Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Theatermacherin Isabella Hertel-Niemann im Porträt

Theatermacherin Isabella Hertel-Niemann im Porträt

Die Idylle wird bald keine mehr sein. Zumindest vorübergehend. Ab 2014 lärmen in der Wasserstraße 18 in Alt-Lindenau die Bagger, weil die Stadt Leipzig das Gelände der Kulturwerkstatt Kaos sanieren will.

Voriger Artikel
„Spur der Steine“-Autor Erik Neutsch ist tot – umstrittener Künstler und ewiger Idealist
Nächster Artikel
Ausstellung Party-Pieces: Grinsen für Cage

Isabella Hertel-Niemann, 49.

Quelle: André Kempner

Leipzig. "Endlich!", sagt Isabella Hertel-Niemann. Die alte Villa mit der schmutzig braunen Fassade hat eine Renovierung dringend nötig. Aber was wird dann aus dem Kaos-Kultursommer mit seinem Sommertheater - Hertel-Niemanns "Baby"?

Seit 2009 verwandelt sich der Steg am Ulrichsteich jeden Sommer in eine Seebühne. Dieses Jahr inszenierte Hertel-Niemann hier die Tragödie "Yerma" von Federico García Lorca mit einer Gruppe von Nachwuchsschauspielern. Die letzte Vorstellung ist schon ein paar Tage her, die Stühle für das Publikum stehen noch. Auf einem von ihnen sitzt Hertel-Niemann und verscheucht gerade ein paar Stechmücken, die sich bei der Premiere wie die Geier auf die Zuschauer stürzten. Sie ist in Urlaubsstimmung. Einen Tag nach dem Gespräch will sie mit ihrer Familie zum Ausspannen nach Frankreich fahren. Und sich dort auch schon Gedanken über die nächste Sommertheater-Inszenierung machen.

"Die großen Themen des europäischen Welttheaters vertragen sich gut mit dem abstrakten Ort Natur", findet sie. Deshalb lässt sie vor der malerischen Kulisse des Ulrichsteichs am liebsten die Klassiker spielen. 2012 Molières "Menschenfeind", 2011 Marivaux' "Die Unbeständigkeit der Liebe". Solche Stoffe brauchen kein spezielles Bühnenbild, meint Hertel-Niemann. Und was kommt als Nächstes? "Während der Proben zu ,Yerma' haben wir viel über Männer- und Frauenrollen diskutiert", sagt sie. "Wahrscheinlich wird es dazu ein Stück geben." Wo das dann aufgeführt werden soll, weiß sie aber noch nicht. Die Seebühne scheidet wegen der Sanierung der Kaos-Villa aus. Der Rest des Kultursommers macht 2014 Pause.

Bis vor einigen Jahren ging es Hertel-Niemann wie vielen anderen Lindenauern. Sie kannte das Grundstück rund um den Ulrichsteich nur von Spaziergängen. Dass hier seit 1993 Kurse für Kunst, Handwerk, Medien, Theater und Musik angeboten werden, wusste sie nicht. Hertel-Niemann leitete gerade eine Produktion des Jugendclubs am Leipziger Schauspielhaus, als sie den Sohn des damaligen Kaos-Haustechnikers kennen lernte. Der machte sie auf eine Schwangerschaftsvertretungsstelle im Kaos aufmerksam. Hertel-Niemann bewarb sich und wurde angenommen.

Seit Sommer 2007 leitet sie hier den Bereich Theater. Auf der Kaos-Website findet sich unter ihrem Foto ein Motto. "Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin", steht da. Der Satz stammt von Thomas Brasch, einem deutschen Schauspieler, Dramatiker und Drehbuchautor. Warum ausgerechnet dieses Motto? "Es fasst meine Theaterarbeit zusammen", erklärt Hertel-Niemann. "Es beschreibt die Sehnsucht nach dem Ort, wo man herkommt und wo man sein will." Sie selbst wurde in Bielefeld geboren und verbrachte ihre Schulzeit in Oldenburg.

Also Sehnsucht nach Bielefeld? "Ich meine das nicht geografisch, sondern eher biografisch", sagt Hertel-Niemann. Ihr Vater arbeitete erst als Schauspieler, bevor er Intendant wurde. Ihre Mutter war erst Schauspielerin und dann Lehrerin. Hertel-Niemann schlug einen ähnlichen Weg ein. Erst drei Semester Schauspielunterricht an der Stage School of Drama in Hamburg und nach mehreren erfolglosen Castings ein Praktikum am Thalia Theater im Bereich Dramaturgie. Dort lernt sie Claus Peymann kennen, der sie als Regieassistentin mit ans Wiener Burgtheater nimmt. Sechs Jahre bleibt sie dort, dann die nächste Station: Elsaß. Hier unterrichtet sie Deutsch als Fremdsprache und startet ihre ersten Theaterprojekte mit Kindern.

"Was haben die Theatertexte mit euch zu tun?", lautet die erste Frage, die sie den Kindern und Jugendlichen im Kaos stellt. Und danach: "Was ist euch fremd?" Hertel-Niemann arbeitet anti-performativ. Theaterspielen als Suche, Reibung, Arbeit. Nicht als Bestätigung der eigenen Persönlichkeit. "Es ist eine Suche nach Lebensmodellen", präzisiert sie. Auf die sich nicht nur der Schauspieler, sondern auch der Zuschauer begibt, wenn in Stücken wie Lorcas "Yerma" Fragen nach dem Verhältnis von Mann und Frau gestellt werden. Und eine Suche, die laut Hertel-Niemann nie an ihr Ende kommen kann. "Theater lehrt einen, dass es nie die eine Lösung gibt, sondern dass immer offene Fragen bleiben."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.08.2013

Verena Lutter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr