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Stapelplatz für Literatur

Stapelplatz für Literatur

Die Frankfurter Buchmesse ist heute die Nummer eins in Deutschland, fast 300 Jahre beanspruchte sie diesen Rang für sich. Doch auch die Leipziger Buchmesse kann auf eine stolze Bilanz blicken: Gut 260 Jahre lang hatte sie die Führungsposition inne.

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Bücher nach Gewicht

Großes Messeprivileg von 1507.

Quelle: SaxVerlag

Unsere fünfteilige Serie führt in ihre bewegte Geschichte ein und stellt Erfolge und Glanzpunkte ebenso vor wie Krisen und Bedeutungsverluste. Heute: frühe Buchmessen in Leipzig.

Die Erfindung des Buchdrucks schuf nicht nur das erste Massenmedium der Geschichte, sondern brachte auch eine Branche mit eigenen Gepflogenheiten hervor. Frühe Drucker erkannten schnell, dass sie ihre lateinischen Bücher in ganz Europa absetzen konnten. Wie aber kamen sie an gebildete Käufer und Leser in größerer Entfernung heran?

Eine Schlüsselrolle spielten hierbei die großen Handelsplätze und an erster Stelle die damals bedeutendste Messe in Mitteleuropa: Frankfurt am Main. Die Stadt besaß seit 1240 ein Messeprivileg mit internationaler Ausstrahlung. Die ersten Buchunternehmer boten hier seit den 1460ern ihre Waren feil. Unter ihnen soll Peter Schöffer gewesen sein, der einst zusammen mit Johannes Gutenberg in Mainz den Buchdruck erfand.

Leipzig befand sich in jenen Jahrzehnten noch in einer Art Dornröschenschlaf. Innerhalb der Stadtmauern wohnte bis in die 1480er kein einziger fest etablierter Drucker, Verleger oder Buchhändler. Nichts deutete darauf hin, dass sich daran etwas ändern könnte. Dann aber kam Bewegung in die Sache. Der römisch-deutsche König und späterer Kaiser Maximilian I. von Habsburg verlieh 1497 ein Messeprivileg an Leipzig, das ein älteres des sächsischen Kurfürsten Friedrich III. erneuerte. Von nun an durften drei Messen pro Jahr abgehalten werden: nämlich im Frühjahr (Jubilate), im Herbst (Michaelis) und zu Neujahr.

Während dieser Termine wurde eine Bannmeile für den Handel ausgesprochen. Im Umkreis von zehn Postmeilen - das entsprach einem Radius von 120 Kilometern - durfte keine konkurrierende Messe stattfinden. Wenige Jahre später wurde dieser Kreis durch ein weiteres Privileg auf 15 Meilen erweitert. Das war der Ausgangspunkt einer langen Entwicklung, an deren Ende die Buchstadt Leipzig stehen sollte.

Schon bald kamen erste Buchunternehmer aus dem regionalen Einzugsgebiet, das freilich über Erfurt und Nürnberg nicht hinausreichte. Ihre Ware - vorrangig Bibeln, Kalender, Almanache, Koch- und Gesangsbücher - verkauften sie entweder an Marktständen oder den auswärtigen Kollegen direkt aus den Lagergewölben. Zurück in ihren Heimatorten versorgten sie das dortige Publikum und befreundete Buchhändler, denen eine Anreise in Leipzig zu kostspielig war oder (noch) nicht lohnend schien. So war die Buchmesse das Ereignis im Arbeitsjahr eines Drucker-Verlegers. Während er sonst zu Hause einsam vor sich hin produzierte, stieß die Messe das Tor auf zu einer anderen Welt, vermittelte Kontakte und Ideen für neue Buchvorhaben. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Bald erkannten die Buchunternehmer, dass es sich lohnte, an diesen Zentralplätzen bestimmte Aufgaben an Dritte zu delegieren. Was sie in der kurzen Messezeit nicht erledigen konnten, hätte ansonsten bis zur nächsten Messe warten müssen. So übernahm der Leipziger Buchhandel im 16. Jahrhundert den Brauch, die nicht abgesetzte Ware auf dem Messeplatz zurückzulassen. Die Verwaltung übergaben die Auswärtigen einer örtlichen Vertrauensperson, einem Agenten oder Kommissionär, weil sie dadurch Spesen für den An- und Abtransport sparten. Leipzig wurde somit zum "Stapelplatz" für Literatur.

Eine neue Qualität kam mit der Auslieferung am Messeplatz. Der Agent verwaltete nicht nur die ständigen Lager der fremden Drucker-Verleger, sondern auch den Verkauf außerhalb der Messezeit. Die Buchmesse strahlte also nachhaltig auf die lokale Branche ab. Es wurde zunehmend geschäftig in Leipzig. Die Branche konzentrierte sich zunächst um den Marktplatz, um sich dann räumlich in Richtung der auftragsmächtigen Universität zu verlagern. Als dann noch infolge der Reformation die Nachfrage nach deutschsprachigen Büchern zunahm, die vornehmlich im mitteldeutschen Raum und somit auf der Leipziger Buchmesse gehandelt wurden, erlebte Leipzig einen Bedeutungsaufschwung.

Bücher erschienen damals ausschließlich zur Messezeit, und so begann eine Tradition, die auf den Messen angebotenen Bücher zu verzeichnen. Der einfallsreiche Augsburger Buchhändler Georg Willer gab erstmals 1564 einen Frankfurter Messkatalog heraus. 30 Jahre später druckte der Verleger Henning Große einen solchen zum ersten Mal für Leipzig. Die Kataloge dienten der übersichtlichen Kenntnisnahme aller Neuerscheinungen und Neuauflagen für die Händler. Zugleich boten sie die Möglichkeit, die auf den Messen präsentierten Bücher zu zensieren. So geschehen durch die weltlichen Bücherkommissionen, die in Leipzig und Frankfurt am Main zeitgleich 1569 eingerichtet wurden. Sie hatten die Aufgabe, die Bücher während der Messe zu "durchleuchten", um sie vor der Verbreitung zu verbieten und zu vernichten. Eine clevere Idee der Zensoren, die sich aber aufgrund des geschickten Taktierens vieler Buchhändler nicht immer umsetzen ließ. Bei einigen Beschlagnahmungen stellte sich nämlich heraus, dass die Bücher vor ihrem offiziellen Erscheinen längst verkauft worden waren. Wie auch immer, die Doppelfunktion - zugleich Geburts- und Sterbehelfer von Publikationen zu sein, prägte über viele Jahrhunderte das Image beider großen Buchmessen.

Thomas Keiderling, Buchwissenschaftler an der Universität Leipzig, ist Verfasser des Bandes "Aufstieg und Niedergang der Buchstadt Leipzig" (Sax-Verlag, 2012).

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.02.2014
Thomas Keiderling

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