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Sibylle Bergs „Vielen Dank für das Leben" ist ein monströser Roman vom Untergang

Sibylle Bergs „Vielen Dank für das Leben" ist ein monströser Roman vom Untergang

Sibylle Berg denkt, spricht und schreibt vom Scheitern, vom Ende der Welt, das um die Ecke liegt. In ihrem Roman „Vielen Dank für das Leben" begräbt sie zwei Gesellschaftsordnungen und erschafft mit Toto eine grandiose Hauptfigur, die auch nicht zu retten ist.

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Die Schriftstellerin Sibylle Berg hat einen neuen Roman veröffentlicht mit dem Titel "Vielen Dank für das Leben".

Quelle: dpa

Leipzig. „Eine von Totos angenehmen Eigenschaften war, dass er sich nicht ernst nahm." Er war antriebslos, ohne Ehrgeiz, ohne boshafte Gedanken und Absichten, hatte etwas Besonderes an sich, das die Menschen reizte, es zu zerstören. Sie mögen nicht, was sie nicht einordnen können. Bei Toto war es eine geschlechtliche Unklarheit, denn Toto war: Hermaphrodit, war Mann und Frau zugleich.

Die Mutter sagt: Es ist ein Junge. Für Chefarzt Dr. Wagenbach allerdings ist er ein Nichts. Sinnlos hineingeboren in eine Welt, die grau ist, kalt und ohne Hoffnung. „Die Stimmung im Feldversuch Sozialismus war so durchdringend trostlos, die Gesichter waren so müde, dass selbst Sonnenschein kaum helfen konnte."

Es wird schlimmer kommen, daran lässt Sibylle Berg keinen Zweifel, als der Roman im Jahr 1966 einsetzt, in der DDR. Die Autorin schildert die Agonie jenes Landes so drastisch, dass es schon wieder komisch wirkt. Doch: Wer hier kichern kann, dem wird das Lachen bald vergehen. Toto, der Jahrhundertzeuge, wird bis zum Jahr 2030 leben. Man beneidet ihn um keine Minute.

Berg porträtiert das Böse

Der Schrecken, der mit der Geburt beginnt, mit den ersten Monaten bei seiner Mutter, einer Alkoholikerin, setzt sich fort im Kinderheim und endet nie. Die Tatorte sind Bauernhof, Bar, Club, Obdachlosenheim, Krankenhaus ... Überall Hass, nirgends Mitgefühl. Viele machen sich schuldig. Ob Hebamme, Erzieherin, Pflegeeltern, Pfarrer, Musikschuldirektor – Berg porträtiert auf jeweils wenigen Seiten das Böse, Hässliche. Kleingeister sind es, leider haben sie Macht. Sie fühlen sich im Recht – „Und damit beginnt jedes Elend auf der Welt." Toto fragt sich, „warum diese kurze Zeit des Aufenthaltes hier einem ständig von Menschen vermiest wird. Nicht unbedingt die Krankheiten, der Haarausfall, die Erdbeben, es waren die Gemeinheiten derer, die sich im Recht fühlten, ihr Neid auf die geahnte persönliche Freiheit eines anderen, die machten es so schwierig, das Leben."

Manchmal lässt es sich so auf den Punkt bringen: „Vor dem Krieg war der Alte Bauer gewesen. Ein paar Hektar Land, diverse Tiere, die Eltern im Nebengebäude, schwere Arbeit, rauhe Hände, Krieg verloren, schade." Er ernährt sich von Makrelen in Tomatensoße. Das Elend hat ein Leibgericht. Makrelen sind das Lieblingsessen der Huren und ihrer Kunden. Auch Toto wird irgendwann jeden Abend welche essen, da ist seine Mutter längst daran erstickt.

Plüschbär oder dickes Mädchen?

