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Kultur Toleranz für die Frau mit Bart: Conchita Wurst gewinnt den Eurovision Song Contest 2014
Nachrichten Kultur Toleranz für die Frau mit Bart: Conchita Wurst gewinnt den Eurovision Song Contest 2014
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09:43 11.05.2014
Von Imre Grimm
Conchita Wurst hat gewonnen. Foto: Jörg Carstensen Quelle: dpa
Kopenhagen

Mit ihrer soundtrackartigen Ballade „Rise Like A Phoenix“ stieg sie aus den Niederungen der Trash-Unterhaltung auf die europäische Popbühne und ließ sich dort nicht mehr vertreiben. Nicht von homophoben Sprüchen fernosteuropäischer Splitterstaatenpolitiker. Und nicht von Zweiflern, die sie für eine Spinnerin hielten, eine Frau mit Bart, der es um nichts als Aufmerksamkeit für sich selbst geht.

48 Jahre nach Udo Jürgens „Merci, Chérie“ siegt Österreich wieder beim Eurovision Song Contest. Mit einem starken Signal für den Mut zum Anderssein, für kulturelle und menschliche Toleranz. Und mit einem Lied, das nicht der originellste Beitrag der Popmusik ist, an diesem Abend in Kopenhagen aber einfach der glamouröseste Beitrag war. Es war die Nacht von Thomas „Tom“ Neuwirth, Künstler aus Gmunden in der Steiermark – dem Mann hinter Conchita Wurst.

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Die Mitfavoriten mussten sich geschlagen geben. Schwedens Sanna Nielsen etwa (Platz drei), die mit „Undo“ eine saubere, aber etwas zu kalkulierte Eurovisionsballade abgeliefert hatte. Und das niederländische Countryduo The Common Linnets, das sich über Platz zwei freilich freuen wird wie ein Goldgräber an einem guten Tag im Klondike. Was für eine Story – ein Hauch von Johnny Cash und June Carter (und „Every breath you take“) in der Kopenhagener Arena.

Enttäuschung für Deutschland

Und Deutschland? Man muss das so deutlich sagen: Die Enttäuschung von 2013 hat sich wiederholt. Am Ende steht ein überraschend schlechtes Ergebnis für einen Song, der eigentlich ganz gut zu den gegenwärtigen Authentizitätswünschen des Publikums passte: Platz 18 von 26. „Wir gehen einfach auf die Bühne und gucken mal, was passiert“, hatte Ela Steinmetz (21) vorher gesagt, Frontfrau des deutschen Trios Elaiza.

Die Frauenband Elaiza in Kopenhagen: Yvonne Gruenwald, Ela Steinmetz und Natalie Plöger (l-r). Quelle: Jörg Carstensen/dpa

Das ging auch kaum anders, denn wegen einer Last-Minute-Änderung des kompletten Bühnendesigns hatten das deutsche Team kaum Zeit, den renovierten Auftritt zu proben. Tagelang kämpfte die deutsche Delegation gegen die seltsame Dekoration aus Zirkuskasperei, Schachbrett und Pantomine-Zinnober, die die dänische TV-Regie hatte entwickeln lassen. Am Ende durfte Elaiza dann doch in einer wärmeren, eleganteren, klareren Atmosphäre auftreten.

Doch der eher rätselhafte Probeneindruck saß da schon fest verankert in den Köpfen europäischer Journalisten, Buchmacher und anderer Multiplikatoren. So hatten die fehlerlosen, sympathischen 180 Sekunden von „Is It Right“ tatsächlich etwas von spontanem Jammen im Probenraum. Doch den europäischen Musikgeschmack traf man mit der folkloristischen, eher unmodernen Retronummer nicht.

