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Schwiemelgeist gegen Fürstenhure: Theater auf der Spur Thomas Müntzers

Moritzbastei Schwiemelgeist gegen Fürstenhure: Theater auf der Spur Thomas Müntzers

Das Reformationsjubiläum geht auch am Konsortium Luft und Tiefe nicht spurlos vorüber: Der Zusammenschluss aus Schaustelle Halle, Theaterschafft Leipzig und Künstlerhaus Thüringen spielt im Innenhof der Moritzbastei bis Sonntag ein Sommertheaterstück über Thomas Müntzer.

In „Hals über Kopf“ begeben sich Maria Steurich, Astrid Kohlhoff, Jan Uplegger und Simon van Parys (von links) in die Zeit der Reformation und Bauernkriege.

Quelle: André Kempner

Leipzig . Es geht wörtlich um „Löcher im Himmel“. In der säkularen Welt mag man an Schwarze Löcher oder Ozonlöcher denken. Doch hier wird theologische Metaphorik bemüht: Um den Zugang des Menschen zu Gott geht es, und die Frage, ob es des Umwegs über die Kirche als Mittler bedarf, oder ob der Einzelne nicht seinen eigenen, privaten Zugang findet. Jener Gedanke also, aus dem die Reformation kroch. Und jener Gedanke, den der Theologe Thomas Müntzer mit Martin Luther teilte. Müntzer aber ging weiter, nicht nur in der Radikalität der Auslegung, er wurde ebenso zum weltlichen Revolutionär wider die Ständegesellschaft. Um diesen Lebensweg geht es im Sommertheater „Hals über Kopf“, das seit Mittwochabend im Hof der Moritzbastei zu sehen ist.

Thomas Müntzer wurde vom Anhänger zum großen Gegenspieler Luthers. Was die Schauspieler Jan Uplegger als Müntzer und Simon van Parys als Martin Luther wortreich und handfest austragen. Schimpft Luther Müntzer einen „Schwiemelgeist“, so schmettert der dem zu Futter gekommenen Reformator die Worte „Mastschwein“ und „Fürstenhure“ entgegen. In einer Bud-Spencer-Gedächtniseinlage fliegen die Fäuste und rollen die Streithähne über die Bühnenbretter.

Die erbitterten Widersacher werden sich nicht real auf den Boden des 16. Jahrhunderts gerungen haben, doch bei aller künstlerischen Freiheit hat sich die Theatergruppe „Konsortium Luft und Tiefe“ tief in die Recherche gekniet, Müntzers Kernanliegen herausgearbeitet und gut dosiert Originaltexte eingearbeitet. Als Flugblätter flattern sie von befreiter Nonnenhand geworfen mitunter ins Publikum. Dabei steuern Regisseur Stefan Ebeling, der mit Silvio Beck auch für die Dramaturgie verantwortlich ist, und die Schauspieler souverän durch den Abend, ohne sich in unnötige theologische Details zu verstricken, auf geschichtlichen Nebengleisen zu verirren oder auf dem Niveau eines Historienspektakels zu verharren. Für einen biografischen Müntzerabend ja durchaus drohende Stolpersteine. Die aber werden in den Händen der Schauspieler zu Jonglierbällen. Zum Beispiel, wenn Ottilie von Gersen (Astrid Kohlhoff), erst Nonne, dann Frau von Müntzer, ihrem Gatten aus ästhetischen Gründen immer wieder die Müntzer-Mütze vom Kopf reißt. Mehr als nur ein kleiner Gag, das Ensemble baut mit solcherlei Details geschickt Distanz auf zu den historisierenden Gewändern (von Katharina Kraft) und der reinen Erzählebene.

Luftig und tiefgründig

Regelmäßig glückt der Rückzug auf die Metaebene, gern mit zeitgeistigen Mediations-Instrumenten: Katharina von Bora (Maria Steurich) fordert die Streithähne zum Rollentausch auf – „Martin, versuche, dich in seine Lage zu versetzen“. Schon im Prolog beginnt das Spiel mit der Distanz zur eigenen Rolle, treten die Schauspieler in Dialog mit dem Publikum. So werden die 500 Jahre alten Gedanken Müntzers und Luthers zumindest andeutungsweise kurzgeschlossen mit aktuellen Fragen der Ethik.

Den Handlungsfluss stören die Sprünge zwischen den Spielebenen nicht. Das überzeugende Darsteller-Quartett findet stets ansatzlos den Weg zurück in die Rolle. Bis hin zum vierstimmigen Gesang, der umgehend die sakrale Aura jener gottesfürchtigen Epoche in den MB-Innenhof transportiert. Ein wirkungsvoller Kontrast zu klamaukigen Einsprengseln, wenn die Herren im Talar zu Klostermauern versteinern, über die die Nonnen türmen. Oder wenn Ottilie Obdach im Ziegenstall sucht – und sich die übrigen mit Gemecker und gut beobachteter Drängelei nach Ziegenart um sie scharen.

Was das „Konsortium Luft und Tiefe“ mit seinem Namen behauptet, findet auf der Bühne Widerhall: tiefgründige Story, umwölkt von luftiger Heiterkeit. Versprechen eingelöst. Nach Auftritten in Schloss Kannawurf, Halle und Weimar zeigt die Gruppe, die sich aus Theatermachern von Schaustelle Halle, Theaterschafft Leipzig und Künstlerhaus Kannawurf zusammensetzt, ihren Müntzer bis Sonntag nur noch in Leipzig.

Weitere Termine: Donnerstag bis Sonntag, je 20 Uhr, Moritzbastei (Universitätsstraße 9), Karten an der Abendkasse: 17/11 Euro

Von Dimo Rieß

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