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Thomas Hengelbrock dirigiert Mendelssohns „Elias“ im Gewandhaus

Großes Concert zu den Leipziger Mendelssohn-Festtagen Thomas Hengelbrock dirigiert Mendelssohns „Elias“ im Gewandhaus

Eine Sternstunde: Thomas Hengelbrock und sein grandioser Balthasar-Neumann-Chor mit Mendelssohns „Elias“ zu Gast in den Großen Concerten des Gewandhausorchesters.

Thomas Hengelbrock dirigiert das Gewandhausorchester und seinen Balthasar-Neumann-Chor, Michael Nagy singt die Titelpartie.
 

Quelle: kfm

Leipzig.  Wenn der Liebe Gott auf der Szene erscheint, wird es oft problematisch. In der Bildenden Kunst wallen dann die Rauschebärte, und in der Musik rumpelt das Grandioso. Mendelssohn hält es im „Elias“ anders: Bei ihm erscheint er weder im Sturm, noch im Feuer, noch im Erdbeben. Hier ist es ein „stilles, sanftes Sausen. Und in diesem Säuseln nahete der Herr.“ Dieses Säuseln ist das Ziel einer der großartigsten Chor-Szenen der Vokalsinfonik, und mit dieser Szene greift der Balthasar-Neumann-Chor in den Großen Concerten dieser Woche, sie sind Teil der Leipziger Mendelssohn-Festtage, ganz unmittelbar nach der Seele. Wie da in höchster dramatischer Kraft der Wind die Berge zerreißt und die Felsen zerbricht, die Erde bebt, das Meer erbraust, das Feuer sengt – und schließlich das Mysterium der Gottesschau im der Welt entrückten Piano sich verwirklicht, das füllt den großen Saal des Gewandhauses bis in den letzten Winkel mit unentrinnbarer Intensität.

Der in den 90ern von Thomas Hengelbrock gegründete Chor ist ziemlich einzigartig. Den gut fünf Dutzend Sängerinnen und Sängern, allesamt auch als Solisten unterwegs, gelingt die Quadratur des Kreises: Sie bringen die Präzision, Beweglichkeit, Transparenz eines erstklassigen Kammer- unter einen Hut mit der Kraft, Wucht, Homogenität und satten Rundung eines großen Konzertchors. Und auch wenn in dieser Liga die Luft eigentlich zu dünn ist für Vergleiche: Nach dem Monteverdi Choir aus London und dem MDR-Chor aus Leipzig, den beiden anderen Weltklasse-Chören also, die im Laufe der letzten Woche im Rahmen der Festtage ihre Mendelssohn-Pflöcke einschlugen, graviert sich dieser makellose, intensive, lebendige, farbsatte, detailversessene, bewegende Balthasar-Neumann-Klang am nachhaltigsten ins Bewusstsein. Ob in solistischen Teilformationen wie dem traumschönen Doppelquartett der Engel, den basaltenen Chorälen, dem Furor der Baals-Jünger: Jede Silbe und jeder Ton, jeder Vokal und jeder Konsonant, jede Farbe und jede Phrasierung erscheinen hier aufgeladen mit Inhalt und Bedeutung – und sind doch nie Einzelereignis, sondern erwachsen aus dem Fluss dieses größten Oratoriums des 19. Jahrhunderts.

Thomas Hengelbrock, 58, mittlerweile Chef des Elbphilharmonie-Orchesters in Hamburg, debütiert mit seinem Chor und mir diesem „Elias“ beim Gewandhausorchester. Es wurde Zeit. Denn sein ganzheitlicher musikalischer Ansatz, die sinnliche Akribie, mit der er jeden Ton hinterfragt, sie inspirieren auch Leipzigs Wohlklangkörper zu Großtaten – obschon Hengelbrock auf weiten Strecken den Chor ins Zentrum seiner dirigentischen Bemühungen setzt. Aber in Mendelssohn-Fragen kann er sich auf das Gewandhausorchester um Sebastian Breuninger am Konzertmeisterpult blind verlassen. In instinktiver Vertrautheit folgt das sozusagen amtliche Mendelssohn-Kollektiv diesem Könner in die feinsten Linien der tönenden Kaltnadel-Gravur.

Wie der Höchste hier kein Beben ist, kein Feuer und kein Sturm, so zeichnet auch Michael Nagy nach der markerschütternden Mahnung des Beginns den Propheten nicht als keifenden Eiferer. Dieser Elias ist ein Fragender, ein Suchender, glaubensgewiss zwar – aber keineswegs frei von Fehlern. In der Diskussion mit den Baals-Priester gibt er den Zyniker, und nur vor dem Hintergrund seiner Fehlbarkeit ist seine monströse Anweisung zu verstehen: „Greift die Propheten Baals, dass ihrer keiner entrinne, führt sie hinab in den Bach und schlachtet sie daselbst!“ Ein religiös legitimierter Massenmord, der nicht recht passen mag zum Säuseln des Herrn.

Auch stimmlich gerät Nagys menschliches Porträt des „Elias“ nicht nach Rauschebart. Jugendlich timbriert er seinen herrlichen Bariton, mit autoritärem Metall – und noch beeindruckenderen Tönen und Farben an der Grenze zum Verstummen. Hinter diesem eindrucksvollen Psychogramm bleiben auch die übrigen Solisten kaum zurück, von Camilla Tillings schlackenlosem Sopran über Wiebke Lehmkuhls sinnlichen Alt und Steve Davislims bronzenen Tenor, die Partien aus dem Chor heraus bis zum spektakulären Knabensopran der Chorakademie Dortmund. Und dass Hengelbrock dem zur Pause keinen Einzelapplaus gönnt, bleibt der einzige Makel dieser exaltiert akklamierten chorsinfonischen Sternstunde im Gewandhaus.

Mendelssohnfesttage am Wochenende: Heute, 20 Uhr, großer Saal des Gewandhauses: Michael Schönheit spielt Orgel-Werke Mendelssohns, morgen, 11 Uhr, Mendelssohn-Haus: Mendelssohn-Quartett Leipzig spielt Werke von Mendelssohn und Beethoven; 15 Uhr, Sommersaal des Bach-Museums: Alexandra Röseler (Mezzo und Moderation), Fank Zimpel (Tasteninstrumente) und ehemalige sowie künftige Mitglieder des Thomanerchors präsentieren Werke aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach sowie Lieder und Klavierstücke Mendelssohns.

Von Peter Korfmacher

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