Toto beobachtet seine Umgebung ohne zu werten, ohne aufzubegehren oder sich einzumischen. Der unförmige Junge, der aussieht wie ein großer Plüschbär oder ein dickes Mädchen, der „schwule Mongo", wie Mitschüler ihn nennen, will einfach nur „die Zeit gut überstehen". Das ist es dann auch schon, was man Leben nennt. Er rettet sich von Sekunde zu Sekunde. „So formt sich Geschichte."

Berg markiert – mal als allwissende Erzählerin, mal auf dem Wissensstand von Toto – die Schnittstellen von Verhältnissen und Verhalten. Ein Zufall ist es, der Toto in den Westen führt, geschmuggelt von einer Gruppe Internationaler Marxisten, die Haferflocken essen für den Weltfrieden. Die neue Heimat bleibt ihm fremd. Er findet das Funkeln nicht. Berg, 1962 in Weimar geboren und 1984 übergesiedelt in den Westen, schreibt hier keine Geschichte der Enttäuschung. Eher seziert sie das Wesen der zu Lauten und der zu Leisen aus dem schweren Leib der Depression. „Es ist immer die Angst, der einzige zu sein und nicht zur Gruppe zu gehören, was den Menschen von bleibenden Taten abhält, und wenn es ihm irgendwann egal wird, was die Gruppe von ihm hält, dann wird er zum Amokläufer."

Oder er wird wie Kasimir, Totos Gegenspieler, mit dem ihn aus Kinderheim-Tagen größte Nähe verbindet und höchster Verrat. Ein ungleiches Paar wie Gut und Böse. Kasimir, der Lebens-Optimierer, verdient als Banker Millionen. Dass er weder Furcht noch Gier kennt, macht ihn dabei zu einer Art German Psycho, angeekelt von seiner „Zugehörigkeit zur Rasse Mensch". Kasimir hasst Frauen. Und Toto hat sich entschieden, als Frau zu leben, bereit, „herausfinden, wie Erwachsene es schaffen, sich so sicher zu sein, dass genau ihre Lebensform über jeden Zweifel erhaben ist." Mit etwa 30 ist sie noch immer „frei von jeder Erregung, die nach Paarung verlangt".

Ein Wesen wie Toto gibt es nicht. Es verkörpert das märchenhaft Gute, die hochentwickelte Moral, den perfekten Menschen ohne dunkle Seiten. Dafür gibt es aber keine Muster, keinen Platz. So ein Opfer, das nicht schwach ist, macht die Täter rasend. Besessen von Angstlust hören sie Toto singen mit einer Falsettstimme von verstörender Reinheit, die zu Tränen rührt und eine Idee vermittelt, wozu das Leben taugen könnte. Auch dafür gibt es nur Verachtung.

Weil sich nichts zu lohnen scheint, stellt dieses Buch die Frage nach dem Sinn. Auf die kein Jahrzehnt eine Antwort hat. Nicht die 80er Jahre, bei Berg das lasche Jahrzehnt vor der Beschleunigung. Nicht die 90er, die sich in großem Umfang Verlierer leisten. „Was immer die Jugend für sich entdeckt zu haben glaubte, wurde ihnen im gleichen Augenblick weggenommen und vermarktet". Danach ist „Mehr" die „öde Überschrift des neuen Jahrtausends", bevor die letzte Schlacht zwischen den Geschlechtern beginnt. „Jeden Tag starben einige Geheimnisse und mehrere Tierarten aus." Und dann, am Ende, also morgen, lähmen Langeweile und Ratlosigkeit die Welt der Bio-Supermärkte und Naturkatastrophen. Es wäre kaum zu ertragen ohne Bergs karikierenden Witz.

Und jetzt? „Und weiter" peitscht sie, schreibt es über fast jedes Kapitel. „Was hätte sich für ein Elend verhindern lassen, wenn man das Zuendedenken in der Schule lernen würde." Sibylle Berg bringt es zu Ende. Nicht wütend, aber radikal. Schön ist das nicht, aber gut, sehr gut.

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben.Roman.Hanser Verlag, 400 Seiten, 21,90 Euro.

Janina Fleischer

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