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Kultur Thomaner und Gewandhausorchester mit Musik von Schein bis Mendelssohn
Nachrichten Kultur Thomaner und Gewandhausorchester mit Musik von Schein bis Mendelssohn
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21:15 08.06.2018
Führt beim Eröffnungskonzert in der Thomaskirche durch drei Jahrhunderte Leipziger Musikgeschichte: Gotthold Schwarz, der 17. Thomaskantor nach Bach Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

Als vor rund einem Jahr klar wurde, dass der Botschafter der Vereinigten Staaten die Schirmherrschaft über das Bachfest 2018 übernehmen und zur Eröffnung ein Grußwort sprechen würde, war die Freude groß angesichts dieser transatlantischen Ehre. Der Posten allerdings war noch unbesetzt – und der Umstand, dass seit dem 8. Mai Richard Grenell ihn erhielt und in den wenigen Tagen, die er ihn nun bekleidet, schon ziemlich viel Porzellan in die Hand genommen hat, sorgt doch für ein wenig Nervosität im Kreise der Bachfest-Macher, gestern am frühen Abend, unmittelbar vor dem Eröffnungskonzert.

Sie bleibt unbegründet: Grenell preist in der Thomaskirche mit wenigen verbindlichen Worten die historische Verbundenheit unserer „beiden großartigen Nationen“ und dankt Deutschland für den großen Johann Sebastian Bach, den die Amerikaner liebten – erleichterter Applaus in der aus allen Nähten platzenden und vor schwüler Hitze dampfenden Kirche.

Auf Bach allerdings müssen seine Exzellenz und die anderen Bachianer aus aller Welt noch eine Weile warten. Denn d-moll-Toccata und Fuge, die Ulrich Böhme ganz zu Anfang spielt, sind vielleicht nicht von ihm, und Gotthold Schwarz, der 17. Nachfolger des großen Johann Sebastian, macht ernst mit seiner Ankündigung, mit den Thomanern auch die Musik ins Bewusstsein zurückzuholen, die Generationen vor Bach hier hörten. Und so beginnt das Bachfest 2018 mit dem Prachtvollsten, was Mitteldeutschland im frühen 17. Jahrhundert zu bieten hatte: Johann Hermann Scheins deutsches Te Deum für nicht weniger als sechs Vokal- und Instrumentalchöre sowie Basso continuo.

Schein, Thomaskantor von 1615 bis 1630, holte damit den Prunk der venezianischen Mehrchörigkeit über die Alpen. Und die Wirkung, die die über die ganze Thomaskirche verteilten Chöre noch heute entfalten, lässt ahnen, was seine Zeitgenossen empfunden haben mögen angesichts dieser spröden Üppigkeit am Rockzipfel Claudio Monteverdis.

Für die Thomaner ist sie ungewohnt, diese Musik. Auch unbequem. Und bisweilen hört man das auch. Was aber nicht stört, weil die herbe Schönheit dieser Musik mühelos die Jahrhunderte überspannt und mit rhetorischer Unmittelbarkeit auch heute noch ihre Botschaft an den Mann bringt. Ganz im Sinne der Begrüßung durch Oberbürgermeister Burkhard Jung, der auf den Spuren Luthers noch immer fest glaubt an „die internationale Sprache der Musik“ und ihre einende Kraft.

Einend wirkt diese auch im aufführungspraktischen Sinne. Denn es ist durchaus ein Wagnis, wenn Schwarz die uralten Klänge keinem Spezialensemble anvertraut, sondern dem mit einigen instrumentalen Archaismen wie Zink oder Laute aufgestockten Gewandhausorchester um Konzertmeister Sebastian Breuninger. Sieht man von den naturgemäß allzu metallisch auftrumpfenden Trompeten einmal ab, bleiben da keine Wünsche nach Farben oder Nuancen unerfüllt. Schon eher die nach Fluss über die Grenzen zwischen den Emporen und dem Chorraum hinweg. Aber das ist keine Frage des Instrumentariums, sondern eine der komplexen Raumakustik.

Und so verbinden sich die modernen Instrumente und die alten Töne auch in Scheins madrigalistisch auftrumpfenden Motetten aus dem „Israelsbrünnlein“ mit größter Selbstverständlichkeit miteinander. Mit einem allerdings erheblichen Nachteil: Der moderne Stimmton macht den Thomanern das Leben sehr, sehr schwer, was diesen oder jenen freien Einsatz im ewigen Schnee gefährdet.

Ansonsten schreit diese Aufführung nach mehr. Was auch für die beiden Motetten aus Heinrich Schütz’ explizit für die Thomaner geschriebenen Motetten aus der Geistlichen Chormusik von 1648 gilt. Schwarz ist nachgerade intim vertraut mit diesem Repertoire, er bringt die Floskeln zum Sprechen, die Linien zum Blühen, die Dissonanzen zum Weinen. Und der einzigartige Klang der Thomaner, die er auf Händen trägt, hilft ihm dabei.

In Bachs strahlender Kurzmesse in F (BWV 233) fühlen sich dagegen vom ersten Ton an alle heimisch. Die Thomaner sowieso, aber auch das Orchester, das wieder nicht den Wunsch nach einer Darmsaitenkapelle aufkommen lässt. Die Streicher um Sebastian Breuninger musizieren leicht, federnd, und klanglich flexibel – bei allerdings fragwürdigem Zusammenspiel. Die obligate Oboe singt mit dem etwas matten Bass Gun Wook Lees um die Wette, die sensationellen Hörner mit dem hier großartigen Chor. Gerlinde Sämann führt einen schönen schlanken Sopran, Stefan Kahles Alt schärfelt.

Am Schluss des Abends steht der zweite Übervater der Leipziger Musikgeschichte: Felix Mendelssohn Bartholdy. Sein hoffnungsfroh warmes „Verleih uns Frieden“ fasst unmittelbar ans Herz – und beendet eine weite Reise durch die Musikgeschichte, die an kaum einem anderen Orten stilistisch so überzeugend zu absolvieren wäre. Ein schöner Doppelpunkt vor dem Bachfest 2018. Und ausführlich bejubelt.

Von Peter Korfmacher

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