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Über 15 Stunden Thomas-Mann-Tagebücher als Hörbuch

Über 15 Stunden Thomas-Mann-Tagebücher als Hörbuch

Die von Peter de Mendelssohn und später von Inge Jens herausgegebenen, mehrbändigen Tagebücher von Thomas Mann (1875- 1955) haben seinerzeit großes Aufsehen erregt.

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Der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, aufgenommen in Lübeck (Archivfoto von 1926)

Quelle: dpa

Berlin. Sie zeigten nämlich eine andere, private Seite des unnahbaren Jahrhundertschriftstellers und Literaturnobelpreisträgers - und die war nicht immer nur angenehm. Jetzt gibt es die Tagebücher von 1918 bis 1955 (mehrere Tagebücher hat Mann vernichtet) in Auszügen auch als Hörbuch, gelesen von dem Schauspieler Hanns Zischler (Der Hörverlag).

Es ist ein ambitioniertes Projekt mit immerhin zwölf CD, darunter auch ein zusammenfassendes Feature von dem Mann-Biografen Hermann Kurzke. 945 Minuten, also über 15 Stunden, mit Manns Anmerkungen über Besuche, Briefe, Lektüre, Reden, Krieg, Exil und andere politische Zeitereignisse - aber auch über Zahnschmerzen, Wetter, Frühstück, Schlaftabletten und letzte homoerotische Abenteuer („Noch einmal also...!“). Frau und Kinder kommen lediglich am Rande vor. Nur spärliche Notizen gibt es über die gerade laufende Arbeit, wie Kurzke im erläuternden Begleitbuch betont.

Die Stimme Zischlers ist einerseits angenehm in ihrem zurückhaltenden, nüchternen Tonfall, ermüdet andererseits bei langem Zuhören. Zischler liest deutlich monoton, offenbar ohne jede Emotion.

Ein Nachteil ist das Fehlen jeglicher Anmerkungen - was sich bei einer Hörbuchfassung nicht vermeiden lässt. Doch manche Tagebucheinträge erschließen sich dem Leser heute auf Anhieb gar nicht mehr, weil ihm entweder der zeitgeschichtliche oder private Hintergrund des Schriftstellers nicht präsent ist.

Anmerkungen machen übrigens einen wichtigen Teil der von Inge Jens herausgegebenen späten Tagebücher Manns aus, für die die Tübinger Germanistin (und Ehefrau von Walter Jens) hochgelobt wurde. Die Auswahl der Tagebücher für das Hörbuch sei intelligent, sagte Inge Jens der Nachrichtenagentur dpa. Hermann Kurzke kenne sich hervorragend aus. Die Stimme des Vorlesers sei unprätentiös und zurückhaltend - auch wenn sie selbst der stimmlichen Interpretation nicht immer zustimmen könne. „Und dennoch: Nach meiner - wie Thomas Mann sagen würde „recht flüchtigen“ - Kenntnisnahme bin ich von dem Unternehmen nicht überzeugt. Das „En-suite-Hören“ nicht- literarischer, in gewisser Weise aphoristischer Texte ist anstrengend“, sagte Jens. „Es ermüdete, ja, es langweilte mich - obwohl ich mit der Materie ja nun bei Gott vertraut bin.“

Die Tagebücher Thomas Manns seien aber interessant vor allem durch die Spannung zwischen persönlichem Erleben und den politischen Zusammenhängen, mit denen sich das Individuum Mann ja auch auseinandersetzen musste. Die Tagebücher seien als ein Dokument zu lesen, das im Persönlichen Geschichte spiegelt, wie der Historiker Golo Mann gesagt habe. Diesen Anspruch löse die gesprochene, unkommentierte Kurzfassung aber nicht ein, betonte Jens. „Was nichts mit meiner Hochachtung vor der Qualität der Arbeit von Herausgeber und Sprecher zu tun hat, die ich nach wie vor vorzüglich finde.“

Ausführlich geht das Hörbuch auf den Tagebuch-Bericht über Manns späte, platonische „Sommerliebe“ zu einem jungen Kellner in einem Zürcher Hotel 1950 ein. Mann nennt ihn im Tagebuch den „Erreger“. Der Abschnitt gehöre „zu den erschütterndsten Dokumenten dieses Lebens“, meint Mann-Experte Kurzke.

Der 75-jährige Thomas Mann konstatierte sein „Zurückschrecken vor einer nach ihrer Glücksmöglichkeit sehr zweifelhaften Wirklichkeit“ und erkannte zugleich, dieser „Franzl“ aus München sei ein „später, schmerzlich aufwühlender Liebestraum“. Die Rückkehr zur Arbeit sah der selbstbewusste und sich auch immer wieder selbst lobende Nobelpreisträger „als Ersatz für das Glück, so muss es sein - es ist die Bestimmung (und der Ursprung?) alles Genies“. Und er fragte sich: „Warum schreibe ich das alles? Um es rechtzeitig vor meinem Tod zu vernichten oder wünschen, daß die Welt mich kenne?“

Die Tagebücher 1918 bis 1955 - Thomas Mann

gelesen von Hanns Zischler

mit Feature von Hermann Kurzke über Leben und Werk Manns

Der Hörverlag, Frankfurt am Main

12 CD, 945 Minuten Laufzeit

59,95 Euro

ISBN 978-3-86717-242-4

Wilfried Mommert, dpa

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