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So deutsch, wie's nur geht: Bülent Ceylan vor 4000 Fans in der ausverkauften Arena Leipzig

So deutsch, wie's nur geht: Bülent Ceylan vor 4000 Fans in der ausverkauften Arena Leipzig

Nun hat er also seine Mähne auch in Leipzig geschüttelt. Mit einem Dreivierteljahr Verspätung besuchte Bülent Ceylan, seines Zeichens Metaler unter Deutschlands Komikern, am Freitagabend die ausverkaufte Arena.

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Sonst schüttelt Bülent Ceylan am liebsten die Mähne.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Bülent Ceylan unterscheidet sich von den meisten ähnlich erfolgreichen Kollegen nicht lediglich dadurch, dass er sich selten "Comedian" und meistens "Komiker" nennt. Vor allem zeichnet den 37-Jährigen aus, dass ihm die eingeübten Pointen, die ohnehin längst im Fernsehen liefen und die etliche der 4000 Zuschauer im DVD-Regal horten, im Tourverlauf zunehmend bloß als Gerüst dienen. Für das, was ihm sonst so einfällt.

So gesehen hat es sogar ein bisschen sein Gutes, dass Ceylan die längst ausverkaufte Arena auf der mittlerweile fast zweijährigen Reise mit dem Programm "Wilde Kreatürken" acht Monate später bespaßt als geplant. So richtig lustig sind viele seiner Nummern an sich gar nicht; trotzdem ist Ceylan, erst recht an diesem Leipziger Abend, enorm witzig. Gegen Ende, nach fast drei Stunden, wird er dem Publikum mit dem originellen Lob schmeicheln, dass er endlich angekommen sei: "in der Stadt mit den kränkesten Leuten". Die Show wird bis dahin einige eigendynamische Wendungen nehmen.

Ceylans ursprünglicher Leipzig-Termin im November wurde verschoben, nachdem sein Vater gestorben war. "Bin wieder gut drauf", beruhigt er die Zuschauer, nachdem er sich fürs monatelange Warten bedankt hat. "Papa guckt von oben zu, ich mach mehr Witze." Wobei einer der ersten gar nicht von ihm stammt. "Ich will ein Foto mit dir", ist auf dem Plakat einer Besucherin zu lesen. Und zur Erklärung: "Kinder hab ich genug."

Er habe von der Bühne aus "schon viel gelesen - aber das - ist Sachsen", kommentiert Ceylan und eröffnet so seine Liebeserklärung an das Bundesland. Von Eierschecke, Lerche und Allerlei spricht er, von hübschen Frauen und nachher als "Mompfreed" davon, wie er im Fernsehen Leipzig gegen Barcelona kicken gesehen habe. "Man muss Träume haben." Am meisten beeindruckt ihn jedoch offenbar, dass die Sachsen zum "Seesch'n" (Seichen) eilen, wenn er sich als Mannheimer bei gleicher Problemlage zum "Brunzen" verabschiedet.

Derlei Lokalkolorit pflastert den Weg, auf dem Ceylan nach einer guten halben Stunde dann doch sein eigentliches Programm erreicht - das er aber auch dann zum Glück keineswegs routiniert abspult. Aus den losen Schnüren, die er zu Beginn aufgelesen hat, bindet der Komiker geschickt rote Fäden. Was etwa wird einem nicht gerade euphorischen Zuschauer namens Serhan passieren, dem zufolge es auf Nachfrage Ceylans in Leipzig "schon passt", mehr nicht - wenn sich Serhan in der Pause zum "Seesch'n" aufmacht? "Nu, ob de da noch seesch'n gehst?" Zu sächseln gelingt Ceylan für einen Mannheimer gar nicht schlecht.

Für den Handwerker, der er fraglos ist, liegt die Werkbank weniger am Schreibtisch als vielmehr live auf der Bühne. Freilich gehört zur Profession ebenfalls, Spontaneität manchmal nur vorzutäuschen. Aber Ceylan überstrapaziert das nie. Als er etwa sein wallendes Haar zum Zopf bändigt, die Brille seiner Figur Anneliese ablegt und währenddessen klagt, dass es für ihn immer schwerer werde, "mich aus einer Frau rauszuziehen", tut er nur ganz kurz so, als wäre es zuerst das Publikum, das sich das Seine denkt.

Nur kurz hopsen auch die "wilden Kreatürken" über die Bühne. Als Hasan gibt er Russen in der Halle den gemeinen Rat, "dass ihr über euch selbst lachen können müsst, sonst gibt's keinen Pass". Und Mompfreed beackert leider das ewige Comedy-Thema der angeblichen Geschlechterunterschiede, ist aber zum Glück auch damit schnell durch. Politisch wiederum will Ceylan ja gar nicht scherzen, was er in einem Sonderfall ausdrücklich erklärt: Über die Ereignisse auf dem Taksim-Platz sage er nur, dass man Demonstranten nicht schlagen dürfe. "Ansonsten habe ich Familie und möchte lieber von den deutschen Nazis auf den Kopf kriegen. Die kann man berechnen."

Wobei Ceylan dank der vielen "Integrationstabletten", die er zu sich nimmt, längst überangepasst scheint. Mag er sich auch gern "Kasperletürk", "Schizo-Türk" oder "Onkel Türk" nennen und seinen Wohnwagen mit einem 5er-BMW zum Campingplatz schleppen, so entdeckt er doch mehr deutsche Charakterzüge an sich selbst: Die Korrektheit seines Opas Heinrich etwa habe er geerbt, und in punkto Schadenfreude bestehe er jeden Integrationstest, gesteht er. Sei zudem ein Schnitzel noch so eklig, dafür aber groß und billig, reagiere er so deutsch, wie's nur geht: "Für das Geld war's okay."

Ein paar Zuschauer machen Ceylan weiß, dass Leipziger Kinder vorm "schwarzen Mann" nicht davonliefen, sondern riefen: "Dann freuen wir uns!" Und darüber wird der Spaßmacher ebenso wenig fertig wie über einen "Mann mit Kappe", der Ceylans Bodyguard wild zuzwinkert. Was die Hauptperson ausführlich kommentiert. "Manchmal hab ich mehr Spaß als ihr", ruft Ceylan und schafft es irgendwie, dass man herzlich mitlachen muss. Auch wenn man hinterher nicht mehr weiß, warum eigentlich.

Bülent Ceylan führt "Wilde Kreatürken" am 28. November um 20 Uhr erneut in der Arena Leipzig auf. Karten für 34,60 Euro im LVZ-Media Store (Höfe am Brühl), den LVZ-Geschäftsstellen, unter www.lvz-ticket.de und der gebührenfreien Tickethotline (0800) 218 10 50.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.07.2013

Mathias Wöbking

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