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Kultur Szenen einer Abwesenheit
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00:19 18.09.2016
Der Schriftsteller Christopher Kloeble Quelle: Jens Oellermann
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Leipzig

Als Alfons Ervig ihr einen Heiratsantrag macht, nimmt Lola nicht sofort an. Erst stellt sie eine Bedingung: dass sie ihren Familiennamen behalten darf. „Es liege ihr viel daran zu beweisen, dass der Name Salz auch von guten Menschen getragen werden kann.“ Wie jemand ein guter Mensch wäre – auch diese Frage streift Christopher Kloeble in seinem Roman „Die unsterbliche Familie Salz“, in dem die Erzählerstimmen wechseln wie die Zeiten. Am Sonntag stellt der Schriftsteller sein Buch im Hotel Fürstenhof vor, an jenem Ort, der eine zentrale Rolle spielt für die Familie Salz. Ein Leipzig-Roman ist es dennoch nicht.

Christopher Kloeble wurde 1982 in München geboren, ist aufgewachsen in Oberbayern, hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert und lebt heute in Berlin und Dehli. Seine Großeltern waren die Schauspieler Alfons Kloeble und Lola Erwig, seinem Urgroßvater hat tatsächlich über 50 Jahre der Fürstenhof gehört. Trotzdem ist es kein Familie-Kloeble-Roman.

Allerdings gebe es „gewisse Grundparallelen“, sagt der Autor, der „Anregungen“ aus der eigenen Familiengeschichte nicht ignoriert hat. Möge Fiktion überwiegen, denn niemandem wünscht man, was Lola erlebt hat, ihre Tochter Aveline oder deren Sohn Alexander.

Historie zum Verständnis der Seele

Die Handlung setzt ein im Jahr 1914 in München. Lola Salz ist neun Jahre alt, ihre Eltern sind Pächter des Löwenbräukellers, als der Vater das Hotel Fürstenhof kauft und die Mutter, schwanger mit Bruder Fritz, widerwillig von Bayern nach Sachsen zieht, wo sie bald nach der Geburt stirbt. Lola landet, ein ungeheuerlicher Vorwurf steht im Raum, im katholischen Erziehungsheim Sankt Helena. Es wird Jahrzehnte dauern, bis sie das Hotel wieder betritt.

Dann springt die Handlung in die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs. Lola, inzwischen Schauspielerin, ist mit den beiden Kindern Aveline und Kurt auf der Flucht, ausgeliefert allen Formen von Gewalt. Große Geschichte im Schnelldurchlauf, erzählt in einer Art Erinnerungsschub von Lolas Mann Alfons, der darüber hinaus keine große Rolle spielt. Das Historische dient dem Verständnis des Seelischen, bleibt aber Kulisse. So wie der Fürstenhof nur als Symbol steht für das Dach einer Familie. Weitere Sprünge führen in die Jahre 1959/1960, 1989/1990, 2015 und 2027. Führen zu Aveline, Kurt, dessen Frau Margot und Tochter Emma sowie schließlich Emmas Tochter Tara.

Christopher Kloeble: Die unsterbliche Familie Salz.Roman.dtv; 438 Seiten, 22 Euro

Aveline Salz lebt in München und ist erst 17, als sie sich mit „Frauengold“ alltagstauglich trinkt, jener legalen Droge der paternalistischen Bundesrepublik. Seit Jahren schreibt sie ihrem Bruder Briefe, die sie aber nie abschickt. Ihr Kapitel ist ein langer Brief an sich selbst, in ihrer Figur zeigt Christopher Kloeble, wie Angst vererbt wird, wie die Spuren, die nicht das Leben hinterlässt, sondern der Tod, sich immer tiefer graben, wie Gräben immer weiter gezogen werden. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, Generation zu Generation. Irgendwann sieht Aveline „Mutti“ Lola ein Bild vom Fürstenhof abstauben. Das Hotel wurde inzwischen von den HO-Gaststätten Leipzig übernommen, „einverleibt“ von der DDR. Das Haus ist so weit weg wie das Herz. Familie Salz wird ihren Besitz zurückbekommen – um sich für immer zu trennen.

Die DDR in ihren letzten Zügen zeichnet Kloeble als Komödie, zu der ein Volkspolizist gehört. Hans Rübsam heißt er, ein ungewöhnlich gutes Gehör hat er, weshalb seine Kollegen ihn „Löffel“ rufen und empfehlen, er solle in „Ein Kessel Buntes“ auftreten. Das ist mit breitem Pinsel grob koloriert.

Begraben und getrennt

Eigentlich ist es ein Roman über Schatten. Natürlich jene der Vergangenheit, vor allem aber jene, die ein Mensch wirft – je nachdem, aus welcher Perspektive er gesehen wird, in welchem Licht er erscheint. „Schatten verraten immer die Wahrheit.“ Im eigenen Schatten, so die Botschaft, zeigt sich der Mensch. Am Ende steht die Familie um die gemeinsamen Abgründe wie um ein Grab. Zu ihren Füßen gähnt die Abwesenheit von Liebe, Mut, persönlicher Freiheit. „Kurt hatte entschieden, dass manche Dinge besser begraben und manche Menschen besser getrennt blieben.“ Eine Entscheidung, die die Frauen seiner Familie längst gefällt haben.

Die Handlung endet im Jahr 2027 in Delhi. Tara Jain ist neun Jahre alt. Ihre Mutter Emma ist tot – wie fast die gesamte Familie Salz. Tara will nach Deutschland fahren und den Schatten ihrer Mutter suchen, um ihn ihr zurückzubringen.

Die Matinee mit Christopher Kloeble im „Hotel Fürstenhof“ findet am Sonntag, 11 Uhr, statt und ist bereits ausverkauft

Christopher Kloeble: Die unsterbliche Familie Salz.Roman.dtv; 438 Seiten, 22 Euro

Von Janina Fleischer

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