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Spartakiade mit magischen Momenten - Depeche Mode in der Red-Bull-Arena

Spartakiade mit magischen Momenten - Depeche Mode in der Red-Bull-Arena

Gestern haben die Veranstalter die Zahl noch einmal nach oben korrigiert: 47 000 Fans waren es, die am Dienstagabend in der Leipziger Red-Bull-Arena mit Depeche Mode gefeiert haben.

Zweieinviertel Stunden verließen sich Dave Gahan, Martin Gore, Andrew Fletcher und kompetente Verstärkung auf den Sog ihrer Musik. Zu recht!

Als hätte jemand auf einen Knopf gedrückt, ist das Stadion plötzlich voll, und ein künstliches Rieseninsekt scheint gegen eine Wand zu fliegen. So jedenfalls klingt das rhythmische Elektro-Brummen, das aus den Boxen kommt und mit der augenblicklich anschwellenden Erwartung der Massen ein Energiefeld erzeugt, das wohl nur Depeche-Mode-Konzerte zu bieten haben. "Welcome To My World": Mit diesem Song beginnen das aktuelle Album "Delta Machine" - und das Konzert am Dienstagabend in der Red-Bull-Arena. Auf diesen Moment haben manche 17 Stunden vor dem Stadion gewartet, andere folgen der Band durch die Stadien Europas, nur eine Minderheit dürfte zum ersten Mal ein Konzert der Engländer erleben. Sie, die ihre Arme zur Bühne recken, bekommen, was sie ersehnen, und jene, die Zeremonienmeister auf der Bühne, wissen, was sie zu geben haben. Für zweieinviertel Stunden fließt zusammen, was zusammengehört. Willkommen bei Depeche Mode.

Das Konzert folgt weitgehend der Dramaturgie des neuen Albums, unterbrochen von den Klassikern, diesen Wiedererkennungs-Hymnen für Generationen. So fliegt als nächstes "Angel", eine typische Depeche-Mode-Nummer zwischen mitreißender Kraftmeierei und lyrischer, fast kitschiger Entspannung. Die raffinierte elektrische Aufwertung der Studioproduktionen kann hier, in großer Übersetzung, nicht überstehen. Der Sound ist dennoch ordentlich ausbalanciert. Der Versuchung, das Stadion mit Krach zu fluten, wurde widerstanden.

Es dauert nicht lange, da hat Dave Gahan seine Lederjacke ausgezogen. Es ist viel fabuliert worden über seine Erlöserposen, die Schlangenarm- und Propellerbewegungen, die Pirouetten mit dem Mikrofonständer. Würde er sich spontan entscheiden, übers Wasser zu gehen, statt "nur" auf den weit in die Menschenmassen reichenden Steg - würde er einsinken?

Für die magischen Momente an diesem Abend sorgt dennoch Martin Gore, Keyboarder, Gitarrist, Mastermind. 51 Jahre ist er wie die Bandkollegen alt, in allem wirkt er wie ein Gegenentwurf zur charismatischen Überdosis Gahan. Schüchtern, mit großen Augen wie ein aufgeschreckter Koboldmaki, blickt er drein, während er mit brüchig-warmer Stimme zunächst "Only When I Lose Myself" und dann, ganz ergreifend, zum ersten Mal auf der Tour "Judas" vom 93er Album "Songs Of Faith And Devotion" singt. "So open yourself for me. Risk your health for me. If you want my love." Den letzten Satz wiederholt er mehrfach, flüstert schließlich. Riesenjubel. Später, im Zugabenteil wird er noch ähnlich zurückgenommen "Home" singen.

So pendelt der angenehme leicht bewölkte Frühsommerabend zwischen fragilen Feuerzeugmomenten und jenem maschinenöligen Synthie-Drive, den die großen Nummern der Band entwickeln. Etwa "Walking In My Shoes", "Policy Of Truth" oder "A Question Of Time".

So wie der Sound nie überdreht wird, bleibt auch die Lichtregie fast bescheiden. Ab und an pulst blaues Licht in die Nacht. Oder ein heller Scheinwerfer strahlt in den Hexenkessel mit den zehntausenden Armen, die wie ein einziger Organismus auf die kleinste Geste des Sängers hin zu schwingen wissen. Glückseligkeit trifft Spartakiade trifft Hingabe. Zwischendurch steigen mal ein paar Luftballons auf. Das war es aber auch schon. Anders als zuletzt bei Pink, die in der Arena einen Zirkus mit Musik geboten oder Coldplay, die im vergangenen Jahr ein erstaunliches Brimborium im Leipziger Stadion veranstaltet hatten, vertrauen Depeche Mode ihrem Mainstream-Pop für Mainstream-Gegner. Auch die Kommunikation geht kaum über "Thank you" und Satzfragmente, in denen irgendwie "Leipzig" vorkommt, hinaus.

So flimmert auch von den beiden Großbildleinwänden angenehmes Understatement. Mal ein paar verschiedenfarbige Symbole, dann ein Schwarzweiß-Video oder einfach Konzertaufnahmen. Etwas überraschend wirkt allerdings die Bildauswahl bei "Precious" ("kostbar", "wertvoll") zu dem Gahan einen formidablen Hüftschwung liefert - und die Leinwand Hundebilder, die mit den Musikern überblendet werden. Okay, Bulldoggen sind wohl irgendwie auch Menschen. Oder so. Es müssen ja nicht immer Katzen sein.

Ansonsten ist die Musik die Botschaft. Die Welt bleibt draußen. Bei "Enjoy The Silence" genügt ein einziger Akkord und Zehntausende jubeln. Dave Gahan geht dazu ganz entspannt über den Bühnenlaufsteg, während das Stadion mitsingt. Schleppend wie ein langsamer Marsch wird der Anfang von "Personal Jesus" inszeniert, bis dann das "reach out and touch faith" ins Rund kracht und zu Gores Gitarrenblitzen die Post abgeht.

Sitzplätze sind da schon länger überflüssig. Auf der letzten Eskalationsstufe, im Zugabenblock, entblättert sich Gahan von Lied zu Lied. Zum Früh-Hit "Just Can't Get Enough" trägt er immerhin noch eine dünne Weste. Bei "Never Let Me Down Again" schließlich wärmt ihn nur noch ein Schal.

Wir befinden uns am Ende des Konzerts. Auf der Bühne stehen Musiker Arm in Arm, das Publikum schreit um letzte Zugaben. Es ist 23 Uhr, Sperrstunde im Stadion. Zeit zu gehen. Und wieder zu warten. Denn nach dem Depeche-Mode-Konzert ist vor dem Depeche Mode-Konzert.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.06.2013

Jürgen Kleindienst

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