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„Spurensucherin und Spurensichererin": Autorin Irina Liebmann erhält Lübecker Preis

„Spurensucherin und Spurensichererin": Autorin Irina Liebmann erhält Lübecker Preis

Als sie 1988 die DDR verließ und in den Westen ging, gefiel ihr dort, „dass an meinen Texte vor allem die Sprache geschätzt wurde". In der DDR zählte mehr die gesellschaftspolitische Aussage.

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„Von Autoren für Autoren" heißt die Auszeichnung, die Liebmann aus den Händen von Literaturnobelpreisträger Günter Grass entgegennahm.

Quelle: Thorsten Wulff

Irina Liebmann (71) wollte beides: „literarisch schreiben und auch die Gesellschaft ins Boot holen." Das war sehr schwer, und sie merkte bald: „Ich wurde immer langsamer."

Aber die Puste ging ihr nicht aus und sie schaffte schon bald den Sprung zur anerkannten gesamtdeutschen Autorin. Das wurde der Berlinerin gestern in Lübeck von vielen Schriftstellerkollegen bescheinigt, die ein Loblied auf sie sangen, aus ihren Werken vorlasen und sie dann noch mit einem Preis ehrten.

„Von Autoren für Autoren" heißt die Auszeichnung, die Liebmann in der altehrwürdigen Lübecker Stadtbibliothek aus den Händen von Literaturnobelpreisträger Günter Grass entgegennahm. In „Würdigung ihres Lebenswerkes", wie Grass betonte, der das „Lübecker Litraturtreffen" einst als eine Art Workshop „Von Autoren für Autoren" initiiert hatte. Zum zehnten Mal kamen sie an diesem Wochenende in der Hansestadt „in handwerkliche Verbindung miteinander" (Grass), lasen sich aus unveröffentlichten Manuskripten vor und diskutierten darüber. Zum dritten Mal vergaben sie ihren Preis, den Liebmann besonders schätzt, weil „hier mal die Produzenten selber ein Urteil abgeben" und eigenes Geld dazu.

„Spurensucherin und Spurensichererin" an ehemaligen Tatorten, an denen sich Geschichte vollzog

In ihrer Laudatio würdigte Dagmar Leupold Liebmann als Autorin, die „investigative Haltung und Mobilität" miteinander verbinde, in „ihren Büchern immer unterwegs ist" und auch das „poetische Register beherrscht". Sie sei eine „Spurensucherin und Spurensichererin" an ehemaligen Tatorten, an denen sich Geschichte vollzog. Beleg dafür seien Bücher wie „Mitten im Krieg", „Die freien Frauen" oder „Wäre es schön? Es wäre schön!" Letzteres sei nicht nur ein eindringliches Porträt ihres Vaters, sondern auch ein großartiges Geschichtsbuch über das 20. Jahrhundert.

Liebmann erhielt für dieses Buch, mit dem sie dem jüdischen Intellektuellen und Kommunisten Rudolf Herrnstadt (1903–1966) ein Denkmal setzte, 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse. Sie beschreibt darin, wie ihr Vater, der Auslandskorrespondent beim liberalen „Berliner Tageblatt" war, in der Nazizeit für den russischen Geheimdienst arbeitete, nach 1945 zum bekanntesten Pressemann der DDR aufstieg (Chefredakteur „Neues Deutschland", „Berliner Zeitung") und nach dem 17. Juni 1953 tief stürzte. Ihr wohl bestes Buch, aus dem nach der Preisverleihung Tilmann Spengler und Sherko Fatah vorlasen.

Grass trug aus Liebmanns „Berliner Mietshaus" vor („doof ist dieser Hof, hatte jemand mit Kreide an die Wand geschrieben"), das 1982 in der DDR herauskam, später auch im Westen verlegt wurde. Und am Ende gab es viel Applaus von rund 150 Gästen, die Gesprochenem und Gelesenem zwischen meterhohen Bücherwänden andachtsvoll gelauscht hatten. Die hölzernen Regale in der Lübecker Bibliothek beherbergen seit Jahrhunderten in Folianten den Geist, den Liebmann in ihrer Dankesrede beschwor: den Geist der Bücher. „Wir brauchen sie nur aufschlagen, schon springt er uns an ..."

Jan Emendörfer

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