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Theaterstück über Steuerfahnder wird nun doch nicht im Leipziger Finanzamt uraufgeführt - offenbar ist das Ministerium dagegen

Theaterstück über Steuerfahnder wird nun doch nicht im Leipziger Finanzamt uraufgeführt - offenbar ist das Ministerium dagegen

Die Leipziger Theatergruppe Drama­vision brütet momentan über einer Inszenierung, die von der skandalösen Abberufung hessischer Steuerfahnder zu Zeiten erzählt, als Roland Koch das Bundesland regierte.

Zunächst wollte das Leipziger Finanzamt die Premiere von "Tod eines Steuerfahnders - ein deutsches Staatsschauspiel" beherbergen. Nach LVZ-Informationen stieß der Plan jedoch im sächsischen Finanzministerium nicht auf Wohlwollen. Die Aufführung findet nun anderswo statt.

Genau genommen hat das Theaterstück, dessen Premiere erst für September angesetzt ist, längst begonnen. Und zwar an einem Tag im April, als der Leipziger Regisseur Matthias Schluttig in Dethart von Normanns Büro saß, im Finanzamt Leipzig II, und ihm von seinen Plänen berichtete. "Da wusste ich im gleichen Augenblick, dass ich Teil eines Drehbuchs bin, egal wie ich mich entscheide", erinnert sich der Amtsleiter. Wobei er vermutlich durchaus eine weniger verzwickte Handlung mitgeschrieben hätte, wenn er in diesem Moment einfach um Verständnis gebeten und dankend abgelehnt hätte.

Denn selbst wenn in dem prächtigen Festsaal aus den 20er Jahren, den die Brüder Ignaz und Julius Petschek der Behörde hinterließen, häufig Kultur ihre Bühne findet, etwa während der Buchmesse oder zuletzt in der Jüdischen Woche, so erwächst daraus ja kein Anspruch. Andererseits passt das Stück, an dem Schluttig und sein Ensemble Dramavision seit September arbeiten, in keine andere Spielstätte besser als in das Finanzamt, zu dem die Leipziger Steuerfahnder gehören. Und das leuchtete seinerzeit auch von Normann ein. Der 62-jährige Behördenchef sieht sich als kulturaffin und wollte die Finanzverwaltung "mit Souveränität und Fähigkeit zur Selbstironie präsentieren", sagt er. Die Theatermacher entwickeln eine Bühnenfassung von Frank Wehrheims Sachbuch-Bestseller "Inside Steuerfahndung".

Der einst hochrangige hessische Steuerfahnder berichtet darin, wie seine Kollegen und er in den 90er Jahren rund eine Milliarde Euro Steuernachzahlungen eintrieben, unter anderem bei der Commerzbank - und wie das Team rasch kaltgestellt wurde, nachdem Roland Koch 1999 hessischer Ministerpräsident geworden und die Schwarzgeld-Affäre der CDU in die Schlagzeilen geraten war. Wehrheim wurde versetzt, Kollegen wie Rudolf Schmenger erklärte ein Psychiater für arbeitsunfähig. Mittlerweile gilt der Ruf der einstigen Steuerfahnder als rehabilitiert, der damalige hessische Finanzminister Karlheinz Weimar (CDU) hingegen sieht sich mit Schadensersatzforderungen konfrontiert. Die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler zeichnete Schmenger und Wehrheim 2009 mit dem Whistleblower-Preis aus.

"Unser Stück erzählt zu 95 Prozent überprüfbare Fakten", kündigt Regisseur Schluttig an, "wirkt jedoch wie eine überzogene Satire". Und auch wenn die Ereignisse selbst mittlerweile mehr als ein Jahrzehnt zurückliegen, so der Chef der Leipziger Steuerfahnder von Normann, sei "die Affäre in Fachkreisen sehr präsent". Ein Film, den TV-Produzent Michael Souvignier ("Das Wunder von Lengede") zurzeit auf die Beine stellt, könnte die Geschichte in absehbarer Zeit darüber hinaus einem breiteren Publikum in Erinnerung rufen.

Die Existenz des Leipziger Projekts ist seit Ende Mai öffentlich: Auf der Dramavision-Internetseite werden seither die Aufführungen angekündigt. Schon kurz nachdem er seinen Text online gestellt habe, seien mehrere Ticketanfragen eingetrudelt, erzählt Schluttig, bezeichnenderweise allesamt aus dem Leipziger Finanzamt. Vier Monate vor der geplanten Premiere - "in meinem bisherigen Theaterleben habe ich so etwas noch nie erlebt", sagt der 33-Jährige.

Doch bereits seit Juni erübrigen sich die Anmeldungen: Schluttig erreichte da die Nachricht, dass im Festsaal keine Vorstellung stattfinden darf. Schriftlich vereinbart war die Einmietung ohnehin noch nicht. Die Absage gegenüber der Presse zu begründen, fällt in die Zuständigkeit Daniela Dylakiewiczs, der Sprecherin des sächsischen Landesamts für Steuern und Finanzen mit Sitz in Dresden, vorgesetzte Behörde aller sächsischen Finanzämter. Ihre Rechtfertigung hat jedoch größtenteils offensichtlich nichts mit dem Stück zu tun.

