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Unaufgeregt ansehnlich: Dylan Thomas’ „Unter dem Milchwald“ in den Cammerspielen

Premiere Unaufgeregt ansehnlich: Dylan Thomas’ „Unter dem Milchwald“ in den Cammerspielen

Auch auf der Theaterbühne bleibt Dylan Thomas’ poetischer Hörspiel-Wildwuchs „Unter dem Milchwald“ vor allem ein Spiel für Stimmen – das den Regisseuren Tim Kahn und Eike Mann in den Cammerspielen gut gelingt.

Polly (Noëmi Emily Krausz) und Cat (Florian Innerebner), im Hintergrund Geister.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Anfangen, wo es anfängt: Am Donnerstag hatte just in den kleinen Cammerspielen Dylan Thomas’ großer Gesang „Unter dem Milchwald“ Premiere. Nicht das erste Mal, dass das ursprünglich als Hörspiel konzipierte Werk für eine Theaterbühne aufbereitet wird. Wo es dann freilich auch immer bleibt, was es vor allem ist: ein „Spiel für Stimmen“ nämlich – und zwar für verdammt viele.

Weshalb es nach wie vor mindestens ambitioniert zu nennen ist, diesen poetisch-assoziationstrunkenen Wildwuchs in Theaterszenen übersetzen zu wollen. Zumal wenn, wie jetzt in den Cammerspielen, das Bühnenpersonal auf sechs Darsteller begrenzt ist.

Tim Kahn und Eike Mann gingen es als Regie-Duo dann wohl auch notgedrungen erst einmal recht forsch an. Soll heißen: Sie haben gehörig die Axt an den „Milchwald“ gesetzt. Abgeholzt, ausgedünnt, beschnitten. Von den weit über 60 Figuren, die bei Thomas zu Wort kommen, ist nur noch ein harter Kern übrig. Womit der „Milchwald“ quasi zum Gärtchen domestiziert ist.

Nur konsequent, die Bühnenfläche da gleich mit einem Zäunchen zu umgrenzen. Der Mikrokosmos des walisischen Küstenkaffs Llareggub – Ort der Handlung – als Parzelle für all die kleinen Leben, großen Sehnsüchte und wirren Träume, die sich hier entfalten. Der harte Kern: Cat, Polly und Sindbad in seiner Kaschemme. Und dazu, wie Teilchen um diesen Kern kreisend, die hier schlicht mit „Körper“ benannte Auswahl an Spinnern, Versagern, Träumern, Hausfrauen, Rotzgören, Ehepaaren, Möchtegerngiftmischern, die Llaregubb so beherbergt.

Optimistisch-junge Club-Mate-Trinker

Aber natürlich – die eigentliche Hauptsache, die eigentliche Hautdarstellerin in „Unter dem Milchwald“ ist: die Sprache. Und es ist mehr als nur eine Reminiszenz ans Hörspiel, sondern auch dramaturgisch klug, wenn die Inszenierung mit eingespielten Stimmen aus dem Off beginnt. Mit diesem „Anfangen, wo es anfängt“. Dieser schon schamanistischen Beschwörung einer mondlosen Frühlingsnacht samt der „schlehenschwarzen, zähen, schwarzen, krähenschwarzen, fischerbootschaukelnden See.“ Wunderbar!

Das funktioniert sogar, wenn es nicht alte, whiskeyaufgeraute Sprachschamanen wie Harry Rowohlt oder Richard Burton intonieren, sondern eher nach optimistisch-jungen Club-Mate-Trinkern klingt. Und harmoniert wiederum auch deshalb bestens mit den optisch eben so gar nicht von Suff, Melancholie und unerfüllter Lebensgier gezeichneten Jungbrunnen auf der Bühne.

Aber auch das ist letztlich kein Problem. Flirren doch Noëmi Emily Krausz (Polly), Florian Innerebner (Cat) und Benjamin Lehmann (Sindbad) gut aufeinander eingespielt durch die Szenen. Während Anne-Sophie Dautz, Henriette Seier und Nicolaj Gnirss als „Körper“ in Ganzkörperanzügen plus bizarren Unterhosen in XXL (Kostüme: Victoria Posavec) die Geister geben, durch die die ausgewählten Llareggubianer sprechen.

Clarissa Biller untermalt das live auf ihrer Viola immer wieder mit schwankend trunkenen Melodien, während von Konserve auch mal Parts aus Prokofjews „Romeo und Julia“ ergreifen oder hübsch zwinkernd Bob Dylan erklingt. Insgesamt ein unaufgeregt ansehnliches „Milchwald“-Gärtchen. Nur, dass in dem noch ein Heiner-Müller-Textchen Blüten treiben muss, wirkt aufgesetzt. Also unabhängig davon, dass Müller wie Thomas begeisterte Whiskeytrinker waren.

„Unter dem Milchwald“, weitere Vorstellungen Freitag/Samstag, 20 Uhr, und Sonntag, 18 Uhr, Cammerspiele (Kochstraße 132), 10/6 Euro

Von Steffen Georgi

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