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"Traditionen sind zum Brechen da": In Extremo legen das Mittelalter zu den Akten

"Traditionen sind zum Brechen da": In Extremo legen das Mittelalter zu den Akten

Die Spielmänner tanzen schon lange nicht mehr auf Mittelalter-Festen: In Extremo sind mit 1,5 Millionen verkauften Alben eine der erfolgreichsten deutschen Bands, vorderste Charts-Platzierungen inklusive.

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Sieben auf einen Streich: In Extremo ziehen konsequent ihr Ding durch - Dritter von rechts: Michael "Das letzte Einhorn" Rhein.

Quelle: Maarten Corbijn

Leipzig. Am Samstag kommen In Extremo mit ihrem neuen Album "Kunstraub" und viel Feuer nach Leipzig. Sänger Michael "Das letzte Einhorn" Rhein spricht vorab über Mittelalter-Märkte und Ignoranten.

LVZ:

Beim Hören von "Kunstraub" fällt schnell auf: Mit Mittelalter hat das nur noch wenig zu tun. Nervt es euch, immer noch in diese Schublade gesteckt zu werden?

Michael Rhein:

Nerven nicht unbedingt, denn in der Mittelalter-Geschichte liegen ja unsere Wurzeln, und die sollte man auch nicht verleugnen. Vielleicht hätten wir den Erfolg ohne Dudelsäcke auch gar nicht geschafft. Wir sehen uns vielmehr als deutsche Rock-Band, die eine mittelalterliche Instrumentierung nutzt. Und diese Instrumente - ob nun Schalmei, Marktsackpfeife, Hackbrett, Harfe oder Trumscheit - werden immer dabei sein, so lange es In Extremo gibt.

Im Vergleich zu den Platten von vor zehn Jahren spürt man einen deutlichen Wandel: weniger Abrakadabra, mehr Zeitgeist.

Auf alle Fälle. Gerade "Kunstraub" ist sehr kompakt, so dass beispielsweise die Dudelsäcke nicht im Vordergrund stehen. Das muss auch so sein, schließlich entwickeln wir uns weiter. Es wäre doch traurig, wenn wir noch wie vor 10 oder 15 Jahren klingen würden. Natürlich nörgelt der eine oder andere Alt-Fan: Das klingt heute nicht mehr nach In Extremo. Aber so etwas darf man nicht an sich ranlassen. Wir wissen, was wir gemacht haben - und auch, was wir nicht mehr machen wollen. Traditionen sind schließlich zum Brechen da.

Während ihr euch früher häufig auf alte Dichter und Sagen bezogen habt, ist "Kunstraub" im Heute verhaftet. Zum ersten Mal fehlen die gewohnten Zaubersprüche. Weshalb diese Wende?

Man muss nicht jede Platte über Ritterrüstungen machen und auch nicht zaubern. Auf "Kunstraub" sind jetzt Texte, die für uns auf der Straße gelegen haben. Es gibt so viel, was schief läuft, worüber wir uns aufregen. Da sind wir nicht dran vorbeigekommen.

Wie stark seid ihr noch der Mittelalter-Szene verbunden?

Total. Ich gehe ab und zu auf Mittelalter-Märkte und habe da jede Menge Spaß. Wir haben immer auch noch viele Freunde in der Szene, pflegen Kontakte, zu Bands, mit denen wir früher gespielt haben. Auch wenn wir selbst nicht mehr auf mittelalterlichen Märkten spielen. Ich glaube, da würden wir wohl nicht mehr so gut hinpassen.

Kein Bock mehr auf die alten Klamotten?

Vielleicht machen wir das ja irgendwann mal, so inkognito, ohne großes Brimborium. Momentan sind wir aber so viel unterwegs, dass dafür echt keine Zeit bleibt. Was viele in Deutschland gar nicht mitbekommen: Wir spielen sehr oft im Ausland, aktuell geht es noch nach Polen und Frankreich, im März fliegen wir dann nach Südamerika, in die USA und nach Russland.

Ergibt sich aus dem Erfolg und den Charts-Platzierungen auch ein gewisser Druck?

Ja, sicher. Den gibt uns zwar keiner vor - doch den machen wir uns selbst. Allerdings nicht in dem Sinn, dass wir permanent auf die Charts schielen. Sondern es geht darum, die bestmögliche Platte abzuliefern. Der Entstehungsprozess ist immer nervenaufreibend: Wir schotten uns zwei Monate von der Welt ab, gehen abends mit den Songs ins Bett, wachen morgens mit ihnen auf. Das ist wie Folter. Wir wären aber nicht In Extremo, wenn wir es uns nicht kompliziert machen würden.

Das klingt, als sei der Band-Zusammenhalt auch nach fast 20 Jahren im Musikgeschäft ungebrochen.

Absolut. Natürlich, und das ist wie in jeder guten alten Ehe, gibt es ab und an mal Reibereien. Man kennt sich und man mag sich. Da können auch mal die Fetzen fliegen oder die Türen knallen - die In-Extremo-Welt wird davon nicht untergehen. Eine Band, die nicht streitet, kann einfach keine gute Band sein. Denn das gehört dazu, wenn man eine Vision hat, wenn man kreativ sein will.

Eure Musik wird trotz des Erfolgs von Kritikern nicht selten belächelt. Kann das an den Mittelalter-Wurzeln liegen?

Ich denke, wir sind als Band völlig unterschätzt. Alle denken nur: Ach, das sind doch die Typen ausm Mittelalter ... Man muss sich aber nur mal die Plattenverkäufe anschauen - und dann fragt man sich manchmal, weshalb die meisten Radios uns nicht spielen. Die Sender, auch das Fernsehen, verweigern sich unserer Musik. Weshalb das so ist? Keine Ahnung.

Hat das auch etwas mit fehlender Wertschätzung für deutsche Künstler im Allgemeinen zu tun?

Ganz klar, die Künstler aus dem eigenen Land zählen bei uns nichts. Da gibt es ein paar Überflieger, die allgegenwärtig sind - aber der große Rest im Radio ist das, was gerade in den amerikanischen Charts läuft.

In Extremo, Samstag, 20 Uhr, Haus Auensee (Gustav-Esche-Straße 4), Vorverkauf 44 Euro. Tickets in allen LVZ-Geschäftsstellen und im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.11.2013

Andreas Debski

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