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13:23 10.11.2016
Rockin all over the world – Francis Rossi lässt es auf der Bühne krachen. Quelle: dpa
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Hannover

Bandgründer Francis Rossi im Interview über den neuen Unplugged-Sound der Band und den Ausstieg von Gitarrist Rick Parfitt.

Wer hätte das gedacht. Die Hardrockband Status Quo tauscht die Telecaster gegen Akustikgitarren. Der Untertitel „Thats a Fact“ des neuen Albums „Aquostic II“ verspricht Dauerhaftigkeit.

Die ersten Akustikkonzerte waren eine reine Freude. Man kann in einer tieferen Tonart singen, beim elektrischen Rock muss man ja immer so hoch steigen (Rossi imitiert mit heiserer Stimme Falsettgesang). Außerdem war es erfolgreich, und Erfolg lässt einen ja immer denken: Das mach ich nochmal.

Was sagt die Fanbasis?

Die Hardcorefans hassen es natürlich. Aber es gibt genügend andere Leute, die es lieben und zu uns kommen. „Aquostic I“ war das meist verkaufende Album seit langem.

Und der elektrische Quo-Rock ist damit nach 45 Jahren endgültig Vergangenheit?

Nach dem Album „Quid pro Quo“ war es eigentlich vorbei. Immer die gleichen Tonarten, immer die gleiche Zahl von Beats per Minute. Das Ding klang ja fast wie ein Album von AC/DC. Auch wurde das mit den Konzerten immer schmerzhafter.

Inwiefern?

Am Morgen nach einem elektrischen Gig tut dir alles weh: Arme, Beine, der Hals ist wund. Man wird alt. Der Engländer sagt: Abwechslung tut Wunder. Eigentlich hatte ich vor, am Ende des Jahres ganz aufzuhören. Dann kam die Akustiksache. Die war frisch und auch ein bisschen riskant.

Status Quo sind dafür bekannt, abzuliefern – und das seit 25 Jahren. Quelle: dpa

Der irische Neuzugang Richie Malone, der für Ihren Ko-Gitarristen Rick Parfitt eingesprungen ist, scheint den Rest der Band aber zu inspirieren.

Die Quo-Show unserer „letzten elektrischen Tour“ hat sich durch diesen jungen Mann total verändert, und er ist wirklich jung – 29. Er hat dieser Band in den Hintern getreten. Plötzlich zogen wieder alle am gleichen Strang und da ist eine solche Energie! So weiß ich zum ersten Mal seit langer, langer, sehr sehr langer Zeit nicht, was mit Quo als Nächstes passieren wird. Ich denke, wir machen erstmal akustisch weiter, aber (seufzt) leider sind die elektrischen Shows derzeit sooo gut. Belfast und Dublin – das waren Abende! Unsere Körper fühlten sich hinterher nach reiner Freude an. Aber dann am Morgen wieder: Autsch!

Manche Lieder finden unplugged geradezu zu ihrer wahren Natur. „Hold You Back“ hörte sich schon 1977 nach Celtic Folk in Metalrüstung an.

Genau. 85 bis 90 Prozent der Songs der frühen Zeit haben wir sowieso auf akustischen Gitarren komponiert: „In my Chair“, „Paper Plane“, „Caroline“. Das war prima, die Gitarre sitzt an deinem Brustkorb, du wirst vom Sound durchdrungen. Schwer war es dann oft, von einer akustischen zu einer elektrischen Aufnahme zu gelangen. Im Prinzip gehen wir dahin zurück, woher die Songs kommen.

Und ziehen zusätzlich Publikum.

Viele lieben das ,eh-eh-eh!‘ (imitiert den Boogierock-Rhythmus einer E-Gitarre), genauso viele wechseln bei unserem „eh-eh-eh“ aber sofort den Sender. Jetzt sagen mir Leute: „Ich wusste gar nicht, dass ihr so hübsche Lieder habt“. Ich sagte: „Was habt ihr denn die ganze Zeit gehört?“ Aber ich bin angefixt von dem Neustart. Und das mit 67. Sie-ben-und-sech-zig.

Sieht man Ihnen nicht an.

Als ich 40 Jahre alt war und mein Vater arbeitete noch, dachte ich: „Wie dumm.“ Jetzt bin ich so alt wie er und es ich arbeite ebenfalls noch. Aber wenn man in Europa unterwegs ist, sind es zumeist reife und alte Bands, die das Live-Business beherrschen. Auch im Radio gibt’s viel Musik, die 30 bis 60 Jahre alt ist. Und die Jüngeren hören da durchaus rein. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir anno 1969 Musik von 1920 gehört hätten. Der alte Rock’n‘Roll aber lebt noch. Und viele der Bands auch.

