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Triumphzug einer Bewegung: Poetry Slams boomen nicht nur in Leipzig

Triumphzug einer Bewegung: Poetry Slams boomen nicht nur in Leipzig

Bisher umgab den Literaten in der volkstümlichen Vorstellung eine eher staubige Aura - diese Zeiten scheinen passé. Seit sie Poetry-Slammer heißen, werden Autoren wie Bas Böttcher, Philipp Scharri oder Volker Strübing nach Auftritten von Trauben junger Frauen umschwärmt wie Pop-Stars.

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Fünf von vielen: Die Lesebühne Schkeuditzer Kreuz versammelt sich Freitag im Plan B.

Quelle: Eva Siegmund

Leipzig. Man traut den Augen kaum. Was ist da los in der Spoken-Word-Literaturszene?

"Manchmal möchte ich einfach gern eine Geschichte erzählen, die mir eingefallen oder passiert ist. Manchmal möchte ich mich zu einem bestimmten Thema äußern. Manchmal habe ich Lust, einfach Quatsch vorzutragen", sagt André Herrmann, Leipziger Poetry-Slammer und zusammen mit Bühnenkumpel Julius Fischer als "Team Totale Zerstörung" doppelter Deutscher Meister seines Faches.

Mit der Lust, Texte für die Bühne zu schreiben, ist Herrmann alles andere als allein: Etwa 1000 Slam-Veranstaltungen finden im deutschsprachigen Raum jedes Jahr statt. In Leipzig haben zuletzt zwei Lesebühnen an Orte mit größerer Publikumskapazität gewechselt. Seit etwa Livelyrix, Leipziger Slam-Veranstalter, mit seinem Wettbewerb 2009 aus dem oft rappelvollen Ilses Erika in die größere Distillery umgezogen ist, empfängt der Verein monatlich mehr als 400 Zuschauer. Seit 2012 organisiert Livelyrix auch zweimal jährlich den "Best of Poetry Slam" in der MuKo, auch hier waren die 550 Plätze jeweils komplett ausverkauft.

Slammer locken 10.000 Fans an

Damit nicht genug: Weil immer mehr lokale Slammer auf die Bühnen drängen, hat Livelyrix-Moderator Christian Meyer Anfang des Jahres im Neuen Schauspiel den "Westslam" als Plattform für Leipziger Literaten ins Leben gerufen. Auch auf der Leipziger Buchmesse ist die Szene jährlich präsent, und auf nationaler Ebene sind die Zahlen noch eindrücklicher: Bei den deutsch­sprachigen Meisterschaften in Heidelberg und Mannheim wollten im Winter insgesamt 10.000 Menschen die Instant-Wortakrobatik live vor Ort sehen. Diese Zahlen machen deutlich: Bühnenformate für Literaten und solche, die es werden wollen, boomen, ein Ende dieses Steigerungslaufes ist nicht abzusehen.

Laut Sebastian Wolter vom Leipziger-Dresdner Szene-Verlag Voland & Quist, der diesem Trend entsprechend zu jedem Band eine Audio-CD mit herausgibt, macht sich die Entwicklung auch im Buchmarkt deutlich bemerkbar: Die Anzahl von Verlagen, die sich explizit auf Slam beziehen, wächst, ebenso sind zuletzt Slammer häufiger bei großen Verlagen untergekommen.

Eine solche Erfolgsstory ruft erfahrungsgemäß auch Kritiker auf den Plan. So monierte das Szene-Urgestein Boris Preckwitz in der Süddeutschen Zeitung, die Texte der Slammer entfernten sich immer weiter von der so genannten ernsten Literatur und beschallten höchstens noch ein hedonistisches, vor allem aber unkritisches Publikum. Preckwitz sieht die Entwicklung als fortschreitende Herden-Verblödung. Abgesehen davon, dass in dieser Kritik mit sehr unscharfen Begriffen wie "Lyrik" oder "Poesie" hantiert wird, sei die Frage erlaubt, ob Poetry-Slam-Texte jemals näher an der "Literatur" gewesen sind oder überhaupt je zum Ziel hatten, "Lyrik" zu sein?

Hört man sich in der Szene um, verdichtet sich der Verdacht, dass die Antwort "nein" lautet: "Ich habe kein Problem damit, die Leute zu unterhalten", frotzelt André Hermann. Er hatte vergangenen Sommer die Gelegenheit, Marc Kelly Smith, den "Erfinder" des Poetry-Slams, in Chicago zu treffen. Und auch der sähe den Sinn dieses Formates nach wie vor darin, jedem, der Lust dazu hat, eine Möglichkeit zu bieten, sich auszuprobieren, sich weiterzuentwickeln, berichtet Herrmann vom Treffen mit Smith.

 

Nicht zufällig hießen die ersten Wettbewerbe dieser Art in den 90er Jahren noch "Jeder darf mal", bevor der Titel dem Anglisierungs-Monster zum Opfer fiel. Wer gut ist, schaut sich erfahrungsgemäß bald nach anderen Möglichkeiten und Formaten um. Denn Poetry-Slams bieten den Autoren mit ihren höchstens sieben Minuten Showtime nur sehr begrenztes Entwicklungspotential. Fischer drückt das so aus: "Poetry Slam ist eine Zwischenstation, ein Umsteigebahnhof, die Pommesbude in der Mittagssonne einer künstlerischen Entwicklung." Slams sind also mehr literarische Einstiegsdroge und nicht Ende Gelände.

Was bedeutet das nun? Welchen Einfluss übt die große und bestens vernetzte Slam-Familie, die "Slamily", auf den Literaturbetrieb und dessen Selbstverständnis aus? Tut sie das überhaupt? Herrmann sagt dazu: "Vor zehn Jahren hätte ich niemandem gesagt, dass ich auch nur im Entferntesten irgend etwas schreibe, das kein Einkaufszettel ist. Heute finden das die Leute sogar cool." Was Herrmann damit anspricht, ist Ausdruck einer veränderten gesellschaftlichen Akzeptanz schriftstellerischer Tätigkeit. Und daran hat der leicht zugängliche Poetry-Slam einen großen Anteil. Die ungezwungene Lesungs-Sozialisation junger Menschen via Slam-Veranstaltungen ist mit Sicherheit ein positiver Aspekt.

Verleger Wolter spricht aber auch eine andere Wirkung des Slam-Booms auf die Gegenwartsliteratur an: "Man erwartet heutzutage - und in Zukunft sicher noch mehr - gewisse Vortragsqualitäten bei Autoren." Die Vorstellung, geschriebene Texte als solche genügten nicht mehr restlos, dass immer die Flüchtigkeit des Auftritts dazugehören muss, das kann einem schon zu denken geben. Ob das aber mehr ist als ein Trend? Wolter betont nämlich ebenso, dass "Texte auch auf dem Papier bestehen müssen. Sonst kommen sie nicht ins Programm". Nach Revolution klingt das also nicht. Preckwitz' Kritik an der Szene ist letztlich in etwa so passend, als würde dem Dschungelcamp mangelnde Wissenschaftlichkeit vorgeworfen. Die Slammer wollen doch nur spielen.

Donnerstag, 20 Uhr, Westslam mit Philipp Scharri im Keller des Neuen Schauspiels (Lützner Straße 29), 4 Euro; Freitag, 20 Uhr, Voland & Quists Literatursalon mit Volker Strübing im Horns Erben (Arndtstraße 33); Freitag, 20.30 Uhr, Lesebühne Schkeuditzer Kreuz im Plan B (Härtelstraße 21)

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.05.2013

Andreas Ruf

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