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Kultur Schrulliger Goth aus der Kleinstadt: Leipziger „Nosferatu“ voller Klischees
Nachrichten Kultur Schrulliger Goth aus der Kleinstadt: Leipziger „Nosferatu“ voller Klischees
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16:49 31.05.2017
Auf der Suche nach der Nebelmaschine: Dirk Baum, Philipp Zemmrich, Jan Baake, Linda Ghandour (von links) und Betty Wirtz (rechts hinten) schippern durch das Kellergewölbe der Moritzbastei. Quelle: Stefan Hoyer
Leipzig

Dracula und kein Ende. Ein wenig mag man ja aufstöhnen: Bitte nicht schon wieder der alte Knabe! Aber wie das so ist mit den Untoten. Sie sind halt nicht tot zu kriegen. Lebendiger macht sie das aber auch nicht automatisch – wie jetzt eine weitere Bühnenfassung des Stoffes zeigt: Basierend auf Murnaus legendärem Film, hatte am Dienstag „Nosferatu“ Premiere. Eine Koproduktion zwischen Theater der Jungen Welt und Moritzbastei, in deren Gewölben der Vampir unter der Regie Matthias Thiemes jetzt ans Blutsaugen geht.

Was fraglos perfekt getimt ist, mit Blick auf jenen „Wave-Gotik-Treffen“ genannten Fasching in Schwarz, jenem Event gut gelaunt zelebrierten Weltverdrusses, der ja Pfingsten wieder in Leipzig seine putzigen Urstände feiert. Dass nun diese Inszenierung daran partizipieren möchte, ist nicht der Punkt, den man ihr zum Vorwurf machen kann.

Zu Beginn von „Nosferatu“ muss sich das Publikum erst einmal vertrauensvoll in die Hände des Abraham Van Helsing begeben. Auf dass der Vampirjäger als Irrenhausarzt einen hinab geleite zu jenen illustren Patienten, die da im MB-Gewölbe aufs Böse, auf „den Meister“ warten.

Da klaubt Dirk Baum als Renfield mit stierem Blick und in gelungen grusliger Armer-Irrer-Unschuld seine Fliegen von den Backsteinwänden, während wiederum Philipp Zemmrich und Linda Ghandour als Jonathan und Ellen Hutter eher mit jener Art schrillem Overacting gruseln, die entweder, aus welchen Gründen auch immer, von der Regie eingefordert ist, oder sich – naheliegender – schlicht einem Mangel an Regie schuldet. Von Betty Wirtz’ darstellerischem Kunstgewerbe als „rumänische Frau“ mit albernem Akzent samt Kopftuch und Knoblauchknollen ist da noch gar nicht die Rede.

Lautes Hampeln und humoriges Poltern

Klischieren als Regiekonzept? Chargieren als Spielform? War das so gewollt? Klar, man kann solch Stoff gut und gern mit den Mitteln trashiger Überreizung und klischierter Posen in Szene setzen. Wenn man es kann. Jan Baake, der als Van Helsing ja auch die nicht ganz leichte Aufgabe hat, die Zuschauer durchs MB-Gewölbe von einer Szene zur nächsten zu führen, kann durchaus. Bricht runter, was anderweitig zu hoch kocht, versucht immer wieder die Nuance. Wirft aber diesbezüglich dann spätestens im zweiten Teil der Inszenierung das Handtuch.

Dann nämlich, wenn die Zuschauer vor einem großen, mit blutigem Stoff umflatterten Himmelbett sitzen und endlich zu sehen bekommen, woraufhin der Spannungsbogen ja von Anfang an zielt: Den Auftritt des „Meisters“, des Vampirs natürlich. Der hier zweigeteilt ist (darin Klaus Buhlerts Hörspiel „Der doppelte Vampir“ folgend) und von Wirtz und Bach mit Puppen gegeben wird, die es in ihrer Anmutung tatsächlich schaffen, den Blutsauger aus Transsylvanien irgendwie nach schrulligem Goth aus deutscher Kleinstadt aussehen zu lassen. Mit niedlichen Zähnchen, freundlichem Blick und durch zu viel Färben etwas dünn gewordenem Haar erscheint der zwischen den Himmelbettpfosten im Kunstnebel (Bühne/Puppenbau: Christof von Büren) und stiftet sein allbekanntes Unheil.

Eins, das in dieser Inszenierung laut hampelnd und humorig polternd weitteilig den endgültigen Aderlass an Timing und Atmosphäre exerziert. Dinge, um die sich irgendwann nur noch die Nebelmaschine zu kümmern scheint. Immerhin die. Ansonsten wird gebissen und gestorben, gibt es ein klemmiges Kopulieren als Hörspiel und Sinniges à la „Schlimmer als jeder Vampir ist doch der Mensch“. Schon klar, Hitler und so. Eine Schlusspointe gibt es auch. Dann noch ein Liedchen. Und zur Premiere begeisterten Applaus. Dann hat’s ein Ende. Bis zum nächsten Mal.

„Nosferatu“, wieder am 1. und 2. sowie 7. und 8. Juni, jeweils 20 Uhr, Moritzbastei (Universitätsstraße 9), Eintritt 12/6 Euro

Von Steffen Georgi

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