Im Juni dieses Jahres klopfte trotzdem das Ende bei Status Quo an. Was ging ihnen durch den Kopf, als Rick Parfitt seinen fast tödlichen Herzinfarkt erlitt.

„Fuck! Das wars.“ Wir sahen ihn auf dem Boden liegen (Stimme wird leise), wir waren völlig erledigt. Sie sagten, er sei tot. Sie holten ihn zurück. In seiner Pressemitteilung erklärte er jetzt ganz philosophisch, er sei der wilde Mann der Band gewesen, während wir anderen das Rock’n’Roll-Leben in unseren späten Dreißigern aufgegeben hätten. Und dass er nun eben den Preis dafür zahle.

Status Quo sind nach der Schrecksekunde ohne ihn weitergezogen.

Ich weiß. Das ist schräg. Viele sagen: „Ihr hättet die Tour stoppen müssen.“ Aber wir haben nicht mehr die Siebziger, als du alles anhalten konntest und nichts ist passiert. Jede Show ist hoch versichert. Sonst hätten AC/DC niemals Axl Rose mit auf Tour genommen, soviel ist sicher. Als Rick zusammenbrach, mussten wir Pläne machen. Eine Woche zuvor auf der Isle of White hatte er schon Herzbeklemmungen gehabt. Aber Rick denkt immer, er sei unbesiegbar. Er ist ein zäher, harter Typ – kein anderer wäre von da zurückgekommen, wo er war. Er war tot.

Und jetzt sagt er, er sei voll genesen, wolle aber nicht mehr zur Band zurück. Er nennt „Aquostic“ Quatsch und wünscht dem neuen „fucking good little player“ das Beste. Das klingt verbittert.

Wie das lief, hat ihn schon getroffen. Für jeden von uns wäre es ein Schock, ersetzt zu werden. Zu sehen, dass es so einfach ist. Zwei, drei Wochen zuvor hat ihm das Akustik-Ding noch super gefallen. Es gibt einen Film, auf dem er sogar sagt, es sei seine Idee gewesen. Lalala. Dadada. Man muss immer Gewahr sein: Wir sind im „Showbusiness“. Und „Show“ ist nicht notwendigerweise ein Synonym für „wahr“.

In seinem romantischen Musikfan-Kopf hielt man Francis Rossi und Rick Parfitt immer für eine untrennbare Einheit – perfekte Kumpel.

Da war so viel Druck auf unserer Beziehung. Wir sind älter geworden und haben uns auseinander gelebt. Am Anfang war unsere Band ein kraftvolles „wir“. Dann waren Status Quo fünf „Ichs“. Du kannst sehen, wie es Rick irgendwann nach vorn an die Rampe drängte, wie ihn das „Rocking all over the World“-Ding mitnahm. Aus einem romantischen Blickwinkel sehen Bands großartig aus, aber es gibt immer Risse. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass sich sogar die beiden Everly Brothers nicht leiden konnten. Und ich wünschte, ich hätte es nie erfahren.

Wird es Akustik-Alben geben, die nicht wie bisher bekannte Status-Quo- Songs verändern, sondern aus neuen Liedern bestehen?

Es gibt sogar eine ganze liegengebliebene Quo-Songwelt von Ende der 80er bis Mitte der 90er-Jahre, als die Band Trends folgte statt ihrem Kompass. Wunderbare Lieder dabei. Aber wichtig ist: was wir jetzt tun, muss Einnahmen bringen. Wenn wir das nicht schaffen, geht alles den Bach runter.

Sie haben doch aber mit Status Quo weit über 100 Millionen Platten verkauft.

Ja, aber Sie dürfen nicht davon ausgehen, dass wir all unsere Verdienste in der Ecke aufgestapelt haben. Da waren Scheidungen, Drogen, das ganze Kokain, Rick hat tausend Autos gekauft, Boote, Flugzeuge. Und wir wurden auch noch kräftig abgezockt.

Wie wären Sie denn so als Ruheständler? Ein Hausmann, „doing the Garden, digging the weeds“ wie die Beatles in „When I’m 64“ sangen?

