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10:33 14.03.2018
Geste der Freundschaft? Jeff Koons’ „Bouquet of Tulips“. Quelle: Foto:
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Paris

Ist es Absicht, dass sich die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo unbeliebt macht? Das vermutet die Zeitung „Le Monde“: „Es ist, als ob sie jedem einen Grund geben wollte, sie zu hassen.“ Hinzu kommt, dass die Rathauschefin generell für alles, was in Paris läuft oder eben auch nicht, persönlich verantwortlich gemacht wird – von den Problemen des neuen Leihradsystems bis zur Rattenplage.

Nun hat sich eine neue Front aufgetan: die Kulturschaffenden, die Entscheidungen der Stadt kritisieren. Ein Zusammenschluss aus 100 Persönlichkeiten, darunter die Schriftsteller Milan Kundera und Michel Houellebecq, protestierten gegen die Absage an die Familie des Ende 2016 in Irland gestorbenen französischen Autors Michel Déon, diesem eine letzte Ruhestätte in Paris zu gewähren. Die Plätze auf den Friedhöfen sind rar und jenen vorbehalten, die dort lebten – das gelte nicht für den Weltenbummler Déon. „Die Stadt, in der Balzac, Musset, Breton, Wilde ruhen, geht mit einem der Ihren ziemlich schlecht um“, steht in dem offenen Brief. Schleunigst versprach Hidalgo eine Initiative, damit verdiente „Pariser des Herzens“ ausnahmsweise dort begraben werden können.

Ein Blumenstrauß, der von einer Hand dargeboten wird

Riskanter als der Vorwurf, als Umfallerin zu gelten, erschien der Sozialistin offenbar eine Revolte der Kulturtreibenden. Zumal diese ohnehin schäumen aufgrund der geplanten Skulptur „Bouquet of Tulips“ des US-Künstlers Jeff Koons auf dem Platz vor dem Pariser Museum für moderne Kunst und dem Palais de Tokyo, ebenfalls einem angesagten Ausstellungsort.

Eine Geste der Freundschaft zwischen zwei Völkern soll dieser überdimensionierte Blumenstrauß, der von einer Hand dargeboten wird, symbolisieren. Hergestellt wurde das Werk bereits, doch seit Monaten flaut der Widerstand dagegen nicht ab. Eine von mehreren Persönlichkeiten wie dem Ex-Kulturminister Frédéric Mitterrand und dem Regisseur Olivier Assayas lancierte Petition erhielt mehr als 6100 Unterschriften.

Tulpen als Hommage für Opfer der Pariser Terror-Anschläge

Jeff Koons symbolisiere eine „industrielle, spektakuläre und spekulative Kunst“, heißt es darin. Die Wahl der Skulptur wie auch ihres Ortes erscheine „überraschend, wenn nicht opportunistisch oder sogar zynisch“. Denn jene luftballonhaft bunten Tulpen wurden zwar als Hommage an die Opfer der Pariser Terror-Anschläge vom November 2015 konzipiert. Diese ereigneten sich allerdings im Fußballstadion Stade de France nördlich von Paris sowie im Osten der Stadt – weit entfernt vom noblen Standort der Koons-Skulptur. Viele stört auch, wie das fast zwölf Meter hohe und 27 Tonnen schwere Werk aus Bronze, Stahl und Aluminium gegenüber dem Eiffelturm in die Luft ragen soll und damit die „bestehende architektonische Harmonie“ störe.

Die Initiative dafür ging nach den Anschlägen 2015 von der damaligen US-Botschafterin in Paris, Jane D. Hartley, aus. „Ich erinnerte mich an die Welle der Solidarität, die auf den 11. September 2001 in New York folgte, und ich wollte, dass Amerika im Gegenzug eine Geste gegenüber dem französischen Volk zeigt“, sagte sie. Jeff Koons habe eingewilligt. Sehr schnell, erklärte er, sei ihm die Idee des Tulpenstraußes gekommen als geeignete Botschaft des Trostes, „um unsere Trauer, das Mitfühlen über den Verlust dieser Opfer und unsere Unterstützung ihrer Familien auszudrücken“.

Dem Starkünstler aus den USA, der in Frankreich bereits den Verdienstorden der Ehrenlegion erhielt, wurden dort bereits große Ausstellungen gewidmet: 2008 im Schloss von Versailles, 2014 eine Retrospektive im Centre Pompidou. Paris schenkt er aber nur das Konzept für sein Kunstwerk: Die Herstellungs- und Installationskosten von rund 3,5 Millionen Euro bezahlte ein Fonds von Mäzenen aus Frankreich und den USA. Doch auch wenn es sich um eine private Initiative und keinen öffentlichen Auftrag handelt, bleibt das Rathaus in der Schusslinie. Von dort hieß es, technische Untersuchungen seien noch notwendig, bis das Werk aufgebaut werden kann. Oder wartet man, bis sich die Aufregung doch noch legt?

Von Birgit Holzer

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