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Kultur Serie: So war das damals - Der Waldstraßenschreck
Nachrichten Kultur Serie: So war das damals - Der Waldstraßenschreck
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00:59 04.06.2014

Die Kriegshandlungen und Angriffe dauerten noch im Winter 1944/45 an. Eine Splittergranate traf das Zimmer, wo meiner Mutter mich auf dem Tisch wickelte. Hätte ich in diesem Moment den Kopf gehoben, könnte ich heute nicht mehr schreiben.

In der Kellerwohnung unter uns lebte und arbeitete der Schuhmacher Ruppsch mit Frau und Tochter Renate. Im Hause wohnte eine Familie aus dem hohen Norden. Ihr ausgeprägter ssspitzer SSStein in der Sprache ist mir in Erinnerung. In der Waldstraße teilte sich die Wohnung in zwei Hälften. Im Vorderteil wohnten wir, im hinteren eine Familie Uhlitschka. Deren Auszug verhalf meinen Eltern zu einer Bleibe. Im Winter glitzerten die Außenwände mit Eiskristallen. Diese Zeiten weilten wir meist im Vorderteil, die Küche war wegen des Herds etwas wärmer und das Wohnzimmer der Großeltern konnte einigermaßen geheizt werden.[gallery:700-NR_LVZ_GALLERY_33239]

Einen großen Hof teilten wir mit dem Nachbarhaus. Es gab zwei Hausflure mit jeweils den Eingängen im Hof, wo etliche Kinder spielten: Ballspiele verschiedener Art, "Räuber und Schambambel" oder "Fischer, wie hoch steht das Wasser". Die Himmelhubbe spielte sich auf dem Straßenpflaster ab, aber immer mussten wir wachsam sein, ob der "Waldstraßenschreck", ein Vopo (Volkspolizist, die Red.), in der Nähe war. Denn er strafte uns hart für die "Schmierereien" aus Kreide auf den Gehwegplatten.

Im anderen Nachbarhaus wohnte und betrieb die Familie Lieberwirt einen Bonbonladen. Ich spielte oft mit deren Sohn in ihrem sich hofseitig befindenden Garten. Zum "Tauchscher" im Spätsommer ging er einmal als Rotkäppchen und ich als Kutscher verkleidet. Lampionumzüge waren auch beliebt im Herbst. Die größeren Kinder trieben das Spektakel "Tauchscher" bis zu rivalisierenden Straßenkämpfen. Meist blieben kaputte Sachen, Schrammen und Beulen davon übrig.

Meine Mutter verdiente den Lebensunterhalt mit Näh- und Handarbeiten und zauberte aus alten Sachen etwas für mich zum Anziehen. Dann war sie bei der Firma Sturm in der Markkleeberger Hauptstraße beschäftigt, fertigte Teddybären an, später nähte sie Puppenkleider, manchmal Kinderschürzen und Shorts. Als Schulmädel begleitete ich sie oft in den Ferien als Trägerin der Materialien.

Als meine Mutter 17 Jahre alt war, kam ich zur Welt. Nach vier Jahren kam die Scheidung, da mein Erzeuger sehr jähzornig war und uns schlug. Über die Feldpost lernte meine Mutter den neuen Vater kennen, bei ihrer Hochzeit streute ich mit der zwei Jahre älteren Tochter des Milchladens Rändler auf der Straße der III. Weltfestspiele (heute Jahnallee) Blumen.

Mein Großvater war vor dem Krieg Beamter beim Leipziger Fernmeldeamt und demzufolge Mitglied der NSDAP. Nach dem Zusammenbruch arbeitete Opa als Hilfsarbeiter bei den Leipziger Eisen- und Stahlgusswerken in Leutzsch, ebenso dann mein aus Gefangenschaft bei den Russen kommender Vater, der sich zum Schweißer qualifizierte.

Obligatorisch waren damals die handgestrickten Leibchen mit den Strumpfhaltern daran. Besonders die Jungen froren stark an der nackten Haut zwischen den Haltern und den Strumpfansätzen. Wer besaß nach dem Krieg schon eine lange Hose? Als Kind?

Anfang der 1950er Jahre zog unsere jetzt sechsköpfige Familie in die Elsterstraße 48. Dort kam der zweite Bruder nach einem Jahr zur Welt. Es waren bei uns Hausgeburten. An die Hebamme kann ich mich noch gut erinnern: Eine Frau mit Brille starrte in der Waldstraße ins Fenster, wo ich hinter der Scheibe hinaussah. Ich streckte ihr die Zunge heraus. Soll ich damals als Fünfjährige öfter getan haben.

Der Anblick eines Mannes ohne Beine, auf einem rollbaren Brett sich vorwärts bewegend, hat sich im Gedächtnis festgesetzt. Ebenso der mittelgroße Hund, der an einer längeren Leine seine Besitzerin hinter sich herzog. Letztere musste immer rennen, der Hund war nicht zu bremsen.

Bei jeder Geburt meiner Brüder musste ich nächtens mein Kopfkissen hergeben. Das registrierte ich mit Nichtbeachtung des elterlichen Nachwuchses zum Kummer meiner Eltern. Kinderwagenschieben, so wie es meine damalige Freundin Ingrid für Fremde tat, war mir äußerst unangenehm. Ingrid wohnte in der Elsterstraße in einem Nachkriegsneubau, der hatte einen großen Innenhof und die damaligen Teppichklopfständer dienten uns als Turn- und Spielgerät. Ausgiebig spielten wir Märchenfilme, die wir für 25 Pfennige im "Filmeck" sahen, mit Resten alter Gardinen meiner Großmutter nach. Wir waren damals erfinderisch und hatten Vergnügen an den einfachen Dingen.

Als Große musste ich oft einkaufen und lernte beizeiten, mit Geld umzugehen. Ascheeimer im Hof entleeren gehörte auch nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Schlimmer waren noch die Gänge in den Keller, der duster und feucht war und wo die Ratten umherliefen. Ich ging laut singend und mit den Emailleeimern aneinanderschlagend hinunter.

Da das Haus 48 ein Eckhaus ist, teilte sich auch der Keller. Beim geringsten Laut da unten sauste ich schreiend die Stufen hoch, obwohl es oft nur ein harmloser Hausbewohner war. Schrecklich war für mich auch das Schuheputzen. Die Arbeitsschuhe von Opa und Vater standen an erster Stelle der Unbeliebtheit.

Unser langer Korridor verführte im Winter zum Rollschuhlaufen. Ob die Untermieter davon begeistert waren? Es kam nie eine Beschwerde. Im Sommer fuhren wir um das Gebäude der AOK, damals die Sportstätte der DHfK, bis dann der neue Komplex gebaut wurde.

Übrigens besaß mein Großvater auf dem Gelände, wo jetzt die Red-Bull-Arena steht, einen Kleingarten, später einen in der Mainzer Straße. Zweimal zugunsten des Sports verlor er den Garten. Direkt an der Marschnerstraße gab es dann Garten Nummer 3.

Meine Mutter hatte für sich und uns drei Kinder eine Dauerkarte für den Zoo zugelegt. Da verbrachte ich eine wunderbare Kindheit. Dies wäre wieder eine ganz andere Geschichte.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.06.2014

Gabriela Linke

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