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Thomas Krakow im LVZ-Interview: "Wir sind wieder Wagner-Stadt"

Thomas Krakow im LVZ-Interview: "Wir sind wieder Wagner-Stadt"

Thomas Krakow (53) steht seit Sommer vorigen Jahres dem Internationalen Richard-Wagner-Verband vor, außerdem ist er Vorsitzender des Leipziger Verbandes. Im LVZ-Interview erklärt er dessen Aufgabe, blickt auf Erreichtes und künftige Herausforderungen.

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Thomas Krakow (53) ist Historiker und Präsident des Internationalen Wagner-Verbandes. Im Hauptberuf arbeitet er bei der Stadt Leipzig.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Was macht der Richard-Wagner-Verband?

 

 

Ein wichtiges Anliegen ist die Nachwuchsförderung - also die Erfüllung des Ziels, das Wagner selbst formuliert hat und das die Grundlage der Verbände ist. Wir wollen Stipendiaten nach Bayreuth bringen. Die Stipendienstiftung organisiert jedes Jahr 250 Stipendien - davon liegen inzwischen sechs bei uns, wovon drei die Stiftung finanziert. Darüber hinaus geht es vor allem um Öffentlichkeitsarbeit für Richard Wagner und seine Geburtsstadt Leipzig.

 

 

Wie sieht die aus?

 

 

Wir publizieren zum Thema: Es gibt seit 2008 die Reihe "Leipziger Beiträge zur Wagner-Forschung". Wir bringen Merchandising-Artikel heraus - vom Wagner-Shirt über die Tasse und die Umhängetasche bis zum Wagner-Räuchermännchen. Wir haben ein Imagevideo und eine Doppel-CD produziert. Der Richard-Wagner-Kongress 2013 wurde wegen des 200. Geburtstages wieder in Leipzig ausgerichtet - da haben wir viel organisiert. Außerdem wollen wir Erinnerungsorte wahrnehmbar machen. Zum Beispiel haben wir 2012 einen Findling in Weißenfels initiiert - an der Stelle, wo das Geburtshaus von Wagners Mutter stand. Die Stadt Weißenfels und die Mibrag haben geholfen. Wir haben eine Bronzetafel im wiederaufgebauten Königsberger Dom aufgehängt zum 175. Hochzeitstag von Wagner und seiner ersten Frau Minna. Wir haben den Grabstein für seine Mutter und seine Lieblingsschwester auf dem Johannisfriedhof restaurieren lassen. Monatlich findet eine Vortragsveranstaltung statt. Durch die Arbeit des Verbandes und der Stiftung in den vergangenen Jahren können wir heute mit Fug und Recht behaupten: Leipzig ist wieder Wagner-Stadt.

 

 

Die zugehörige Richard-Wagner-Stiftung Leipzig hat im Vorjahr prominente Mitstreiter bekommen. Zaki Nusseibeh, Kulturberater des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, übernahm den Vorsitz im Stiftungsrat. Der ehemalige sächsische Staatskanzleichef Johannes Beermann ist neues Stiftungsratsmitglied. Was bringt das konkret?

 

 

Erstes Ziel der Stiftung ist es, finanzielle Mittel zu finden, um ein Wagner-Haus in Leipzig zu etablieren. Zweitens geht es auch hier um die Nachwuchsförderung, vor allem in Form des Richard-Wagner-Preises. Da brauchen wir natürlich Persönlichkeiten, die die Aufmerksamkeit auf die Stiftung lenken und die auch Türen öffnen können. Denn natürlich stehen wir etwas im Schatten der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth. Wir können und wollen keine Konkurrenz zu Bayreuth sein. Wir wollen unseren eigenen Weg gehen und neben diesem Wahrnehmungsgiganten bestehen.

 

 

Sie sind seit 2008 Vorsitzender des Leipziger Verbandes. Was hat sich seitdem verändert?

 

 

Der Leipziger Freundeskreis hatte 1993 nur noch 24 Mitglieder, der Verband war nicht wahrnehmbar. Ich bin 2005 eingetreten, als mir immer klarer wurde, dass der 200. Geburtstag kommt - der Verband aber in der Öffentlichkeit keine Rolle spielte. Zudem hatte sich die Politik 1996 festgelegt, man konzentrierte sich auf Bach. Das hieß aber, alles andere, was die Bedeutung der Musikstadt ausmachte, sollte hinten runterfallen. Da gab es dann Leute, die sich wehrten - in der Mendelssohn-Stiftung, im Schumann-Verein, für Edvard Grieg. Bloß bei Wagner hat das keiner laut gemacht. 2005 war der Internationale Wagner-Kongress in Leipzig - 700 Wagnerianer tobten durch die Stadt, es hat kaum jemand wahrgenommen. Der Leipziger Verband war im Wesentlichen ein geschlossener Kreis von Leuten, die sich trafen und unter sich blieben. Heute hat er 372 Mitglieder und ist bundesweit einer der wenigen Wagner-Verbände, die wachsen. Es gibt seit 2007 eine Partnerschaft zwischen den Verbänden in Leipzig und New York.

