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Symmetrie der Fransen: "Das Missverständnis" im "Spot"-Format des Schauspiels

Symmetrie der Fransen: "Das Missverständnis" im "Spot"-Format des Schauspiels

"Spot" heißt das Format am Schauspiel, das jeglicher Bühnenkunst vom Konzert bis zur Comedy eine Plattform bietet. Am Dienstagabend wurde dort erstmals auch Theater gespielt: "Das Missverständnis" von Albert Camus.

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Die Mutter (Andreas Keller, rechts) will den Sohn (Ulrich Brandhoff) nicht erkennen.

Quelle: Rolf ArnoldSchauspiel

Leipzig. Mit den Räumlichkeiten ist es etwas verwirrend im Schauspiel. Wo einst eine Diskothek die Bässe wummern ließ, soll nach einem Umbau die Zweitspielstätte "Diskothek" entstehen, die einstweilen auf die Probebühne unters Dach gezogen ist. Bleibt also ein leerer Raum zur Zwischennutzung. Der nennt sich "Baustelle", gibt sich mit unverputzten Wänden keine Mühe, seinen provisorischen Charakter zu verbergen und lädt ein zu künstlerischen Versuchen: Kleinkunst, Liedermaching, szenische Arbeiten zählt Dramaturg Matthias Huber auf. Kleine Konzerte. "Die Betonung liegt auf klein", sagt er. Auch Gästen mit Leipzig-Bezug gehört die flexible "Spot"-Bühne.

Kommt ein szenisches Projekt, soll in der Regel ein Regie-Assistent des Hauses dahinter stecken. In diesem Fall Leo Skverer mit Camus' "Missverständnis". Die Betonung auf "klein", die Huber für Konzerte vorgibt, lässt Skverer nicht gelten und versaut dem sonst meist zügig inszenierenden Haus kühn den Schnitt. Das bleischwere Kammer-Geduldsspiel schlägt mit rund zwei Stunden und 45 Minuten die bisherigen Inszenierungen.

Es geht schon damit los, dass der verlorene Sohn Jan (Ulrich Brandhoff) die Heimreise zur Familie nach 20 Jahren in der Ferne in gefühlter Echtzeit spielt. Er dreht seine Runden, derweil Mutter (Andreas Keller) und Schwester Martha (Lisa Mies) in ihrem Hotel in Routinen erstarrt die Teppichfransen in Symmetrie bringen. Wortlose Zwangshandlungen.

Mutter und Schwester erkennen den Heimkehrer nicht und behandeln ihn wie jeden betuchten Gast in ihrem Hotel. Sie bringen ihn um. Für das Geld. Um an einen Sehnsuchtsort zu fliehen. Ihren Irrtum erkennen sie nach der Tat. Die Mutter bringt sich um. Die Schwester sucht nach der Rechtfertigung.

Das Spiel um die Absurdität des Daseins, um die Unmöglichkeit von Kommunikation, um die Frage nach Schicksal und Gott (oder eben dessen Abwesenheit), dem Gefangensein in sich selbst findet in einem offenen Raum (Florian Lamm) statt, der Bestuhlung und Spielflächen geschickt ineinander verschachtelt. Das lässt Sichtachsen für Blicke, die sich knapp verfehlen, für Ausweich­manöver. So wie die Familie die richtigen Worte, um die Identität des Sohnes zu klären, nur knapp verfehlt. Als gebe sie sich alle Mühe, die Katastrophe geschehen zu lassen.

Das klaustrophobische Grundgefühl, das Camus seinem Stück eingewoben hat, verbreitet die Inszenierung durchaus. Allerdings nicht unwesentlich durch Langeweile - mag die auch bewusst gesetzt sein -, die die ersten Zuschauer schon bald vertreibt. Skverer verwebt Leerstellen. Das gibt wenigstens einige hübsche Nähte, die berühren. Etwa wenn Kindheitserinnerungen überblendet werden und der Bruder mit dem Stoffbären Kontakt zur Schwester sucht. Oder wenn Andreas Keller als Mutter in einem erschütternden Ausbruch den Tod des Sohnes erkennt.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.12.2013

Dimo Rieß

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