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Kultur Tim Fischer lebt "Geliebte Lieder" - Konzertabend in Leipzig
Nachrichten Kultur Tim Fischer lebt "Geliebte Lieder" - Konzertabend in Leipzig
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20:08 04.12.2014
Tim Fischer pflegt im schwarzen Anzug schwarzen Humor. Am Mittwoch gab's im Schauspielhaus "Geliebte Lieder". Quelle: André Kempner
Leipzig

"Jetzt haben wir uns wiedergefunden", sagt er da. Denn aller Anfang war verhalten am Mittwochabend in Leipzig.

Tim Fischer ist jetzt 41 Jahre alt, seit mehr als 25 Jahren singt und spielt er auf den Bühnen des Landes. Fast genauso lange ist er auch regelmäßig in Leipzig zu erleben - mit Kreisler-Programmen, "Walzerdelirium" oder "Zarah ohne Kleid". Zuerst und auch in den vergangenen Jahren in der Funzel, "nun endlich wieder im Schauspielhaus". Der Saal ist nicht ganz ausverkauft, und die Fans regieren zunächst freundlich, jedoch nicht entfesselt.

Dafür sind sie treu. Wilfried ist vorzeitig von einer Reha in der Schweiz zurückgekehrt. Er steht bei den Zugaben am Bühnenrand. Fischer erkennt ihn, sie fachsimpeln über Rippenbrüche. Und Wilfried sagt, dass es ihm dank des Konzerts schon viel besser gehe. Auf Fischers Frage, was er da an den kommenden Tagen mache: "Tabletten nehmen."

Diesmal führen "Geliebte Lieder" auf eine Reise durch 25 Bühnenjahre, die "Am Hauptbahnhof von Paris" Fahrt aufnimmt. Fischer nennt sich "alte Bühnenschabracke", kokettiert: "Da wackelt einer mit seinem alten Hintern und singt alte Lieder." Er sieht anfangs im schwarzen Anzug, nach der Pause dann ganz in Weiß schlicht gut aus, moderiert sparsam und routiniert und verbirgt nicht, dass auf den Bühnen des Lebens sein Humor kräftig nachgedunkelt ist, an Georg Kreislers Schärfe geschult. Es sind ja auch gelebte Lieder.

Fischer kratzt Teer aus der Seele mit Chansons, deren Texte von Kästner stammen, von Hollaender, Ludwig Hirsch. Oder von Jacques Brel - einst für Gisela May übersetzt. Ausgewählt "rein nach dem Lustprinzip". Daneben bestehen die von Bühnenpartner Rainer Bielfeldt für Fischer komponierten Lieder.

Der Sänger gestaltet, interpretiert, indem er die Originale respektiert, Eigenes nur auftupft, indem er die Dosierung von Spott, Würde und Schmerz in seinem Sinne variiert. Er garantiert mit Gefühl und Charakter, dass es keine abgeliebten Lieder werden. Dafür sorgen ebenso Bielfeldt am Klavier und Thomas Keller mit Akkordeon und Sopransaxophon.

Die Lieder kommen von Herzen, überzeugen im aufgedrehten Witz wie im Drama, zu dem Fischer Zarah Leanders "Nur nicht aus Liebe weinen" macht - mit 1000 Händen überall. "Die Axt im Haus erspart die Goldene Hochzeit" kommentiert er das tödliche Unentschieden eines Ehestreits ("Die Sportschau"). Mit Tucholskys "Die geschiedene Frau" und Stephan Sulkes "Lotte" bleibt noch vor der Pause im Grunde kein Schatz auf dem anderen. Nach Sekt und Kästners "Sachlicher Romanze" könnte ein Trost sein, dass manchmal im Abschied die Liebe erst sichtbar wird. Und es ist noch komplizierter: "Was kann es denn Schwereres geben,/ als so mit sich selber zu leben/ und dieses eben ein ganzes Leben?"

Natürlich bleibt bei Fischers Rendezvous mit dem Schicksal die Komik nicht auf der Strecke, viel Heiterkeit speist sich da aus eigener Erfahrung. Und aus den Ambivalenzen lugt das Vergnügen, am Rande des Abgrunds nach der Hand eines Dichters greifen zu können. "Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur;/ doch mit dem Tod der anderen muss man leben", schreibt Mascha Kaléko in "Memento". Auch Ludwig Hirschs "Großer schwarzer Vogel" landet, die Rettung naht durch Licht und Nebel, die stets effektvoll gesetzt sind in der auch musikalisch ausgereiften Show.

Nach dieser Reise, dem Ankommen und - mehr noch - Verschwinden, nach den Geschichten vom Finden und - mehr noch - Verlieren, kann nur eine das letzte Wort haben: die "Rinnsteinprinzessin". Jetzt ist im Jubel alles beisammen. Für die anderen Tage bleiben Tabletten oder die CD zum Programm. Fan Wilfried hat sie natürlich schon lange.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.12.2014

Janina Fleischer

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