Lachen sie nicht: Ich hatte immer große Gärten, und ich bin da so oft wie es nur geht. Ich liebe es, im Garten zu arbeiten, das ist für mich fast so toll wie Porno (er lacht).

Es heißt, Sie verwenden auch viel Zeit auf die Familie.

Nur 16 Minuten Sex (lacht laut). Im Ernst, ich bin in einer italienischen Familie aufgewachsen. Vier von meinen Kindern leben noch zu Hause. Und sie hören viel Musik. Das Haus ist voller Musik in allen Klangfarben. Ich liebe das, ich bin ein mit Glück gesegneter Mann – Familie (seufzt). Und wie gesagt – obendrein hatte ich noch die 16 Minuten – zwei pro Kind (lacht).

Wenn die letzte schmerzhafte, elektrische Status-Quo-Tour vorbei ist, wie werden Sie sich entspannen?.

Wir kommen diesmal spät zurück – erst am Heiligabend. Wir haben zu Hause diesen Anbau mit seiner großen Feuerstelle. Ich stehe um halb sieben auf, gehe runter spiele eine halbe Stunde mit den Hunden, mache das Feuer an, trinke Kaffee mit meiner Frau Eileen, dusche mich, löse Kreuzworträtsel, setzte mich ans Feuer, schlafe ein, wache auf, trinke Tee.

Klingt friedvoll.

Und ich puzzle. Das ist sogar besser als Porno. Tag für Tag, seit ich 13 war, habe ich die Band im Kopf, ich wache nachts auf von Status Quo. Aber in dieser Zeit des Jahres nicht. In dieser Atmosphäre mit der Familie ist sie nicht dabei und ich denke: Das war‘s wert. Und wenn es dann noch schneit … (seufzt) Einer der Gründe, warum wir jetzt in dieser Jahreszeit so gern in Deutschland sind, ist dieses wunderschöne Winterding. Wenn man am Morgen aus dem Hotelfenster schaut, die winterdampfende Kälte sieht und Schnee in der Luft riecht. Das alles macht mich vielleicht zu einer schrecklich langweiligen Person. Aber ich führe ein fabelhaftes Leben.

Relativ normal und unrockig bürgerlich.

Wir waren in unseren Zwanzigern so sicher wie wir mal sein würden. Wundersam, wie sich das alles ändert. Wir haben unsere Eltern angeschaut und gesagt: So werde ich nicht, ich werde nicht so, ich werde nicht so, ich werde … ich werde… ich bin wie sie geworden: Die Kleidung, der Garten, die Hündchen. Und es ist gut. Meine Ex-Frau hat mal gesagt, man müsste uns mit 30 liquidieren, Sie ist jetzt 70. Sie hat ihre Meinung geändert (lacht).

Tour durch Deutschland

Francis Rossi (67), gebürtiger Londoner, Sänger und Gitarrist der britischen Band Status Quo, telefoniert von seinem Musikraum in seinem Zuhause in Surrey nach Deutschland. Bis Weihnachten dauert die wahrscheinlich letzte Tour seiner Band Status Quo mit den elektrischen Telecastergitarren und dem deftigen Boogierock, für den die Briten geliebt und gehasst wurden. Im Juni erlitt Rick Parfitt, Rossis Bandgefährte seit 1967, einen beinahe tödlichen Herzinfarkt, wurde während der laufenden Tour durch den Iren Richie Malone ersetzt und erklärte am 28. Oktober, nicht mehr zur Band zurückkehren zu wollen. Francis Rossi lebt in Surrey mit seiner zweiten Ehefrau Eileen. Er hat sechs Söhne und zwei Töchter und die Westies/Jack-Russell-Hündinnen Maggie und Nancy. Mit Status Quo spielt er im November an folgenden Tagen in Deutschland:

10.11. Barclaycard Arena, Hamburg;

11. 11.Arena, Leipzig

12. 11. Dreiländerhalle, Passau

14. 11. Max-Schmeling-Halle, Berlin

15. 11. Messehalle, Erfurt

17. 11. Stadthalle, Rostock

18. 11. Nordseehalle, Emden

19. 11. Lanxess Arena, Köln

21. 11. Jahrhunderthalle, Frankfurt

22. 11. Brosearena, Bamberg

24. 11. König-Pilsener-Arena, Oberhausen

25. 11. Swiss Life Hall, Hannover

26. 11. Stadthalle, Magdeburg

29. 11. Porsche Arena, Stuttgart

30. 11. Olympiahalle, München

Von Matthias Halbig

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