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Kultur Thomas Hertel, Mister P. und das positive Toben
Nachrichten Kultur Thomas Hertel, Mister P. und das positive Toben
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17:55 29.09.2016
Quelle: Rolf Arnold
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Leipzig

Thomas Hertel nennt ihn „Mister P.“. Oder Parky Parks. Oder Alter Ego. Er singt mit ihm, er trinkt mit ihm, er tanzt mit ihm. Denn Thomas Hertel lebt mit diesem Parkinson. Seit Ende 2013, als die Diagnose ausgesprochen wurde, sind sie zu zweit: „Bist Geheimnis mir/ bist in mir geheim/ & ich bin – dir dein Heim“, dichtete Hertel 2014 im „Parkinsong 1“. Inzwischen sind es 50.

Weil er in der Krankheit den Feind sieht, aber den Freund sucht. Weil die Angst, die Wut und das, was sich für andere wie Verrat anfühlen kann, einen Adressaten brauchen und auch einen Partner, hat er diese Texte geschrieben. Und weil sein Beruf das Komponieren ist, entsteht daraus die ParkinSong-Revue „Hey, Mister Parkinson!“, die am 7. Oktober im KunstKraftWerk Premiere feiert. Neben Sängern, Schauspielern und Musikern tritt ein DJ auf, ein Geräuschemacher am menschlichen Skelett und ein „Choeur de Mouvement“ der Parkinson-Betroffenen. Träger des Projekts ist die Deutsche Parkinson Vereinigung, wichtiger Partner die Techniker Krankenkasse.

Am Schauspiel Leipzig, dessen musikalischer Leiter Thomas Hertel bis 2008 war, hat er seit 2002 für den Publikumsrenner „Shockheaded Peter“, für die „Faust“-Inszenierung oder das „Schiff der Träume“ komponiert und arrangiert. Er hat die experimentelle Reihe „Mund & Knie“ konzipiert und etabliert. Künstlerische Grenzüberschreitungen waren immer sein Motor. Jetzt kommt dieser Mister P. mit Grenzen, physischen.

Mann gegen Mann

„Ich habe angefangen mit Opern und bin gelandet bei einer Revue“, sagt er, „das ist gelebtes Crossover“. 65 Jahre ist er jetzt, Tochter und Sohn gehen noch zur Schule. War das Schreiben der ParkinSongs ein Befreiungsakt, soll die Revue einen Schlusspunkt setzen. Vorerst, möchte man hinzufügen, denn es scheint unvorstellbar, dass dieser schnell denkende, schnell sprechende, produktive Mensch, der „die Trennung von Körper und Stimme“ mal als „ein Problem der abendländischen Kultur“ bezeichnet hat, sich zurückzieht. Stimme von Körper getrennt.

Nervenzellen sterben ab, Muskeln zittern oder erstarren. Es mangelt den Erkrankten am Botenstoff Dopamin. Andererseits: Jede Parkinson-Erkrankung verläuft anders, jeder hat seinen eigenen Mister P. auf den Schultern hocken. Es ist die Auseinandersetzung damit, die wiederum verbindet – auch mit den Ängsten Gesunder. Wenn es um Endlichkeit geht. Der Selbstbestimmung, des Lebens. Jegliches hat seine Ambivalenz. „Sterben und Vergehen – das ist beides immer schon mit drin.“

Revue, erklärt Hertel, „bedeutet ja im wörtlichen Sinn Rückblick“. Diese aber sei ein Vorblick, ausgehend von einem Zustandsbericht. „Derzeit ändert sich mein Leben, ich muss mich dem stellen“, sagt er. „Was mal war SELBST IST DER MANN/ wird zur SELBST-Hilfe-Gruppe „MANN GEGEN MANN“, heißt das in einem der Songs. Zwar hat er sein Leben lang Gedichte geschrieben, doch diese nun, eine Art Slam Poetry, dienen der Selbsttherapie. „Such, such, such – wo ist der Parkinson.“

Erregung und Erlösung

Musik, beispielsweise von Elvis, The Cure und Juliette Gréco, Atmen, Sprache oder Tanz sind auf der Bühne gleichberechtigt. Nummern sollen ineinander übergehen, Geräuschlandschaften können klingendes Bühnenbild werden, verzahnt wiederum mit einem Grafikfilm – und all das zusammen dient als Ambiente für den Bewegungs-Chor. Das Atmen etwa kann für Erregung stehen, für Existenz oder Erlösung. Bei allem ist die Krankheit nicht das Wichtigste. Sie ist da. Das Entscheidende für Hertel:„dass ich meine Zerrissenheit in eine Form gebracht habe. Dass ich Leute motivieren möchte zu einer konstruktiven Energie, einer Bejahung.“

Regie für den Bewegungschor führt Tom Quaas, von dessen Dresdner Theaterzirkus-Projekt „Beethoven ohne Musik“ Hertel beeindruckt war. Darin hat Quaas Musik übersetzt in Visuelles. Während Hertel Unsichtbares übersetzt in Musik. Unter anderem, um es aufzuspalten in Körper, Geist, Seele – und dann neu zusammenzufügen.