Dylakiewicz zufolge liegt es vor allem am Titel "Tod eines Steuerfahnders", den die Leipziger Theaterleute ihrer Bearbeitung des Wehrheim-Stoffs in Anspielung an Arthur Millers Drama "Tod eines Handlungsreisenden" geben, dass die Aufführung "als unpassend empfunden" werde. Finanzbeamte würden zunehmend mit Beleidigungen, Bedrohungen, Tätlichkeiten konfrontiert, erklärt die Sprecherin. Insbesondere habe sich im Finanzamt Leipzig II im Oktober 2011 ein "besonders schwerer Angriff" ereignet. "Ein Steuerbürger übergoss einen Bediensteten mit Spiritus und versuchte, diesen anzuzünden."

"Vor diesem Hintergrund" bedauerten Kontrollbehörde und Finanzamt, die das "gemeinsam" beschlossen hätten, zwar "ausdrücklich", dass "die Leitung des Finanzamtes II beim Regisseur eine entsprechende Erwartungshaltung geweckt" habe. Doch "die Entscheidung ist endgültig." Auch wenn sie ganz offensichtlich auf einem Missverständnis beruht?

Nur zwei knappe Sätze in der Behörden-Antwort legen nahe, dass man in Dresden sehr wohl verstanden haben muss, dass die Inszenierung nicht von einem Attentat auf einen Finanzbeamten handelt - dass das "äußerst sensible Thema", das Dylakiewicz dem Projekt attestiert, vielmehr von anderer Natur ist: "Darüber hinaus greift das Theaterstück die berufliche Tätigkeit eines hessischen Steuerfahnders auf", so die Sprecherin. "Die sächsische Steuerverwaltung kommentiert Fälle anderer Bundesländer grundsätzlich nicht." Die Frage ist freilich, ob die nachträgliche Absage nicht erst recht wie ein Kommentar wirkt.

So sieht es jedenfalls Frank Wehrheim, dessen Enthüllungen ja den Ausgangspunkt für die Querelen in Leipzig bilden. Er habe sich gefreut und gewundert, als er von der Premiere in einem Finanzamt erfahren habe, sagt er. "Die nachträgliche Absage überrascht mich dagegen nicht, schließlich wird Sachsen wie Hessen schwarz-gelb regiert." Zumal nachdem Steuerhinterziehungen mit dem Fall Hoeneß zum Wahlkampfthema geworden seien, "wollen die Sachsen ihren hessischen Kollegen nicht in die Suppe spucken", glaubt der frühere Steuerfahnder, der jetzt als Steuerberater wesentlich mehr Geld verdient, wie er einmal in der Talkshow "Günther Jauch" verriet.

Wehrheim hält Dylakiewiczs Begründung für "vorgeschoben, für völligen Blödsinn". Den Titel eines Theaterstücks an ein berühmtes Drama anzulehnen - "so viel Freiheit muss man Künstlern lassen", findet er. Seine Überzeugung, dass politische Motive hinter der Absage stecken, ist nach LVZ-Informationen mehr als wahrscheinlich. Jedoch antwortet Stephan Gößl, Sprecher von Sachsens Finanzminister Georg Unland (CDU), nebulös auf die Frage, ob das Ministerium Einfluss genommen habe. "Unter Information des Sächsischen Staatsministeriums der Finanzen" hätten Landesamt und Finanzamt die Entscheidung "in eigener Zuständigkeit" getroffen, formuliert er. Die Frage nach einer eigenen Haltung des Ministeriums beantwortet Gößl hingegen nicht. Auf konkrete Nachfrage stellt er immerhin fest, dass die Absage "keinesfalls Ausdruck mangelnder Wertschätzung für die wichtige Tätigkeit der sächsischen Steuerfahndung" sei.

Umso mehr wundert sich der Regisseur nun, wer sich denn "so sehr vor Kultur fürchtet?" Dass die Angsthasen unter den Leipziger Finanzbeamten stecken, kann er sich kaum vorstellen, immerhin habe eine Steuerfahnderin sogar bei der Stückentwicklung geholfen. Die Premiere ist inzwischen vom Finanzamt weg in die Nato verlegt worden, ein Soziokulturzentrum. Amtsleiter Dethart von Normann hat seine ursprüngliche Zusage, bei der anschließenden Diskussion auf dem Podium zu sitzen, zwar zurückgenommen. Aber anschauen will er sich die Inszenierung auf jeden Fall. Er rechne damit, dass er mittlerweile selbst darin vorkomme, sagt er und lächelt. Auch ohne den Festsaal zur Verfügung zu stellen, kann sich die sächsische Finanzverwaltung nicht mehr aus dem Stück heraushalten.

"Tod eines Steuerfahnders - ein deutsches Staatsschauspiel", Premiere am 16. September, 20 Uhr, in der Nato (Karl-Liebknecht-Straße 48), weitere Vorstellungen 30. September, 11. Oktober, 20 Uhr, 13. Oktober, 16 Uhr, Eintritt 12/10 Euro; www.dramavision.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.07.2013

Mathias Wöbking

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