 

 

Auch an der Oper spielte Wagner keine Rolle ...

 

 

Wagner hatte damals an der Oper seinen Tiefstpunkt, er wurde 2003, 2004 und 2005 nicht einmal gespielt. Ich war vorher in Chemnitz, habe gesehen, dass die Reisebusse vor der Oper Schlange standen - das war eine Erfolgsgeschichte. Das Prinzip Bayreuth hat auch dort funktioniert - auch dort haben Leute ein oder zwei Jahre Wartezeit für eine Ring-Karte akzeptiert. Erster Ort der Wagner-Pflege kann nur die Oper sein. Und die ist heute mit Intendant Ulf Schirmer auf dem besten Weg.

 

 

Warum beschäftigen Sie sich so intensiv mit diesem Komponisten?

 

 

Es fing alles mit Leipzig an. Die Stadt war für mich fast ein weißer Fleck, ich kannte die Stadt kaum, als ich 1985 herkam, um Afrikanistik und Geschichte zu studieren. Dann beginnen Sie irgendwann, sich diese Stadt genauer anzugucken, sich mit der Geschichte zu beschäftigen. Man kratzt weiter und findet immer mehr. Irgendwann, in hochsensiblen Wende-Zeiten, ist die Wagner-Musik bei mir eingerastet. Ich habe ihn aber nie so richtig mit Leipzig in Verbindung gebracht. Einmal bin ich dann aber an dieser total verdreckten Tafel an der Blechbüchse vorbeigegangen, habe sie mir angeguckt und erfahren, dass dort sein Geburtshaus stand. Dass Leipzig seine Geburtsstadt war, stand zwar in irgendwelchen Reiseführern, aber es spielte keine Rolle. Es wurde übersehen, überhört, überlesen.

 

 

Sie wurden im Sommer für fünf Jahre zum Präsidenten des Internationalen Wagner-Verbandes gewählt. Mit welchen Konsequenzen?

 

 

Interessant ist, dass ich manchmal mehr mit "Herr Wagner" angesprochen werde als mit "Herr Krakow". Die Familie ist aber nach wie vor nicht bereit, mich zu adoptieren (lacht). Man sollte sich selbst nicht zu ernst und auch einmal auf die Schippe nehmen. Wagner war auch eine ziemlich illustre Persönlichkeit. Aber im Ernst: Die Zeit wird extrem knapp. Es wird viel Präsenz erwartet. Der Internationale Verband hat 22 000 Mitglieder in 137 Verbänden. In den vergangenen Wochen war ich in London, München, Venedig, London, Abu Dhabi. Dabei läuft die Arbeit ehrenamtlich. Ich reise soweit mein Urlaub reicht, natürlich müssen vor allem Wochenenden dafür herhalten.

 

 

Was ist das Hauptziel der Wagner-Festtage vom 21. bis 31. Mai 2015?

 

 

Wir haben diesen Künstler, der dieses einmalige Werk hinterlassen hat. Wir wollen Wagner noch ein Stück weiter in seiner Geburtsstadt etablieren, noch mehr Aufmerksamkeit schaffen, die auch Gäste in die Stadt lockt. Ich hoffe, dass dieses Potenzial auch von der Stadt erkannt wird, die sich ja bislang nicht direkt beteiligt.

 

 

Hintergrund: Der Richard-Wagner-Verband wurde am 13. Februar 1909 gegründet - als Richard-Wagner-Verband deutscher Frauen in Leipzig. Die Damen wollten Geld sammeln, um eine Idee Richard Wagners umzusetzen: Junge, talentierte, aber weniger bemittelte Musiker, Sänger und Künstler sollten die Möglichkeit erhalten, die Bayreuther Festspiele kostenlos zu besuchen, damit Wagner kennenzulernen und sich ihm vielleicht zu widmen. Schon kurz nach der Gründung gab es Streit, weil Damen in Dresden und Nürnberg nicht einsehen wollten, dass sich alles auf Leipzig konzentriert. So bildeten sich einzelne Ortsgruppen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden alle Organisationen aufgelöst. In Westdeutschland haben sich die Ortsverbände schnell wiedergegründet, in Hannover entstand 1949 der neue deutsche Verband, der dann auch den Männern offenstand. Im Osten wurden Richard-Wagner-Verbände nicht wieder zugelassen. Erst 1983 gründete sich zum Todestag in Leipzig ein "Freundeskreis Richard Wagner im Kulturbund der DDR". Das war für mehrere Jahre die einzige institutionalisierte Gruppe.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.01.2015
Björn Meine

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