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TV-Gala für Richard: "Wagner - Werner - Wahnsinn" in der Moritzbastei

TV-Gala für Richard: "Wagner - Werner - Wahnsinn" in der Moritzbastei

Große Oper ist auch nur Kaspertheater, und für beides gibt es kein besseres Format als die Fernsehshow. Es sei denn, man mixt gleich alles zusammen. Wie jetzt die Inselbühne mit "Wagner - Werner - Wahnsinn" zum Sommer-Open-Air in der Moritzbastei.

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Ein Ständchen für den Jubilar: Michael Hinze, Brent Damkier, Steffi Lampe unter der Sonne, Ingala Fortagne und Carolin Masur im Innenhof der Moritzbastei.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Donnerstag war Premiere.

Darf man das? Wagner als Sommertheater. Götterdämmerung als TV-Show. Der "Ring" als Hula-Hoop-Nummer, samt Rheintöchtern als großmütterliche, reimende Handpuppen: "Gibst du mir das Rheingold nicht, hau ich dir ins Gesicht!"

Obige Frage ist natürlich rein rhetorisch, denn: "Mit Bach kann man das machen, Wagner ist seriös!" Irgendwann im Laufe dieses Stückes entäußert jemand auf der Bühne diese Erkenntnis, doch ist es da schon zu spät. Das Chaos brodelt, Walhalla brennt, die Nebelmaschine ist außer Rand und Band - und das Publikum auch. Aber: The Show must go on! Oder besser: Sie muss überhaupt erst mal stattfinden, denn das, was man hier geboten bekommt, ist nur die Probe zur großen TV-Wagner-Gala. Und die fehlt ja tatsächlich noch in diesem Jubiläumsjahr. Kein Ort nirgends, an dem einen der olle Richard nicht schon erwartet. Es ist wie bei Hase und Igel, man kann rennen, wohin man will, Richard ist schon da. Und jetzt also auch im MB-Sommertheater. Ehrlich, muss das sein?

Ja! Denn Volker Insel ist mit "Wagner - Werner - Wahnsinn" nicht nur eine Inszenierung im besten Boulevardtheater-Modus gelungen, also voller Esprit und Witz und spitz skizzierten Figuren, sondern auch eine clevere Satire. Eine auf den Rummel um Wagner im Allgemeinen und aufs TV im Speziellen. Der gekonnte Spagat dabei: das Theater um Wagner zugleich auch zu einem Theaterstück über Wagner werden zu lassen. Dem Tonsetzer setzt Insel, wie dem Restpersonal, dabei freilich vornehmlich die Narrenkappe auf.

Wie kann's auch anders sein, schließlich gibt hier Armin Zarbock den Richard. Genauer: jenen Werner Rosenbäum, seines Zeichens Fernsehshow-Regisseur, der in historisierenden Spielszenen immer auch mal der Wagner sein muss. Kein leichter Job, denn hier herrscht Chaos allenthalben, und Zarbock ist wunderbar als TV-Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Was hat der Kerl auch alles zu ertragen: Einen Produktionsleiter, den Stephan Thiel herrlich lustvoll als nervig-blasierten Moralisten gibt, der in jedem passenden, vor allem aber unpassenden Moment, daran meint erinnern zu müssen, was Wagner für ein Antisemit war und wie sehr ihn die Nationalsozialisten verehrten. "Man kann Schöpfer und Werk nicht voneinander trennen", belehrt er. Werner weiß es besser: "Doch, kann man. Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps!"

Andere Probleme lassen sich nicht so leicht lösen: Die Puppenspielerin (Mädchen mit Kratzbürsten-Charme: Steffi Lampe) gesteht, dass ihre Wagneropern-Figuren aus Versehen in Tel Aviv gelandet sind, die Produktionsassistentin (Sopranistin Ingala Fortagne) bekommt organisatorisch nichts auf die Reihe, kann dafür aber toll singen. Was für Operndiva Regula Sieglinde Rieke zwar eigentlich ein Leichtes ist, aber zum Problem wird, als ihr geliebter Goldfisch verschwindet. Carolin Masur gibt die Überkandidelte in wallenden Gewändern und mit esoterischer Überdosis. Ein Prachtexemplar von Diva, die dann freilich doch noch singt. Allerdings nur, weil sie nicht weiß, was mit ihrem Fisch geschah.

Hat doch Werner Rosenbäum hier nicht nur manche Kröte zu schlucken. Aber verraten wir nicht zu viel. Nur noch, dass Hagen (Tenor Brent Damkier) mit Stetson auftritt und dass der "Ring" auch als Reifenakrobatik (Artistin: Caroline Hammer) super funktioniert. Dazu passt, wie das Wagner-Trio (Maria und Michael Hinze und Hennig Plankl) große Orchesterstücke zu kleinen, schrägen Jahrmarktsnummern macht. Das rumpelt und wabert, als wäre die Musik von Anfang an so gedacht gewesen.

Dem Zauber der Kompositionen tut das keinen Abbruch. Wagner ist Wagner - und der hat Spott durchaus verdient. Aber seine Musik ist seine Musik - und die bleibt es auch, wenn die opernhaften Nebelschwaden in dieser Inszenierung wie Lachgas wirken. Ein toller Spaß. Ein kluger auch.

"Wagner - Werner - Wahnsinn", bis 28. Juli täglich um 20 Uhr im Innenhof der Moritzbastei (Universitätsstraße 9), Karten für 18/12 Euro, am 16. Juli 10/8 Euro: 0341 702590; zudem 9. bis 11. August im Hof des Schlosses Elisabethenburg

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.07.2013

Steffen Georgi

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