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Seelen-Vakuum

Seelen-Vakuum

Der goldene Käfig Heddas besteht aus einer halbkreisförmig angelegten Sitzgruppe in Blau. Ins Licht gesetzt von einer ebenso gebogenen Leuchtröhre, wie sie über Konferenztischen hängen könnte.

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Ejlert Løvberg (André Willmund) beschwört Hedda Gabler (Lisa Mies). Im Hintergrund: Jørgen Tesman (Ulrich Brandhoff, links) und Brack (Denis Petkovic).

Quelle: Rolf Arnold/Schauspiel

Zeitlose und nicht ganz geschmackssichere Großbürgerlichkeit wird da angedeutet. Bewusst kein Historisieren, kein Epochengemälde des Fin de Siècle. Eine Abgrenzung zu Ibsens Text, der mit seinem 1890 erschienen Drama ein psychologisches Porträt jener Jahre entwarf, als man noch die Zylinder über die Karl Johans Gate in Kristiania, wie Oslo damals hieß, spazieren trug, und die Avantgarde wie Ibsens Landsmann Edvard Munch aufgeregt die Schuhe für den Sprung in die Moderne schnürte.

"Hedda Gabler", das wird bei der Schauspiel-Premiere am Donnerstagabend angedeutet, lässt sich auch zeitlos lesen. Ibsen lässt die innere Leere seiner Protagonistin widerhallen. Und Seelen-Vakuum wird auch heute im Überfluss herumgetragen. Die Ursachen mögen andere sein. Die Konsequenzen, die Optionen der Auswege ebenso. Es ließe sich fragen, was Hedda - materiell versorgt, emotional versiegt - 100 Jahre später getan hätte. Eine Stiftung gründen? Esoterik-Messen besuchen? Ledergürtel verkaufen? So weit geht Regisseur Sarantos Zervoulakos nicht. Er nimmt Ibsen letztlich, trotz der Andeutung, das Drama aus dem Zeitkontext zu befreien, beim Wort und führt die Inszenierung zum finalen Knall, zum Suizid Heddas.

Der lässt sich ableiten aus dem Geschehen. Und dennoch fällt es schwer, ihr diese letzte Konsequenz abzunehmen. Gerade weil, was die Stärke der Inszenierung ist, die Charaktere nicht so eindimensional agieren, wie es die Vorlage anböte, sondern Identifikationsflächen auch aus heutiger Perspektive bieten. Lisa Mies spielt als Hedda alle Unsicherheiten der Protagonistin aus, die Zweifel, die Wechsel zwischen Impuls und Strategie. Da schimmert immer noch ein Hauch der Hoffnung durch, zum Leben und zum Gefühl durchzudringen. Die wiederkehrende Griff zur Pistole, das Erschauern vor der Möglichkeit der Tat, die Lust, Schicksal zu spielen. Mehr als das Böse wird der Schrei nach Leben ausgestellt. Das, was man heute als Suche nach dem Kick bezeichnen würde.

Nicht nur Lisa Mies gelingt auf der runden, in den Saal vorgeschobenen Bühne eine gut austarierte Leistung. Vital und zerbrechlich zugleich gibt André Willmund den genialen, aber absturzgefährdeten Løvborg. Jørgen Tesman (Ulrich Brandhoff) der junge Ehemann und Kulturwissenschaftler mit Karriereaussicht deutet mit ironischem Tonfall an, dass er vielleicht mehr ahnt, als es scheint. Geschickt stolpert Brandhoff über die vielen Klippen, kippt mimisch immer wieder aus seinem vermeintlichen Glück, etwa wenn sich Hedda aus seinem Kuss windet oder Løvborg wieder zum Konkurrenten wird. Soll er sich freuen, dass Løvborg ihm nicht die Professur streitig macht und die schallende Ohrfeige ignorieren, die darin steckt, dass er Tesman mit einer neuen Schrift nur in der öffentlichen Meinung ausstechen will? Derweil kontrolliert Gerichtsrat Brack (Denis Petkovic) souverän das Geschehen. Alle verfolgen Ziele, die aneinander vorbeiführen, den anderen instrumentalisieren oder im besten Fall ignorieren.

Eine Ausnahme die übrigen Frauenrollen: Frau Elvsted (schön verhuscht: Daniela Keckeis) dient Løvborg als arbeitssame Muse. Juliane Tesman, Jørgens Tante, (Gastschauspielerin Hedi Kriegskotte in Senioren-Beige) als Antipodin zu Hedda, findet Erfüllung in der Pflege ihrer kranken Schwester. Helfen ist ihr Sinn des Lebens.

Die Charaktere sind stringent ausgearbeitet. Und dennoch schleppen sich die zwei Stunden phasenweise etwas müde dahin, gehen die Blicke im Publikum gelegentlich Richtung Uhr. Immer wieder lähmende Stille, die begründet sein mag, wenn sich Hedda in die Schrift Løvborgs vertieft. Aha, endlich etwas, das sie doch fasziniert. Aber selten, dass sich eine Szene in einem eindrücklichen Bild auflöst, wie der Moment, als Hedda die noch unveröffentlichte Schrift auf dem Tisch verbrennt und eine feine Rauchsäule als Ausrufezeichen im Raum steht. Die Inszenierung bleibt irgendwo stecken auf dem Weg von der Dekadenz-Epoche ins Allgemeingültige. Ein kleiner Witz noch hier und da: Das Symbol für Spießigkeit, die Hausschuhe Tesmans, entpuppen sich als Kinderschuhe. Und dazu dreht sich das Sitzrund immerfort im Kreis. Unmerklich fast. Ein hübscher Aha-Effekt, mehr nicht, wenn man die Perspektiv-Verschiebung erstmals wahrnimmt. Freundlicher Schlussapplaus, vorsichtiger Jubel für ein starkes Ensemble. Und die Sitzgruppe, vielleicht dreht sie sich immer noch. Dimo Rieß

iWeitere Vorstellungen: 25. April, 2., 17. und 22. Mai, 1. Juni, jeweils 19.30 Uhr; Kartentelefon: 0341 1268168

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.04.2014
Rieß, Dimo

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