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Sinn und Sinnlichkeit: Leipziger Ballett tanzt Grimms Märchen

Gelungene Premiere Sinn und Sinnlichkeit: Leipziger Ballett tanzt Grimms Märchen

Poesie und Intellekt: Das Leipziger Ballett hat „Die Märchen der Gebrüder Grimm“ vertanzt. In der Choreographie Mario Schröders geht es rasant und unterhaltsam durch zehn Märchen von „Aschenputtel“ bis „Schneewittchen“.

Ab durch die Hecke geht es in Dornröschen.

Quelle: Leipzig report

Leipzig. Leipzig ist jetzt auch Grimm-Stadt. Kaum irgendwo gibt es so viele Bühnen-Adaptionen aus dem nach der Luther-Bibel meistverkauften Buch in deutscher Sprache: „Aschenputtel“ in der MuKo, „Dornröschen“ und „Hänsel und Gretel“ am Augustusplatz , Rainald Grebes Collage war ein Super-Erfolg im Schauspiel. Und es gibt ein „Sterntaler“-Puppentheater, doch das Mädel mit Geldregen bleibt marginal in „Die Märchen der Gebrüder Grimm“ des Leipziger Balletts. Chefchoreograph Mario Schröder hatte für dieses Premieren-Sujet seine Gründe: Ensemble, Produktion, Musik und gedankliche Verdichtung bildeten am Freitagabend einen beglückenden Akkord aus Sinn und Sinnlichkeit.

Das liegt in erster Linie an der multikulturellen 40köpfigen Company, die sich mit den „fiabe“, „fairy tales“, „contes des fées“, „sprookjen“ identifizierte: Ohne falsche Naivität, dafür mit viel Herz. Fantasy-Akzente, tschechische Filmklassiker und „Grimm2013ff“ aus Nordhessen setzen legitim noch eins drauf. Bei Irrfahrten durch die 200 Kinder- und Hausmärchen, 10 Kinderlegenden und 28 Anhänge des Originals ging niemand verschollen. Unsere Favoriten sind alle dabei bei Schröder & Company: Geradlinig erzählt, klug verknappt und kurzweilig vergegenwärtigt.

Von Jonathan Augereau (A) bis Stéphanie Zsitva-Gerbal (Z) war das Leipziger Ballett voll in Schuss, schlüpfte in zehn weitergesponnene Märchen von „Aschenputtel“ bis „Schneewittchen“. Einzelne Namen zu listen ist ungerecht: Also ein glückliches und fasziniertes Bravo für alle! Inklusive der 14 Mädchen und 5 Jungen aus der Musikschule „Johann Sebastian Bach“, die als Waldblumen, Pilze, Äpfel und sieben Geißlein tänzerische Aufgaben hatten. Weit überm Rang einer Edelstatisterie, und zum Knuddeln beim Foyer-Aufmarsch in der Pause (Einstudierung: Cordula Ege). Die zweistündige Märchengala passt schon für Ü6, nicht erst ab Ü8 – wie übervorsichtig annonciert.

Mario Schröder war viel Charakteristisches eingefallen für seine im Kern neoklassische Bewegungssprache. Im mit Rock’n’Roll- und Rave-Figuren gelichteten Pas-de-deux ist Schneewittchen unter dem Jäger, wenig später schwebt die böse Königin über ihm. Klar weckt das Assoziationen: weißer Schwan, schwarzer Schwan … Aschenputtel-Cinderella hat beim „Dancing Battle“ die von Walt Disney bekannte weiße Robe, verkürzt zum glitzernden Tutu. Und ihr Prinz schleudert sie im Kreis wie beim Eiskunstlauf.

Das geht alles so gut zusammen, weil Paul Zoller sich mit weißen Hänger-Baumsilhouetten, Schloss-Schattenrissen und Videos zurückhält. Er spart mit Understatement am Dekor, aber nicht an poetisch-satten Lichtstimmungen für Tänzer und Kostüme: Andreas Auerbach hat sich in seinem wunderbaren Material- und Zeitenmix orgiastisch verströmt.

Viel gab es zu tun bis zum Regenbogen-Finale, in dem als Märchenheld späterer Zeiten Batman seinen Robin in einem der Prinzen sucht, aber nicht findet. Harry Potter schwebt wie das Münchner Kindl oder der Zauberlehrling mit „vergessenem Kennwort“ über dem aufschäumenden süßen Brei.

Eigentlich waren die Zwischentexte des trendwortfletschenden Musikkabarettisten Michael Sens in diesem Märchenrausch als Verständnisstütze überflüssig. In der Rolle gleich beider Gebrüder – Jacob und Wilhelm – liefert er das Sahnehäubchen mit Bonmots („Tatort auf Papier“), Pumuckl-Reimen („verwanzt am Feuer tanzt“) und Trend-Camouflage auf Lagerfeld & Co. („tapferes Schneiderlein im ergrauten Design“).

Totale Opulenz ohne pädagogischen Zeigefinger, ein solcher Ansatz geht auch auf in die andere Richtung: Traditionelle Ballettomanen werden am Erraten klassischer Vorbilder ihren Spaß haben, etwa an Rotkäppchens Großmutter, die gerade Sir Frederick Ashtons „Schlecht behütetem Mädchen“ entsprungen schien. Und ein biss’l Tanz-Comedy darf auch sein, wenn aus dem Bauch vom gar nicht so bösen Wolf erst die Geißlein und dann erst das Rotkäppchen springen. In Babelsberg wäre dieser Isegrim ein magnetischer Vampir, bei Mario Schröder ist er ein sympathischer Kavalier.

Der neue Kapellmeister Christoph Gedschold lieferte übrigens eine glänzende Visitenkarte ab. Er macht das Potpourri aus Wunschkonzert und Trouvaillen klingen, als sei es neu (immerhin auch Theodor W. Adornos Gigue Nr. 2 aus op. 4). Die Musiker der mittelgroßen Gewandhaus-Formation folgten ihm mal stilsicher angeraut (im unvermeidlichen Schostakowitsch-Walzer), dann wieder stimmdicht-edel mit samtenen Blech-Tiefen bis in Mascagnis „Cavalleria“-Intermezzo.

Wieder auf dem Spielplan: 13. (15 Uhr), 15. (11 Uhr), 19. (18 Uhr) Dezember; 15. Januar (18 Uhr); Oper Leipzig; www.oper-leipzig.de, Karten und Infos unter Tel: 0341 1261261

Von Roland H. Dippel

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