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Starke Bilder aus unmittelbarer Körperlichkeit

Starke Bilder aus unmittelbarer Körperlichkeit

Es ist ein Jammer: Von Johann Sebastian Bachs Markus-Passion BWV 247 ist lediglich das Textbuch erhalten, das Notenmaterial gilt als verschollen. In akribischer Detektivarbeit ist Musikwissenschaftlern inzwischen durch Heranziehung anderer Quellen die Zuordnung der Choräle gelungen.

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Barrierefreie Markus-Passion mit Gewandhaus- und Gebärdenchor SignSongs im Mendelssohnsaal

Quelle: Gert Mothes

Für Eingangs- wie Schlusschor sowie zwei Drittel der Arien wurden ebenfalls Notenvorlagen gefunden. Wenn man davon ausgeht, dass sich Bach auch hier des in seiner Zeit üblichen und von ihm oft angewandten Parodieverfahrens bedient und eigene Kompositionen mit neuen Texten unterlegt hat. Trotzdem klafft bei Rezitativen und Chören noch immer eine schmerzliche Lücke.

Der Gewandhaus-Chor sieht die desolate Quellenlage als Chance und geht in seiner Aufführung der Markus-Passion am Sonntagabend ungewöhnliche Wege. Die zeigen sich schon in der Bestuhlung des Mendelssohn-Saales im Gewandhaus: Ein vertikal zur Bühne verlaufender Laufsteg in der Raummitte teilt die Publikumssitze mit Blickrichtung Steg in zwei Hälften. Auf der Bühne agieren die Musiker der Camerata lipsiensis sowie die Choristen und des Gebärdenchores SignSongs. Unter der Leitung Gregor Meyers werden die Fragmente der rekonstruierten Fassung von Diethard Hellmann und Andreas Glöckner sowie zwei Arien aus Ton Koopmans Rekonstruktion musiziert: Wunderschön und wandlungsfähig klingt der Chor, das Orchester spielt feinsinnig, die Solisten Isabel Meyer-Kalis (Sopran), Susanne Lagner (Alt), Tobias Hunger (Tenor) sowie Cornelius Uhle (Bass) gestalten die Arien sublim und zu Herzen gehend.

Die fehlenden Passagen werden pantomimisch dargestellt. Dazu steuert das Cello-Duo Deep strings (Anne-Christin Schwarz und Stephan Braun) eigene Töne verschiedenster Couleur bei. Diese Stilbrüche werden zum Teil eines großen Neuen, wenn auch einige Choräle durch Sprechgesang verfremdet werden.

Wunderbar fügt sich das Cellospiel ein in die szenischen Darstellungen der Mimen Marc Mascheck und Okan Seese, der auch in Gebärdensprache vorträgt. Das letzte Abendmahl, Judas' Verrat, die Kreuzigung - starke Bilder entstehen durch die unmittelbare Körperlichkeit groß angelegter Gesten und Posen und sparsamer Mittel: Da wird ein rotes Tuch zum Kreuz und vermittelt das Leiden Jesu auf berührende Weise.

Diese pantomimischen Darstellungen sowie die Mitwirkung von SignSong und von Gebärdendolmetschern machen diese Aufführung der Markus-Passion in Kooperation mit dem Berufsbildungswerk Leipzig zum barrierefreien Konzert für Hörgeschädigte und ermöglichen auch diesen den Zugang zu Bachs Musik. Für die Hörenden im Saal bedeutet es überdies einen sinnlichen Zugewinn: Die grazilen Handbewegungen der SignSong-Mitglieder strahlen ästhetische Anmut aus und transportieren den Inhalt der aufgeführten Chorpartien auch für Gebärdensprachen-Unkundige.

Ganz eindrucksvoll wird dies im Choral "Befiehl du deine Wege", wenn der GewandhausChor Bachs Melodie summt derweil SignSongs den Text vermittelt. Und wenn sich die Gebärdendolmetscher in den instrumentalen Passagen der Arien mit fein empfundenen Gesten im Takt der Musik bewegen, verleiht das der Musik zusätzlich Tiefe.

Auch der Schlussapplaus im voll besetzten Saal ist ungewöhnlich: Zwar wird laut und ausdauernd geklatscht, doch werden vielerorts winkende Hände in die Höhe gereckt. Birgit Hendrich

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.04.2014

Hendrich, Birgit

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