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"The Battle of the Somme": Der Erste Weltkrieg im Film

"The Battle of the Somme": Der Erste Weltkrieg im Film

Die Kameras waren das Problem. Schwer und unbeweglich taugten sie nicht für Reportagen vor Ort, Teleobjektive waren weitgehend unbekannt, das Filmmaterial wenig lichtempfindlich.

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Ein riesiges Munitionslager, das die französischen und britischen Truppen im Herbst 1916 während der Kämpfe an der Somme mit Nachschub versorgte.

Quelle: dpa

"Die Schlachten werden in den Zwischentiteln ausgefochten, nicht im Bild", schrieb nüchtern die "Lichtbildbühne". Dabei war der Erste Weltkrieg 1914 bis 1918 der erste Krieg (nach Anfängen im Russisch-Japanischen Krieg 1904), der auch im neuen Medium Film ausgetragen wurde. Der britische "The Battle of the Somme" (1916) gilt als erster wirklicher Dokfilm der Geschichte des Kinos. Ein Kassenhit mit 20 Millionen britischen Besuchern in sechs Wochen, aufgeführt noch während die Schlacht in Frankreich lief.

Eine 73-Minuten-Produktion, die das zeigt, was andere Filme jener Kriegszeit weglassen: Tote und Verwundete (an der Somme starben 1916 über eine Million). Die fehlen im deutsche Gegenstück "Bei unseren Helden an der Somme", der das Grauen zum Abenteuerspiel mit fröhlich lächelnden Soldaten macht. Da funktionierte die Zensur, die Oskar Messter, Nationalist, Monarchist und Filmpionier, bereits 1914 ausgearbeitet hatte - und in seiner Messter-Filmwoche durchhielt. Es musste ein sauberer Krieg sein, ohne Lazarette und Leiden, Verzweiflung und den Horror des Schützengrabens. Natürlich können Zerstörungen und Verwüstungen nicht ausgeblendet bleiben. Nur: Sie gehen immer vom Feind aus, während deutsche Soldaten baden oder Korn für die arme Bevölkerung dreschen.

Zu sehen sind all diese Bilder auf der Plattform www.europeangateway.eu, die kostenlos Filme, Fotos und Texte aus der Weltkriegs-Zeit in einem einzigartigen Projekt öffentlich macht. 21 Filmarchive haben sich daran beteiligt, 701 Stunden Material von 2800 Filmtiteln zu digitalisieren. Das meiste kommt vom Imperial War Museum in London, aber auch das Deutsche Filminstitut oder kleine Archive aus Serbien und Estland sind beteiligt. EFG 1914 stellt Dok- und Spiel-, Animations- und Propagandafilme sowie viele Wochenschauen (hoch interessant: die russische Kinonedelja) bereit. Die Navigation ist nicht ganz einfach (der einzige Mangel), aber wer sich einmal in das Angebot vertieft, der wird gefesselt.

Da hilft eine Wirtstochter in "Sturmzeichen" (1914), französische Truppen zu überwältigen, wirbt ein bereits von Russen ausgeplünderter Bauer in "Der Heimat Schützengraben" (1914) für Kriegsanleihen oder wird der verwundete Infanterist Karl in "U-Boote heraus!" (1917) nach der Erklärung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges zum U-Boot-Fahrer, der britische Zerstörer torpediert. Italienische Bersaglieri üben mit Rädern, Zuaven in Flandern ringen, boxen und spielen Theater in den Dünen und sind immer bester Laune. Während Frankreichs Oberbefehlshaber Joffre, den niemand bei Schlaf und Essen stören durfte, mit mächtigem Bauch und weißem Schnurrbart ausgezeichnete Soldaten umarmt und küsst, bleibt der Deutsche Hindenburg eine unnahbare Ikone, auch wenn er im Hauptquartier immer nur zuhört, was ihm Ludendorff so vorträgt.

Auffällig ist, dass auf beiden Seiten sehr gern lange Kolonnen von Gefangenen gezeigt werden. Oder Gefangene in Lagern. Ist es Propaganda oder war es wirklich so (anders als im Zweiten Weltkrieg), dass es ihnen gar nicht so schlecht ging? Die Russen im Lager von Stendal bekommen jedenfalls dicke Suppe und zeigen durchweg zufriedene Gesichter.

Die Bilder von der im Stellungskrieg erstarrten Westfront sind ganz anders als jene, die Lewis Milestone in "Im Westen nichts Neues" (1930) so beklemmend und der Franzose Jean-Pierre Jeunet in "Mathilde - Eine große Liebe" (2004) als surreale Alptraum-Landschaften zeigten. Die 100 Jahre alten Aufnahmen dokumentieren Handwerker des Todes, die ihre Granaten sammeln, lagern und dann mit professioneller Präzision verschießen. In französischen Bildern gibt es den zähen Schlamm, durch den Stacheldrahtrollen und Geschütze gezogen werden müssen, monströse Granattrichter voll Wasser, einen schnellen Blick in einen Schützengraben voll Toter, in "Les Annales de la Guerre" über die fünf deutschen Offensiven von März bis Oktober 1918 ein langer Blick auf einen Toten auf einer Straße in Valenciennes.

Vier Fünftel der Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg sind verschollen, der überwiegende Teil der Schützengräbenszenen wurde einfach nachgestellt. Was man natürlich mit heutigen Blick sieht. Auch wenn die beiden Briten Geoffrey Malins und John McDowell, die "The Battle of the Somme" drehten, ganz nah am Kampf dran waren, wirken ihre Bilder doch seltsam entrückt. Erst nach dem Krieg wurde in Frankreich "Verdun tel que le poilu la vécu" montiert, der zumindest ein wenig fassbar macht, was der Kampf um diese Festung für Natur, Architektur und Mensch bedeutet hat. Trostlosigkeit und Verwüstung überall. Das gibt es auch im fast einstündigen Dokfilm über die Isonzo-Schlacht (1917), in dem Italiens Armeen gegen deutsche und k-u.k-Truppen bis zum Fluss Piave zurückgedrängt wurden. Reste der blutigen Kämpfe sind bis heute zu finden.

Der Erste Weltkrieg war der erste technische Krieg - und trotzdem beherrschen jede Menge Pferde die Bilder. Die Laster, Zugmaschinen und Lafetten wirken klobig und schwer. Die Männer, die nebenher laufen, blicken gern in die Kamera. Das Gerät war offenbar völlig neu. Was das Objektiv einfing, kann allerdings noch nicht mit jenen Bildern mithalten, die die Literatur vom Krieg zeichnete. Aber ohne die Kamera hätte dieser Krieg wohl nie wirkliche Gesichter bekommen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.05.2014

Norbert Wehrstedt

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