogens" und „Die Entsorgung der Großmutter". Sie sind alle nur noch antiquarisch zu haben.

1994 von Günter Gaus nach der Bedeutung von Schriftstellern im pluralistischen System befragt, teilte sie den Begriff Bedeutung in Prestige und Aufgabe. „Das Prestige des Menschen wird ja nicht so sehr danach bemessen, was er leistet, sondern was er mit seiner Leistung verdient. Und Schriftsteller werden nicht sehr gut bezahlt." Und sie glaubte: „Die Aufgabe, die wir als Schriftsteller an sich hätten, füllen wir bisher in keiner Weise aus. Sie ist noch größer als früher. Sie ist einfach sehr groß." Geübt darin, Dinge in Frage zu stellen, hatte sie „ein bisschen Schwierigkeiten" mit der Wirklichkeit. „Wenn man Wirklichkeit nur mit dem Verstand beurteilt, dann sind zu einer Beobachtung der Wirklichkeit mehrere Hypothesen möglich. Und man braucht schon das Gefühl, um sie zusammenzubinden, um sie zu verdichten."

Zu schreiben war für Helga Königsdorf „Existenzform und Bollwerk zugleich". Ein Bollwerk gegen die unheilbare Krankheit. Ihr Erinnerungsbuch hat sie zum Teil diktiert, weil die Hand nicht mehr gehorchte. „Vielleicht", dachte sie, „ist der Altersparkinson ein Preis, den die Menschen für den aufrechten Gang zu zahlen haben".

Janina Fleischer

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