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Schürzenjäger in der Serengeti: Die ARD widmet „Grzimek“ 195 Sendeminuten

Schürzenjäger in der Serengeti: Die ARD widmet „Grzimek“ 195 Sendeminuten

Andere Großväter köpfen genussvoll ihr Frühstücksei und scheren sich nicht darum, woher es stammt. Dieser Pensionär aber düst mit dem Enkel auf dem Beifahrersitz los – dahin, wo die gequälte Kreatur in Legebatterien gackert und Frühstückseier im Akkord produziert.

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Ulrich Tukur in der Rolle des Bernhard Grzimek im Zoo von Frankfurt am Main.

Quelle: Frank Rumpenhorst

Der Enkel soll Schmiere stehen, Opa filmt heimlich die zusammengepferchten Hühner für seine nächste Sendung. Und wenn wer kommt, Opa? „Dann nimmst du die Beine in die Hand.“

Das sei kein besonders ausgetüftelter Plan, befindet der Enkel. Opa ist’s egal, solange es dem Wohl der Tiere dient. Das hat er schon immer so gehalten. Schön, dass Regisseur Roland Suso Richter („Mogadischu“, „Die Spiegel-Affäre“) in seinem Biopic auch diese Episode aus dem Leben von Bernhard Grzimek herausgepickt hat. Die üppige TV-Würdigung – insgesamt 195 Minuten lang inklusive einer nachfolgenden Doku – erweitert das Bild des Naturschützers.

Viele kennen Grzimek als den näselnden Tieronkel, garniert mit Gepard oder Giftfrosch auf dem Schreibtisch, der zuverlässig am Ende einer jeden Sendung zu Spenden für Reservate in Tansania oder Ruanda aufruft. Bei der heutigen Übersättigung mit Löwen in Zeitlupe und Krokodilen im Detail kann man sich kaum mehr vorstellen, welche Sensation Grzimeks Aufnahmen aus den bedrohten Tierparadiesen einst darstellten. Für den Artenschützer, Zoodirektor und Visionär musste es aber gar nicht immer die Wildnis Afrikas sein – nur ließ sich über die fotogenen Viecher dort am besten Geld bei den Gönnern lockermachen.

Genauso trat Grzimek (im Film gespielt von Ulrich Tukur) für die heimische Umwelt ein und griff Themen auf, die uns bis heute den Appetit verderben. Und doch gilt auch im Fall des malträtierten Federviehs: „Grzimek“ bietet die weichgespülte Version eines radikalen Umweltschützers. Dass der Marketingprofi beispielsweise provokativ von „KZ-Hühnern“ sprach, um einen öffentlichen Aufschrei auszulösen, bleibt hier unerwähnt. Und wenn schon die ganze überreiche Biografie abgehandelt und auch die dunkle Seite ausgeleuchtet werden soll, dann hätte auch die Zeit vor 1945 stärker in den Blick genommenwerden müssen.

Was ist mit Grzimeks Mitgliedschaft in der NSDAP, die er stets geleugnet hat? Oder mit seiner Mitwirkung an Leni Riefenstahls Epos „Tiefland“, für das er die Wölfe dressierte? Der Spielfilm setzt mit Grzimeks Rettung des verwüsteten Frankfurter Zoos nach dem Krieg ein. Erst die der Fiktion nachgeschaltete Doku berührt die Zeit vor 1945. Zu viel Differenzierung sollte es wohl doch nicht sein – erstaunlich allerdings, dass Grzimeks Familie das Drehbuch von Marco Rossi abgesegnet hat, denn privat kommt der Titelheld nicht gutweg.

Viel Platz wird seiner ersten Ehefrau Hilde (Barbara Auer) und seiner Schwiegertochter Erika (Katharina Schüttler) eingeräumt, die er nach dem tödlichen Unfall seines Sohnes Michael heiratete – und dann die Enkel als seine Söhne adoptierte. Klar, dass Suso Richter diese intimen Verwicklungen inklusive unehelicher Kinder genüsslich einbaut. Solch Verstrickungen über die Generationen hinweg gibt es höchstens noch bei Woody Allen. Doch gerade im zweiten Teil verzettelt sich der Regisseur in den zahlreichen Affären. „Grzimek“ schrumpft zur Homestory. Dass der zumeist abwesende Familienvater zum Leidwesen Hildes auch ein lügender Schürzenjäger war und die Tiere mehr liebte als die Menschen, hat man irgendwann kapiert.

Die Zerrissenheit des Titelhelden wird aber spürbar, und das ist Ulrich Tukur zu verdanken. Er imitiert Grzimek nicht, lässt Eitelkeit, gelegentliche Arroganz und zunehmende Verzweiflung durchscheinen – nicht nur nach dem Absturz von Sohn Michael (Jan Krauter) 1959 in der Serengeti. Am Ende ist Grzimek nur noch müde und verbittert: Er glaubt, beim Schutz der Schönheiten unseres Planeten versagt zu haben. Wer je an der Grabpyramide für Michael und ihn in Tansania gestanden und in den Ngorongoro-Krater geblickt hat, weiß, dass dem nicht so ist. Gedreht wurde „Grzimek“ in Südafrika.

„Grzimek“ | ARD, Biopic mit Ulrich Tukur, Freitag, 20.15 Uhr

Stefan Stosch

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