Auf diese Weise hat er oft gearbeitet, die Art der Umsetzung wird sich unterscheiden. Besteht die Gefahr, exhibitionistisch zu agieren? „Welche Kunst ist das nicht?“, entgegnet der Künstler. Gleichzeitig ist sie das Gegengift. Weil Exhibitionismus das Verständnis nicht braucht, das der Auseinandersetzung aber dient. Thomas Hertel macht es ja niemandem leicht, sich schon gar nicht. „Man geht im Leben keinen Weg zurück.“

Er verweigert den Rückzug ins Unsichtbare. Und zwar „mit Grandezza!“ Den Anspruch leiht er sich aus Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“. Bei Thomas Brasch fand er die Gedichtzeile „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ Das könne ein Lebensmotto sein. „Lord of my love“ zitiert er Shakespeares Sonett XXVI, der Liebe ein Gewand zu geben, (dann ist’s zu prahlen meinem Herz erlaubt). Das Lesen ändert sich, und Mister P. ändert die Liebe. „Wir sind jetzt zu dritt“, sagt Hertel. „Menschen sollen sich engagieren, für die Liebe vielleicht an erster Stelle. Die ist auch das richtige Medikament. Klingt pathetisch, ist aber so.“

Ein Speedy-Typ

Einige haben darüber geschrieben: die Schriftsteller Helga Königsdorf und Richard Wagner, der Soziologe Helmut Dubiel. Deutlich diktiert Hertel dem Smartphone ein paar Stichworte. Die Spracherkennung macht aus Parkinson „Backenzahn“. Das regt ihn weder auf, noch kann es ihn belustigen, es wird zur Bestätigung, das Richtige zu tun. Sich diesen unbekannten Mister P. einzuverleiben – im Wortsinn. Hertel, der „vorher schon ein Speedy-Typ“ war, formuliert es so: „Ich habe in mir ein positives Toben.“

Die Spielräume sind enger, sein Leben ist ein Experiment geworden. „Ein Experiment mit mir selber. Und die Chance nutze ich auch.“ So will er versuchen, gelassen zu werden. „Wir und das Publikum haben das gleiche Grundproblem: Wir wollen mit der Zeit miteilen, wir wollen schnell sein, effektiv sein. Das kann der Abend vermitteln: das Leben im Moment und ohne Effektivität zu denken.“ Zugucken und lernen. „Wir haben alle Privilegien. Und wir haben Angst, weil wir zu viel haben.“ Dann zitiert er John Lennon: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“

Nach der ParkinSong-Revue will er verreisen, „eine Woche Pilze suchen im Elsass“. Dort haben er und seine Frau mal sechs Jahre gelebt. „Man müsste so komponieren können, wie die Vögel fliegen“, hatte er dort gedacht. „Hier in Leipzig, in der Stadt, hatte ich in 14 Jahren so einen Gedanken nie.“

Und dann will er sich den Computer vornehmen, will „reinigen, reinigen, reinigen“. Bewahren würde er ein paar Gedichte, zwei oder drei Projektideen und das Musikstück „The Unanswered Question“. Eigentlich „spielt es gar keine Rolle zu wissen, was auf der Festplatte bleibt, oder zu wissen, dass vielleicht zehn Prozent draufbleiben.“

Was spielt noch eine Rolle? Versöhnung, sagt Thomas Hertel. In Erinnerung zu rufen, wie der Zustand des Glücks war. „Das ist doch das Leben.“ Übrigens bleibe neben dem Parkinson noch Raum für das, was alle Menschen bewegt: die Suche nach Identität. „Wunsch, Wunsch, Wunsch“, sagt er noch, und es klingt weniger nachdenklich als fast schon ungehalten, „man will immer mehr als das Leben“.

„ParkinsongRevue“ u.a. mit Raschid D. Sidgi, Stefan Kaminsky (Sprecher/Sänger), Maike Lindemann (Sängerin), Felix Haiduk (Xelettist), Rafael Klitzing (Samplings/Scratchigs), Johannes Moritz (sax), Melchior Walther (key), Vinzenz Wieg (git), Philipp Rohmer (bass) und Andreas Schwaiger (drums) : 7. Oktober (Premiere), 8. und 9., 20.–23. Oktober, 4.–6. November, jeweils 20 Uhr, 6.11. um 16 Uhr; Kunstkraftwerk Leipzig, Saalfelder Str. 8b, Kartentel. 0341 33736636, www.parkinsong-revue.de

Von Janina Fleischer

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