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Thomaner Werner Wartenburger: "Wir schwitzten unter riesigen Scheinwerfern"

Thomaner Werner Wartenburger: "Wir schwitzten unter riesigen Scheinwerfern"

Die Thomaner und das Weihnachtsoratorium, das war schon immer eine ganz besondere Beziehung. Im Advent 1963 bekam die Geschichte eine weitere Facette. Der berühmte Knabenchor trat vor laufenden Kameras des DDR-Fernsehens in der Leipziger Universitätskirche auf, die keine fünf Jahre später vom SED-Regime gesprengt wurde.

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Werner Wartenburger heute: Schöne Erinnerungen an die Chorzeit.

Quelle: Olaf Majer

Leipzig. Die TV-Aufnahme verschwand anschließend und wurde erst jetzt im Rundfunkarchiv wiederentdeckt. Einer der Thomaner damals war Werner Wartenburger.

Kalt war es in Leipzig an diesem 15. Dezember 1963. In der Paulinerkirche aber wurde es Gewandhausmusikern und Thomanern heiß. " Die Kirche war ja sehr dunkel, fast düster. Für die Fernsehaufnahme aber musste alles hell ausgeleuchtet sein. Deshalb schwitzten wir unter den riesigen Scheinwerfern", erinnert sich Werner Wartenburger, damals 14-jähriger Thomasser.

Der Aufführungsort war ungewöhnlich: In der Thomaskirche, dem "Wohnzimmer" des Chores, wurde gerade der Altarraum umgebaut, die Nikolaikirche stand ebenfalls nicht zur Verfügung. Blieb also die Universitätskirche am Augustusplatz. Bachs Weihnachtsoratorium wurde zudem fürs Fernsehen aufgezeichnet und am Heiligabend ausgestrahlt. Ein Novum bis dahin im staatlich gelenkten DDR-Fernsehfunk. Ansonsten aber empfand der junge Thomaner die Aufführung als Routine. Erhard Mauersberger dirigierte streng, verlangte wie immer vor allem eines: Präzision. Und der 28 Jahre alte Tenor Peter Schreier gestaltete schon damals routiniert die Evangelisten-Rolle - obwohl Wartenburger den späteren Thomaskantor Hans-Joachim Rotzsch als Sänger noch einen Deut besser fand. Unabhängig davon: "Begeistert war ich aber immer von Adele Stolte, eine tolle Sopranistin, sie habe ich heimlich geliebt", gesteht der heutige Orthopäde.

Festliche Musik, kleine Geschenke im Chor, Vorfreude auf die Ferien am ersten Weihnachtsfeiertag: Die Adventszeit erlebte der Thomaner Werner Wartenburger im Chor als etwas ganz besonderes. Und natürlich Bachs Weihnachtsoratorium, nicht nur bei der TV-Aufnahme 1963. "Das ging immer unter die Haut. Wir hatten ja das ganze Jahr über Konzerte. Aber die Weihnachtszeit hatte eine besondere Spannung", erinnert sich der heute 65-Jährige aus dem nordsächsischen Bad Düben.

Im Herbst 1958 fand sich der damals 9-jährige Junge im Thomasalumnat wieder, inmitten von 150 mindestens genauso aufgeregten Bewerbern. "Man musste schon was können, im Gesang aber auch auf dem Instrument." Die Auswahl war streng, gerade mal 12 Kinder wurden damals aus seinem Jahrgang in den Chor aufgenommen. Wartenburger war nach der Hauptprüfung im Frühsommer 1959 tatsächlich dabei - dem Kantor und ehemaligen Thomaner Johannes Paul aus Falkenberg bei Torgau sei dank. Dieser hatte den talentierten Schüler unter seine Fittiche genommen und in einjähriger Gesangs- und Klavierausbildung ein tragendes musikalisches Fundament gelegt.

Von "Ostelbien" in die Großstadt - für den Jungen vom Dorf, 1948 geboren und auf einem Bauernhof mit fünf Geschwistern aufgewachsen, öffnete sich eine völlig neue Welt. "Straßenbahn fahren, die neue Schule, die großen Kirchen mit den vielen Menschen - alles war faszinierend." Und natürlich die Konzerttournen, gleich 1959 ging's los mit zwei Westreisen in die Schweiz und Italien. "Die langen Spaghetti und die lustigen Gasteltern in den Privatquartieren, es war herrlich", erinnert sich Wartenburger.

Fußballspielen im Sommer im Hof, Schlittschuhlaufen im Winter in den Stadtparks und die ersten drei Stunden schulfrei, wenn am Vorabend Konzert war - eine heile Thomanerwelt. Die ersten Risse bekam sie, als der gestrenge aber verehrte Kantor Kurt Thomas 1960 im Westen blieb. Und als mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 die Reisen danach nur noch nach Osten gingen. Und als 1968 plötzlich auch nicht mehr die Universitätskirche stand. "Sie hatte vor allem eine fantastische Orgel. Das war für mich die größte Barbarei: Dass dieses wunderbare Instrument noch vor der Sprengung einfach so entsorgt wurde", sagt Wartenburger. Zu dieser Zeit war er schon nicht mehr Thomaner, doch die Zeit danach blieb spannend. Wartenburger studierte Medizin. Aus ungewöhnlichem Grund: "Ich wollte Schiffsarzt werden und dann in den Westen abhauen". Er blieb dann doch im Lande und arbeitete als Orthopäde lange Jahre im Waldkrankenhaus Bad Düben. Als Christ engagierte er sich zusammen mit seiner Frau in der Kirchgemeinde. Und als 1989 Politik interessant wurde, ging er für die SPD in den Stadtrat.

Die TV-Aufnahme vom Weihnachtsoratorium 1963 hat er selbst noch nie gesehen. Wohl aber seine Familie. "Ich habe damals meinen Geschwistern gesagt, sie könnten mich vielleicht Heiligabend im Fernsehen entdecken. Mein Vater verfolgte die Aufzeichnung auch, er war aber leider sehr kurzsichtig. Immer wenn er meinte, mich gesehen zu haben, ging er ganz dicht vor den Fernseher und verdeckte den gesamten Bildschirm." Und was blieb von der Thomanerzeit? "Die Erinnerung an die Chorgemeinschaft, in der das Prinzip der Selbsterziehung tatsächlich gut funktionierte. Und ich kenne dank der Musik bis heute fast jeden Psalm. Meistens fällt mir dazu auch noch eine Melodie ein."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.12.2013

Olaf Majer

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