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Kultur Tulpen, Hündchen, Fabeltiere – Kunst aus Flandern und den Niederlanden im Grassi
Nachrichten Kultur Tulpen, Hündchen, Fabeltiere – Kunst aus Flandern und den Niederlanden im Grassi
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18:14 13.04.2016
Ab Samstag im Grassimuseum: „Angewandte Kunst aus den Niederlanden und Flandern“. Quelle: Wolfgang Zeyen
Leipzig

Violets Mutter ist gestorben, bei der Geburt ihres sechsten Kindes. Nun hat sie den Hof, auf dem ihr die kleine Schwester Daisy immer alles nachgemacht hat, verlassen. Eine Kutsche brachte sie zu ihrer Tante, bei der sie am Morgen „zwischen Verwirrung und Kissen“ aufgewacht ist. Hier folgt ihr ein rundliches Hündchen. „Um seinen Hals trägt es Glöckchen und klingt damit wie ein Souvenirlöffel in einer Teetasse (...).“ Als sie in einen Spiegel blickt, dauert es „ein wenig, bis ihr bewusst ist, dass sie das ist, das Mädchen mit den eisblauen Augen und dem Haar, das wie ein frischer Butterzopf glänzt (...). Dann nimmt sie das Hündchen unter den Arm (...)“.

Man könnte meinen, die niederländische Keramik-Künstlern Carolein Smit hätte diese Szene aus der Erzählung „Violet und Daisy“ von Bregje Hofstede in ihrer gleichnamigen Skulptur nachempfunden, die ab Samstag im Grassimuseum für Angewandte Kunst zu sehen ist. Doch es ist genau umgekehrt: Hofstede, 1988 in den Niederlanden geboren, erfand ihre Geschichte um Smits Kunstwerk herum. Erstmals veröffentlicht wird sie wie ein Text der Belgierin Annelies Verbeke auf dem Flyer zu der Ausstellung „Angewandte Kunst aus den Niederlanden und Flandern“.

Vertrautes und Wundersames

Hintergrund dieses ungewöhnlichen Brückenschlags zwischen Literatur und Angewandter Kunst ist eine Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse, deren Ehrengäste 2016 Flandern und die Niederlande sind. Und von eben dort stammen die 250 Objekte aus den Sammlungen des Museums, die vom 16. April bis zum 16. Oktober in der Pfeilerhalle zu sehen sind. Und da erwartet den Besucher Vertrautes und Wundersames – von den berühmten kobaltblau bemalten Fayencen der Delfter Manufakturen des 17. und 18. Jahrhunderts, von denen erstmals eine Auswahl in größerem Zusammenhang präsentiert wird. Bis hin zu zeitgenössischen Keramik-, Glas-, Metall- und Schmuckarbeiten, von denen das Museum in den vergangenen Jahren einen Großteil als Schenkung erhalten hat.

Und natürlich erzählen die gezeigten Objekte auch ohne literarischen Weiterdreh eine Menge. Zum Beispiel von der „Tulpomanie“, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Niederlande erfasste und zur ersten Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte führte – nachzuspüren bei prächtigen Tulpenvasen und Blumenornamenten auf Fliesen. Oder von der 1602 gegründeten „Vereinigten Niederländisch-Ostindischen Kompanie“, die rasch zur mächtigsten Handelsflotte Europas aufstieg und das begehrte chinesische und japanische Porzellan importierte. Delft war der wichtigste Umschlagplatz. In bis zu 34 gleichzeitig tätigen „Fabriquen“ wurde das Porzellan mit den Fayencen nachgeahmt.

Unfömig, aus Glas geblasen: „Wim“

Zweiter und kleinerer Schwerpunkt der Ausstellung sind Werke des Art déco und des Jugendstils mit Künstlern wie dem Flamen Henry van de Velde (1863–1957) und dem Niederländer Jan Eisenlöffel (1876–1957). Flämisches und niederländisches Kunsthandwerk und Design von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute bilden einen dritten Bereich. Zu sehen sind hier etwa die aus Glas geblasene, herrlich unförmige Figur „Wim“ von Giampaolo Amoruso, Orchideen-Wildlederschuhe von Jan Jansen, ein Mokka-Service von Beate Reinheimer, über das Schnecken kriechen, und immer wieder Fabeltiere, die aus irgendeiner Wunderkammer entflohen zu sein scheinen. Auf jeden Fall viel Stoff für Geschichten im Kopf.

Angewandte Kunst aus den Niederlanden und Flandern. Vom 16.4. bis zum 16.10. im Grassimuseum für Angewandte Kunst (Johannisplatz 5–11, Pfeilerhalle); Auftakt: Sa, 16.4., 16 Uhr: Kurzführung durch die Ausstellung mit anschließendem Gespräch mit der Sammlerin Rosemarie Willems

Von Jürgen Kleindienst

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