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Kultur "Sich selbst zu begreifen": Lektorin Almut Giesecke über Strittmatter-Tagebücher
Nachrichten Kultur "Sich selbst zu begreifen": Lektorin Almut Giesecke über Strittmatter-Tagebücher
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18:54 09.04.2014
Quelle: Sonstige

Almut Giesecke, langjährige Lektorin im Aufbau-Verlag und Herausgeberin der Tagebücher Erwin Strittmatters, spricht im Interview über die Schriftsteller-Biographie und den letzten Band der Tagebücher, der die Jahre von 1974 bis zu seinem Tod behandelt und im Sommer im Aufbau-Verlag erscheint.

Frage: Inwieweit handelt es sich bei Strittmatters erzählerischem Werk um Wunschbiografien?

Almut Giesecke: Wie viele Autoren benutzte auch Erwin Strittmatter eigenes Erleben als Stoff für sein Erzählen. Das war sein Material und hatte nichts mit Auto- oder Wunschbiografie zu tun. Allerdings unternahm Strittmatter auch nichts, um die Legendenbildung zu unterbinden, die Werk und Autoren-Biografie gleichsetzte. Kriegserfahrungen, wie das brutale Vorgehen deutscher Polizeiregimenter gegen die jugoslawische Bevölkerung, bei denen er beteiligt war, hatte er im "Wundertäter" verarbeitet. Die Leser nahmen das Werk sehr positiv auf, die Partei dagegen versuchte insbesondere den dritten Band zu verhindern. Dass heutigen Lesern mit einem komplexeren Wissen um die Vorgänge diese Darstellung nicht genügt, ist eine andere Sache. Auch Bücher haben, wie man weiß, ihre Schicksale. Im Tagebuch erwähnte Strittmatter ein Projekt, das mit seinen Kriegserlebnissen zu tun haben sollte. Es kam nicht zur Realisierung.

Der Germanist Dieter Schlenstedt nannte Strittmatter 2009 einen "doppelten Konvertiten". Er meinte damit die erste Kehrtwende vom Nazi-Mitläufer zum Kommunisten und die zweite zum entideologisierten Fatalisten. Hat "der Weise vom Schulzenhof", wie er von seinen Lesern gern genannt wurde, wirklich im letzten Lebensjahrzehnt die Verantwortungslosigkeit zu einer Tugend erklärt?

Im zweiten Band der Tagebuch-Edition ist zu verfolgen, wie Strittmatter den Weg des kritischen Beobachters der DDR-Verhältnisse, den er in den 1960er Jahren einschlug, beharrlich weiterging. Mehr und mehr zog er sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Das Ende der DDR hatte er früh erkannt und die Symptome im Tagebuch registriert. Er wollte der Chronist des Umbruchs sein, ohne zu ahnen, wohin der führte. Die dann tatsächlich eintretenden Prozesse wertete er unsentimental als notwendige Konsequenz der verfehlten DDR-Politik, doch sah er auch die aktuellen sozialen Verwerfungen und ihre Folgen in seiner Umgebung. Die Tagebuch-Notate sind Selbstgespräche, in denen es ihm darum ging, sich selbst zu begreifen. Immer wieder kreiste dabei seine Selbstbefragung um die Motive seiner früheren Parteigläubigkeit, die ihm in der Nachkriegszeit die Gewissheit vermittelte, auf der richtigen Seite zu stehen. Dieser Glaube zersetzte sich aber spätestens mit seinen Einblicken in die Praxis, als er Sekretär des Schriftstellerverbandes wurde. Auch seine bisherige Literatur wertete er unter diesem Gesichtspunkt und distanziert sich von agitatorischen Teilen.

Ging er davon aus, dass die DDR reformierbar ist?

Von seiner Jugend an war Strittmatter überzeugt, dass es seine Lebensaufgabe sei, sein Werk zu schaffen und ihm alle Kraft zu widmen. Inneren Halt suchte er in der Beschäftigung mit dem Taoismus, vor allem mit dem Ziel, sich in Gelassenheit zu üben.

Wie reflektiert Strittmatter für sich persönlich die Folgen der Biermann-Ausbürgerung?

Dass ein deutscher Staat einen missliebigen Autor ausbürgerte, war für ihn ein ungeheuerlicher Akt, wobei es ihm nicht um Biermann persönlich ging, mit dem er ganz und gar nichts anfangen konnte. Aber er versuchte, allerdings erfolglos, die Partei- und Verbandsausschlüsse jener Autoren zu verhindern, die gegen die Ausbürgerung protestiert hatten. Oft genug haderte er mit sich, weil es seinem festen Vorsatz nicht entsprach, wenn er sich über die Politiker ärgerte. So intervenierte er zum Beispiel beim Politbüro-Mitglied Kurt Hager wegen der Repressalien gegen Autoren im Zusammenhang mit der Ausbürgerung Biermanns und im September 1989 empört über das Schweigen der Regierung zur Massenflucht junger Menschen aus der DDR.

Und was erfährt man über sein Privatleben?

Seine Frau Eva blieb seine wichtigste Mitarbeiterin, Beraterin und Stütze in den Schreibkrisen. Doch sie war inzwischen selbst zur viel beachteten Autorin geworden. Der Entfremdung zwischen beiden folgten Kräfte zehrende Ehekrisen, die Strittmatter in ein emotionales Chaos führten. Seine Situation und seinen Anteil an den Konflikten versuchte er so schonungslos wie möglich zu analysieren. Doch stand er Evas Klagen und Vorwürfen betroffen und ratlos gegenüber. So schwelte die Krise noch lange zwischen beiden weiter, auch wenn es immer mal wieder Aussprachen und Versöhnungen gab. Hinzu kamen unlösbar scheinende Probleme mit der weiteren Bewirtschaftung des Anwesens in Schulzenhof, bis sich Strittmatter zur Aufgabe der Pferdezucht entschloss - ein tiefer Einschnitt in seinen Lebensalltag, der durch die abnehmenden körperlichen Kräfte und gesundheitliche Probleme verschärft wurde.

Ist Ihnen während der intensiven Auseinandersetzung mit seinen Schriften der Mensch Strittmatter sympathischer geworden?

Ja, ich hatte diese Offenheit nicht erwartet. Auch wenn ich weiß, dass ein Autor wie Strittmatter nicht schreibt, ohne zu stilisieren, beeindruckt es mich, wie rückhaltlos und intim er sich hier äußert. Und das alles mit dieser sprachlichen Leichtigkeit und Poesie, die sein Alterswerk auszeichnen.

Interview: Karim Saab

iDer zweite Band der Edition der Tagebücher von Erwin Strittmatter endet mit dem letzten Eintrag wenige Tage vor seinem Tod. Der Auswahl liegen 249 Oktavhefte mit ca. 20 000 handschriftlichen Seiten zugrunde sowie ein Typoskript mit Tagesnotizen von 1979, das bislang unbekannte Details über die Querelen zum "Wundertäter III" enthält.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.04.2014

Karim Saab

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