Arm an Originalität, reich an Seltsamkeiten

Es war insgesamt eine Show wie ein Frühstücksbüffett in einem Mittelklassehotel, das sich heimlich für's „Ritz Carlton“ hält – arm an Originalität, reich an kulinarisch/musikalischen Seltsamkeiten: vom ukrainischen Röhnrad-Hamster bis zu tanzenden Wallstreet-Bankern, von pubertierenden Teletubbies bis zum norwegischen Brummbär mit Silberblick, der Getragenes vortrug. Wer auffiel: Die lustigen Isländer von Pollapönk, die wie eine pastellfarbene Boyband-Parodie auf der Bühne herumirrlichterte. Sympathisch infantil, aber chancenlos. Außerdem die unzerstörbaren Griechen mit einer Ska/Rock/Pop-Melange und putzigem Trampolingehüpfe, mancher dachte ans Auf und Ab der griechischen Volkswirtschaft – samt Absturzgefahr.

Wer leider auch auffiel: Frankreichs lustig gemeintes Trio Twin Twin („Moustache“) mit hohen Haaren und ebensolchen Ansprüchen. Bloß sind Schnurrbartfragen vielleicht nicht das drängendste Problem des europäischen Durchschnittszuschauers. Ebenso rätselhaft: Das rumänische Duo mit einem eigens erfundenen Kreisklavier, dessen tieferer Sinn sich wohl nur dem Kreisklaviererfinder erschließt, wenn überhaupt. Überhaupt die Requisiten: Reckstangengeturne, Trommeln, angemodderte Kneipenklaviere.

Video: Das waren die Favoriten vor dem Finale

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Selten war das Rennen so offen wie beim ESC 2014. Einen klaren Favoriten gab es nicht in der Eurovisionswoche, allenfalls eben ein paar emotionale Hoffnungen der schwulen ESC-Gemeinde mit Blick auf Conchita Wurst, die österreichischen Wanderpredigerin. Aber würden Europas heterosexuelle Busfahrer, die Krankenschwestern und Kindergärtnerinnen des Kontinents, die über Genderfragen nur sparsam nachgrübeln, sich für ihre dankenswerte Mission von Toleranz und Mut zum Anderssein interessieren, für diesen absolut divenmäßigen Auftritts samt Express-Extremzoom auf die umhaarten Lippen? Selten war der Abstimmungsprozess spannender. Es ging munter hin und her. Ungarn, die Niederlande, Schweden und Österreich wechselten minütlich die Positionen. Am Ende: die Überraschung.

Musik als sozialer Kitt

Es war der politischste Wettbewerb seit langer Zeit. Nicht Istanbul 2004, nicht Kiew 2005, nicht Baku 2012 führten die multinationalen Harmoniebestrebungen zwischen Atlantik und Ural an ihre Grenzen, sondern Kopenhagen 2014. Der Ukraine-Konflikt überschattete den Wettbewerb. Buhrufe für hohe Wertungen an Russland in der Halle. Und schwulenfeindlicher Unfug samt Petitionen gegen die Teilnahme von Conchita Wurst legten sich wie eine düstere Wolke auf das irritierte Partyvolk. Der kulturelle Backlash, den der Westen seit ein paar Jahren erlebt, die wachsende Ablehnung sozialer Neuerungen in konservativen bis reaktionären Kreisen, zwingt auch der Eurovision eine Debatte über die Frage auf, wie sich die extremen kulturellen Widersprüche vereinen lassen.

Es war immer das große Verdienst des Wettbewerbs, verbindend zu wirken. Musik als sozialer Kitt. Die Europäische Rundfunkunion EBU – auch das zeigt die Siegerin von Kopenhagen - wird nicht darum herumkommen, Stellung zu beziehen, statt jegliche Politik fernzuhalten zu versuchen. Sie wird sich zur Toleranz bekennen und ein klares Signal gegen homophobe Tendenzen in Teilen Osteuropas aussenden müssen, um glaubwürdig zu bleiben. Selbst osteuropäische, als erzkonservativ verschriene Staaten gaben Österreich Punkte.

Und ausgerechnet Conchita Wurst, das künstlichste, seltsamste, unberechenbarste Wesen des Abends, war diejenige, die am „echtesten“ und „ehrlichsten“ rüberkam.

„Diese Nacht steht für Liebe, Toleranz und Respekt, sie ist all denen gewidmet, die an Zusammenhalt, Fortschritt und Frieden glauben“, sagte sie nach der Show. „Für alle, die daran nicht glauben, haben wir keine Zeit.“

Imre Grimm

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