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Suff, Sex und Selbsthass: Solo für Fassbinder - "Baal" darf wieder flimmern

Suff, Sex und Selbsthass: Solo für Fassbinder - "Baal" darf wieder flimmern

Volker Schlöndorff darf zum 75. Geburtstag nach über 40 Jahren Verbot durch die Brecht-Erben endlich wieder seine "Baal"-Verfilmung von 1969 zeigen - mit 16mm-Handkamera, ungelenken Laien-Darstellern und anarchistischem Theater.

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Jahrzehnte im Geschäft und immer noch erfolgreich: Der Regisseur Volker Schlöndorff.

Quelle: Maurizio Gambarini

Leipzig. Am 21. April 1970 sah Helene Weigel Westfernsehen - und war hellauf empört. Nach 20 Minuten verließ sie den Raum. Was die Weigel in der ARD sah, das war kein "Baal" von Bertolt Brecht (geschrieben 1918, uraufgeführt 1923 in Leipzig), den die Hohepriesterin des Brecht-Erbes sehen wollte. Sie verbot jede weitere Aufführung. Siegfried Unseld, Suhrkamp-Chef und Brecht-Rechteinhaber West, blieb machtlos.

Der zornige, überhitzte, verschwitzte "Baal" des 20-jährigen Brecht, in dem ein zwischen Sex, Suff und Selbsthass zerrissener Dichter (entfernt orientiert am Leben von Christian Dietrich Grabbe) sich selbst zugrunde richtet, ließ Helene Weigel nicht gelten. Nur der von Brecht selbst bereinigte "Baal" der 50er war die gültige Fassung: der Dichter wird von einer asozialen Gesellschaft in die Asozialität getrieben. Das sah der 30-jährige Volker Schlöndorff, der gerade "Michael Kohlhaas", seinen dritten Film, in den Sand gesetzt hatte, ganz anders. Der junge Brecht, das Idol seiner Jugend, in dessen Berliner Ensemble er Anfang der 60er ständig gegangen war, pulsierte für ihn immer nur in der wilden "Baal"-Urfassung.

So griff er bei der Verfilmung 1969 auch zu diesem Text, dachte zunächst an Daniel Cohn-Bendit als Baal, entdeckte dann aber das Münchener Antitheater und Rainer Werner Fassbinder - und hatte einen idealen Baal. Fassbinder unterbrach sofort seinen zweiten Film "Katzelmacher". Er brauchte das Geld. Er produzierte von der Hand in den Mund. Die Schulden von "Liebe ist kälter als der Tod", seinem Erstling, bezahlte er vom "Katzelmacher"-Budget, den wiederum vom Geld für Film drei "Götter der Pest". So war die Geldspritze von "Ball" willkommen. Um die zu erhöhen, brachte er gleich sein Ensemble mit - von Irm Hermann über Walter Sedlmayer und Peer Raben (der Film-Komponist) bis Hanna Schygulla.

Volker Schlöndorff wollte nach der "Kohlhaas"-Katastrophe und trotz des Erfolges von "Der junge Törless" "wie ein Amateur noch einmal anfangen" - mit 16mm-Handkamera, ungelenken Laien-Darstellern und anarchistischem Theater. Bayerischer Rundfunk und Hessischer Rundfunk waren dabei.

Leipzig. Volker Schlöndorff darf zum 75. Geburtstag nach über 40 Jahren Verbot durch die Brecht-Erben endlich wieder seine "Baal"-Verfilmung von 1969 zeigen - mit 16mm-Handkamera, ungelenken Laien-Darstellern und anarchistischem Theater.

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Die Ausstrahlung war tatsächlich - undenkbar heute - zur besten Abend-Sendezeit. Heftige, wütende, ablehnende Reaktionen folgten postwendend. Die Normalzuschauer hielten "Baal" für eine Sozialreportage über einen Lustmörder und forderten, Fassbinder zu hängen, zu erschlagen oder in siedendes Öl zu werfen, das bürgerliche Publikum wendet sich mit Abscheu von der Provokation aus dem 68er-Geist. Der Todesstoß kam aus Ostberlin von Helene Weigel. Seit 1970 durfte dieser "Baal" nicht mehr gezeigt werden, die Brecht-Erben verhinderten auch nach Weigels Tod jede Aufführung - bis sich Juliane Lorenz von der Rainer Werner Fassbinder-Foundation einen weiteren Vorstoß machte und nun endlich bei Barbara Schall ein offenes Ohr fand.

Zweite "Baal"-Premiere bei der Berlinale, nun läuft er im Kino und ist auf DVD zu haben. Volker Schlöndorff hält eher Distanz: "Ich sehe ihn mit gemischten Gefühlen, was das Künstlerische betrifft." Ein Meisterwerk? Nein, das sei "Baal" sicher nicht. Aber ein einzigartiges Fassbinder-Dokument: "Fassbinder hat Baal genommen, um Fassbinder darzustellen." Genau darin besteht der Reiz dieses expressionistischen Dramas in 24 Bildern. Rainer Werber Fassbinder, damals noch unbekannt und erst 24, raucht, trinkt, streift durch Felder, führt in Kneipen das große Wort, ist schwammig, unflätig und unersättlich, gilt als Dichtergenie, trägt schwarze Lederjacke zu grauen Cordhosen, demütigt die Ehefrau eines Mäzens, mit der er heftigen Sex hat, treibt die 17-jährige, unschuldige Johanna, die ihn liebt, in den Selbstmord, verstößt die schöne, schwangere Sophie, ersticht Eckart, mit dem er eine schwule Affäre hat, säuft und suhlt sich durch ein Leben auf Abruf bis er schließlich einsam unter Waldarbeitern stirbt.

Kein seelischer Aufschrei, eher die ungebändigte, ungezügelte, durch die Handkamera rohe und raue Beobachtung eines anarchistischen Viechs. Die Baal-Lieder komponierte Klaus Doldinger neu (was Weigel ablehnte, da die Originale von Hanns Eisler stammten) , Fassbinder selbst singt sie zum Gitarrensound. Die Sophie spielt die schöne Margarethe von Trotta, mit der Volker Schlöndorff danach 20 Jahre ein Paar war, während Fassbinder beim Dreh Günther Kaufmann kennenlernte, seinen Star ("Götter der Pest", "Whity"), der sein Liebhaber wurde und dem er am Tag seiner Heirat mit Ingrid Carven einen neuen Sportwagen schenkte - von der "Baal"-Gage für das Ensemble des Antitheaters.

iBaal, D 1969, Regie: Volker Schlöndorff, 88 Minuten, Zweitausendeins, 9,99 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.03.2014

Norbert Wehrsted

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