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Stadt muss Finanzlöcher der Leipziger Dokwoche stopfen

230 000 Euro Stadt muss Finanzlöcher der Leipziger Dokwoche stopfen

Bei der Leipziger Dok-Woche fehlen in diesem Jahr 230 000 Euro. Die Stadt springt ein und stopft das Finanzloch. Kultur-Bürgermeisterin Skadi Jennicke sieht ein „strukturelles Problem“. Am 30. Oktober beginnt die 60. Ausgabe des renommierten Festivals.

Seit 2015 Direktorin der Leipziger Dokwoche: die Finnin Leena Pasanen.

Quelle: dpa

Leipzig. Claas Danielsen war ein Glücksfall. Aber, so dumm läuft das nun einmal, Glück hat man nur selten im Leben. Das ist im Privaten wie im Städtischen. Mit Danielsen brach Leipzigs Dokwoche zu neuen Ufern auf – und kam bei ganz und gar unerwarteten Horizonten an. Das Festival landete in der Spitzengruppe der Dokumentarfilm-Feste. Und das weltweit.

Nachdem Claas Danielsen Ende 2015 gegangen war, begann jene Zeit, die man inzwischen wohl nur noch als Monate der großen Wirren wahrnimmt. Eine mit Fachleuten besetzte städtische Findungskommission schlug Leena Pasanen aus Finnland als Nachfolgerin vor. Die Stadt folgte, die Stadtväter im Neuen Rathaus atmeten durch: Jetzt wird unser Festival endlich international. Als ob es das nicht schon seit Jahrzehnten gewesen wäre.

Leena Pasanen, bis heute konsequent englischsprachig unterwegs, kam – als Intendantin und Geschäftsführerin. Also als künstlerische und geschäftliche Leiterin. Eine Zweifachfunktion mit doppelter Bezahlung. In der ersten sorgte sie rasch dafür, dass der seit Fred Gehlers Direktorat in den 90er Jahren separat laufende Animationsteil mit dem Dokfilmteil verknüpft wurde. Sinn machte das nicht.

Aber es brachte Kosten – und hätte im Rathaus eigentlich die Alarmglocken in Betrieb setzen müssen. Dass Oberbürgermeister Burkhard Jung bei der Amtseinführung der neuen Chefin gesagt hatte, es könne kein weiteres Geld vom hundertprozentigen Gesellschafter geben, wackelte bereits nach einem Jahr. Da lag das Minus bei 80 000 Euro. Was allerdings nicht weiter auffiel, da das Land Sachsen – auch wegen der anstehenden Mindestlohn-Erhöhung – seinen Budgetbeitrag (350 000 Euro) bereits um 105 000 Euro erhöht hatte. Intern wurde bereits Ende 2015 das Minus von 80 000 Euro angesprochen, eine Reaktion gab es nicht. Dafür gab es jedoch zuvor – zwischen Ahnungslosigkeit und Selbstgewissheit – etliche finanzielle Fehlentscheidungen.

Warner und Kritiker gefeuert

Die erfolgreiche Stelle für Sponsoren- und Förderer-Akquise fiel weg, Verträge, die bisher immer zeitlich begrenzt waren, wurden ganzjährig ausgedehnt, Reisekosten für Gäste stiegen. So wuchs das Defizit im zweiten Jahr der finnischen Internationalisierung auf 200 000 Euro. Ungefähr. Die Chefin reagierte: Sie feuerte Warner und Kritiker. Grit Lemke, viele Jahre Geschäftsführerin und guter Geist der Dokwoche, sowie Finanzleiter Steffen Schmidt mussten Ende 2016 gehen. Es gab keine Abteilungsleiter mehr, Stellen wurden gestrichen (etwa ein Drittel des Teams), auch in der Auswahlkommission.

Half alles nichts. Denn wenn man sich um Sponsoren nicht kümmert (wozu auch Telepool gehört, dessen Weggang richtig weh tat), sind sie weg – und dem Festival fehlt jenes Geld, das bei dem umtriebigen Claas Danielsen noch etwa ein Viertel des Budgets (zwei Millionen Euro) ausmachte. Jemanden, der sich um Sponsoren kümmert, gab es eben nicht mehr – und wenn Leena Pasanen eingriff und auf Englisch akquirieren wollte, blieb das eben erfolglos. Auch bei Zusatzmitteln von der Mitteldeutschen Medienförderung. Die Begründung dafür verstand dort keiner.

So kam, was am Ende kommen musste: Das Geld von der Stadt war im Mai 2017 ausgegeben, ein Finanzplan lag im Rathaus allerdings immer noch nicht vor. Die größer werdenden finanziellen Lücken gefährdeten das Festival – bis die Stadt nun die Reißleine zog. Jetzt wird erst einmal das Defizit mit 230 000 Euro aufgefüllt, so dass Leipzig in diesem Jahr insgesamt 651 300 Euro bereit stellt. Im nächsten Jahr kommen auf den Sockelbetrag von 421 300 Euro zusätzlich 100 000 Euro drauf, in den Jahren 2019 und 2020 dann erneut weitere 20 000 Euro, so dass in diesen Jahren 541 300 Euro bereit stehen.

Kultur-Bürgermeisterin Skadi Jennicke sieht ein „strukturelles Problem“

Die Kultur-Bürgermeisterin Skadi Jennicke sieht die Geldlücken der Dokwoche als „strukturelles Problem“. Dagegen soll nun umstrukturiert und Abläufe optimiert werden. Darum kümmert sich – natürlich – Leena Pasanen. Skadi Jennicke: „Leena Pasanen war offen und ehrlich in der Problemanalyse, auch sich selbst gegenüber.“ Wobei sie im Gespräch auch ziemlich „schmerzhafte Einsichten“ offenbart hätte. Nun sollen also Sponsoring und Fundraising wieder aufgebaut werden. Wie ist allerdings noch offen. Da Leena Pasanen, anders als die Fußballer Youssuf Poulsen (Dänemark) oder Emil Forsberg (Schweden) von RB Leipzig, die das in kurzer Zeit hinbekamen, weiterhin kein Deutsch spricht, dürfte das immerhin schwierig werden. Denn Sponsoren aus dem hiesigen Mittelstand, weiß Skadi Jennicke, sind mit Englisch nicht zu gewinnen.

Trotz allem steht die Stadt, nach leidigen, teuren Erfahrungen aus dem Musikbereich, weiter zu Leena Pasanen, deren Vertrag noch bis 2020 läuft. „Wir erwarten natürlich einen künstlerischen Erfolg des Festivals“, sagt Skadi Jennicke, die zu bedenken gibt, dass es bei der Dokwoche jeder, der nach Claas Danielsen komme, schwer habe. Die Stadt will auf jeden Fall, dass die Besucherzahlen (nähern sich der 50 000-Marke) gehalten werden. Eine Steigerung ist schwer möglich, da schlichtweg die Kino-Leinwände fehlen.

Um die Finanzen unter Kontrolle zu bekommen, ist inzwischen auch eine Stelle als Kaufmännischer Leiter ausgeschrieben. Der soll auf jeden Fall noch vor dem 60. Jahrgang der Dokwoche Ende Oktober gefunden sein. Was die Frage aufwirft, was danach mit dem Doppelvertrag von Leena Pasanen wird. Die ist ja, so wie vor ihr Claas Danielsen, als Intendantin und Geschäftsführerin angetreten. Bleibt da ein doppelter Gehaltstopf bestehen?

Von Norbert Wehrstedt

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