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Singspiele ohne Gral: Am Freitag beginnt das 22. Wave-Gotik-Treffen

Singspiele ohne Gral: Am Freitag beginnt das 22. Wave-Gotik-Treffen

Es wäre so etwas wie der Heilige Gral dieses Wave-Gotik-Treffens - "Parsifal" am Völkerschlachtdenkmal. Da purzeln die Assoziationen nur so ins gefährliche kulturelle Halbwissen: Völkerschlacht, Wagner, Freiheitskampf und Freimaurer, heidnische Sagen-Nachwirkungen, germanisch-völkische Verirrungen und heldisches Blutbaden, der Erzengel Michael - nur: Es hat nicht sollen sein.

Knapp 100 Jahre nach der eher nicht so freiheitlich-demokratischen Einweihungs-Zeremonie des Monuments verhindern schnöde Bauarbeiten die ursprünglich geplante und potenziell legendäre Festivaleröffnung.

Von Jörg Augsburg

Wagner und Grufties - das passt natürlich zusammen wie sonst kaum etwas, zumindest, wenn man auf ein gehöriges musikalisches Pathos und massive Schauwerte steht. Im Jahr 22 des Wave-Gotik-Treffens kommt das Jahr 200 von Richard Wagner gerade Recht. Denn so richtig ist der Katzenjammer des Festival-Tagesgeschäfts nach dem eigenen großen Jubiläum von vor zwei Jahren noch nicht vorbei.

So ein Wagner-Jahr hat also das Zeug, noch einmal einen ganz besonderen Glanzpunkt zu setzen, unübersehbar prangt der Über-Komponist auf dem aktuellen Festivallogo. Immerhin ist das WGT Bestandteil der parallel startenden Leipziger Wagner-Festspiele. Dass die jeweils 100 für die Treffen-Besucher kontingentierten Tickets für die Wagner-Großkampftage in der Oper reißenden Absatz finden werden, steht außer Zweifel. Im Gegenzug verleihen die potenziell prächtig ausschauenden Gothic-Damen und -Herren den Aufführungen einen optischen Mehrwert, der zumindest beim sonstigen angereisten Publikum für Aufsehen sorgen dürfte.

Der Leipziger an sich ist das natürlich alles schon gewohnt. Dass die Stadt als Toleranz-Metropole gilt, speist sich schließlich aus dem inzwischen schon gewohnt routinierten, fast schon sachkennerischen Umgang mit der alljährlichen Pfingstschar, die zwischen Agra-Gelände und City pendelt. Wer nur anschauen will, nicht anfassen, ist sowieso an der Moritzbastei gut aufgehoben, dem zentralen Versammlungsort für die reichlich präsenten Hobbyfotografen und jene sorgsam herausgeputzten schwarzen Schönheiten, die mit etwas Gafferei alles andere als ein Problem haben. Ein bisschen Mittelaltermarkt und das entsprechende "Celebrant"-Spektakel gibt's für kleines Geld dazu. Wer es noch etwas unchristlicher mag, ist im heidnischen Dorf gut aufgehoben, das Lagerfeuer und allein schon gut 30 Bands bietet. Für die man allerdings ein Schellen- und Schalmeien-Attest gut brauchen kann.

Die ungefähr 20000 Ticketbesitzer hingegen - das volle Paket heißt wie immer schön eingealtdeutscht "Obsorgekarte" - erwartet wieder das weltweit einzigartige opulente Programm, das unmöglich auch nur im Ansatz irgendwie vollständig erfasst werden kann. In den scheppernden Hallen auf der Agra kommen die klassischen deutschen Szene-Bands zu Gehör: Das Ich, And One oder Letzte Instanz. Für den internationalen Ruf als Place-to-go sorgen wieder einige ganz besondere Helden der Wave-Gothic-Geschichte, die sich in Leipzig bevorzugt reunieren, verabschieden oder einfach nur nach langer Zeit mal wieder blicken lassen: die amerikanischen Industrial-Kracher KMFDM, die italienische EBM-Legende Pankow, die unkaputtbaren Cyberpunks Cassandra Complex.

Gar das einzige Konzert nach 20 Jahren geben die britischen Postpunk-Insider Sleeping Dogs Wake. In der Krypta des Völkerschlachtdenkmals bedient man mangels Parsifal mit der isländischen Edda-Saga die in der Szene gern geschätzten "nordischen" Werte. Eher aus dem (nicht mehr so ganz) aktuellen Indie-Katalog stammen die exzentrischen Queer-Pop-Paradiesvögel IAMX und Patrick Wolf.

Was muss man noch wissen? Es gibt sicher deutlich weniger in der Szene umstrittene "Cybergothics" mit ihren neonfarbenen Plastik-Dreadlocks als in den Vorjahren, die Mode ist durch. Strikte Kleiderordnung - "viktorianisch, Steampunk, Barock, Rokoko, elegante Lolita und Romantic Gothic" - herrscht wie immer beim Viktorianischen Picknick im Clara-Park. Und wen das alles partout nicht interessiert, der hat immer noch eine Alternative: "Stricknachmittag für Schwarzromantiker". Bei Kaffee und Gebäck. Der Rest trinkt Absinth. Mit 24 Erwähnungen ist das einer der am häufigsten auftauchenden Begriffe im Gesamtprogramm. Das wird wieder ein langes Pfingst-Wochenende.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.05.2013

Jörg Augsburg

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