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Spielraum des Persönlichen - Das Leipziger Ballett tanzt Dekadance

Spielraum des Persönlichen - Das Leipziger Ballett tanzt Dekadance

Es scheint genau der richtige Moment dafür zu sein. Für eine Öffnung zu etwas Anderem hin, einer ästhetischen und auch (tanz)philosophischen Variablen. Zu dem, was einerseits lockt, vielleicht auch - auf die motivierende Art - verunsichert oder schreckt und dennoch zugleich von Parallelen spricht, gar einer Wesensverwandtschaft in der Substanz.

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Die Zuschauer werden zum Tanz gebeten: Das Leipziger Ballett bei der Premiere des Tanzabends "Decadance" des israelischen Choreographen Ohad Naharin.

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Was natürlich voraussetzt, dass diese Substanz vorhanden ist. Im konkreten Fall beim Ballett der Oper Leipzig, das sich über die Jahre hinweg an einer, verknappt gesagt, Palucca-Scholz-Schröder-Richtschnur entlang tanzte mit Choreographien, die eben nicht nur Kunst, sondern oft auch Kunstgewerbe zeigten. Diese qualitativen Schwankungen waren keine der Stagnation, sondern die eines Prozesses, dessen aktuellen Stand die formidable "Requiem"- Choreographie von Ballettdirektor Mario Schröder markiert. Also eine künstlerische Qualitätsstufe, die eine Öffnung zum Anderen auf Augenhöhe ermöglicht.

Schröders Blick fiel nun auf den israelischen Choreographen Ohad Naharin und dessen Produktion "Decadence", ein Destillat aus verschiedensten Arbeiten Naharins mit seiner Batsheva Dance Company. Ein, wenn man so will, Best-of-Patchwork, das der Choreograph mit dem Leipziger Ballett neu einstudiert hat. Am Samstag war Premiere in der ausverkauften Oper.

Schon während das Publikum in den noch erhellten Saal strömt, wuselt da Tänzer Kiyonobu Negishi zu wie aus weiter Ferne tönenden Cha-Cha-Cha-Klängen über die Bühne. Wie einer, der um Aufmerksamkeit buhlt mit zunehmend ausufernden Figuren. Ein Köder am Ironie-Haken, ein tanzender Narr. Und als solcher ein Virtuose. Die Geräuschkulisse im Saal wandelt sich vom Konversationsgesäusel zum Applaus. Das Publikum schluckt den Köder.

Auf das lässige, witzige Intro folgt wenig später der effektvolle Knaller. Musikalisch mit dem großartigen Mr. Dick Dale, dem "King of Surf Guitar", und seiner Fassung des hebräischen Gassenhauers "Hava Nagila", der hier klingt, als gehöre er zum Soundtrack für einen Tarantino-Film. Tänzerisch brandet dazu eine Kraftattacke, ein Ensemble-Parkour-Wellenritt, der auch dann nicht zum Stillstand (besser: Stillsitzen) kommt, wenn das Ensemble im großen Halbkreis auf Stühlen Platz nimmt und "Echad Mi Yodea" aus den Boxen kracht.

Das berühmte kämpferische Pessach-Lied wird hier mit E-Gitarren-Riffs unter Starkstrom gesetzt. Die Tänzer bewegen sich dazu im Aufspringen und Zurückgerissenwerden, im Winden, Strecken und Zucken. In schwarzen Anzügen und weißen Hemden, die bald in großen Gesten vom Körper gefetzt und Richtung Bühnenmitte geschleudert werden. Und immer, wenn die zungenbrecherische Refrainzeile vom Gott, der bei uns ist im Himmel wie auf Erden, das hebräische "Echad Elokeinu shebashamaim uva'aretz", chorisch vom Ensemble gewuchtet wird, gibt es eigentlich nur eine Frage: Warum, zum Teufel, bleibt man selbst noch stumm und steif sitzen?

Was sich noch ändern wird in diesen 70 Minuten, die "Decadance" dauert. Ganz nach der Programmatik, die Ohad Naharin für seine von ihm als "Ga Ga" bezeichnete Stilistik definiert, zeigen sich die Choreographien immer wieder auch als ein Insistieren auf individuellem Ausdruck im Gruppengefüge, auf dem Spielraum des Persönlichen - gerade in den gemeinschaftlichen Bewegungen des Synchronen.

Es sind die Momente, in denen sich der Impuls ins Strukturierte fügt, darin verliert und neu auftaucht, die immer wieder zu der Frage führen: Wo hört das individuelle Einfügen in die Gruppe auf und fängt die Nivellierung des Individuums an? Naharins Arbeiten sind inhaltlich gerade in diesem Punkt spannend: im Beharren auf dem Einzelnen im Kollektiven. Und selbst wenn sich das in "Decadence", dem Best-of-Charakter geschuldet, weniger in Tiefenwirkung als in Schlaglichtern entfaltet, leuchtet darin immer wieder ein Moment des Utopischen.

Mario Schröders Ensemble ist tänzerisch durchweg hinreißend. Ganz klar: Da hat sich etwas zur Substanz verdichtet, und vielleicht brauchte es eines fremden Choreographen, einer anderen Handschrift, um das wirklich mal klar zu machen. Und wenn zum Höhepunkt des Abends das Ensemble plötzlich hinunter in Parkett strömt, um einer Heimsuchung gleich Zuschauer auf die Bühne zu holen und mit ihnen zu (ausgerechnet!) Marushas Techno-Fassung von "Somewhere Over the Rainbow" zu tanzen, ist das keine Sekunde aufdringlich oder peinlich. Stattdessen: dramaturgisch konsequent.

Ein großer, auch befreiender Spaß ist es außerdem. Der Euphorie des langen, begeisterten Applauses ist nichts hinzuzufügen.

Weitere Aufführungen: 24.5. (19 Uhr), 30.5. (19.30 Uhr), 1.6. (15 Uhr), 13.6. (19.30 Uhr) und 15.6. (18 Uhr); Oper Leipzig, Karten (15 bis 65 Euro) gibt es unter Tel. 0341 1261261

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.05.2014

Steffen Georgi

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