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Kultur Und Beethoven lächelt: Blomstedt dirigiert historisches Tourneeprogramm von 1916
Nachrichten Kultur Und Beethoven lächelt: Blomstedt dirigiert historisches Tourneeprogramm von 1916
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00:18 21.11.2016
Herbert Blomstedt dirigiert sein Gewandhausorchester.   Quelle: André Kempner
Leipzig

 Markant bis zackig malt Herbert Blomstedt ein Dreieck in die Luft. Knochentrocken explodieren die Eröffnungsschläge, der Ehrendirigent des Gewandhausorchesters wechselt auf ganze Takte – und Beethovens Eroica beginnt in erhabener Schönheit zu fließen und zu strömen.

Man weiß eben, was man aneinander hat. Und an Beethoven. Schließlich spielte das Gewandhausorchester bereits 1824 den ersten vollständigen Zyklus seiner Sinfonien, Blomstedt ist in seinem dritten in Leipzig weit gediehen, allein die Eroica dirigierte er mehr als ein Dutzend Mal, seit er 1997 Gewandhauskapellmeister wurde. Und weil Beethoven und das Gewandhausorchester immer schon eine sichere Bank waren, stand die Eroica auch auf dem Programm, als das Orchester sich am 17. November 1916 zu seiner allerersten Tournee aufmachte, um – mitten im Ersten Weltkrieg – in der Schweiz eine Lanze für die deutsche Kultur zu brechen.

Bei einer solchen Vorgeschichte lauert Routine hinter jeder einzelnen Note. Doch kann von ihr im ausverkauften Gewandhaus diesmal keine Rede sein. Denn diese Eroica ist anders. Anders als die strukturelle Erbarmungslosigkeit, mit der Blomstedts Nachfolger Riccardo Chailly an dieses tönende Menetekel deutschen Wesens herantrat. Erst recht ganz anders, als sein Vorgänger Kurt Masur, der es eher mit dem Pathos hielt. Und auch anders, als er selbst sich in den letzten beiden Jahrzehnten mit diesem Orchester diesem aus wenig Material so reich geschaffenen Kosmos näherte.

Viel ist geschrieben worden über die zurückgezogene Widmung des Werkes an Napoleon Bonaparte, und in der Folge wurden der Eroica, ganz nach weltanschaulicher Großwetterlage, die abenteuerlichsten bürgerlichen, revolutionären, utopistischen Programme unterlegt. Aber unabhängig davon, dass mit außermusikalischem bei Beethoven, dem Prototypen des absoluten Musikers, ohnehin kein Blumentopf zu gewinnen ist, lässt sich die humanistische Botschaft des Wieners aus Bonn am ehesten begreifen als Appell, den Menschen aus sich selbst heraus, aus seinem Geist, seinen Visionen und dem eigenen Willen begreifen.

Dieser Geist, dieser unbeugsame Wille, sie haben beim 89-jährigen Blomstedt nichts Verbissenes, nichts Dogmatisches. Eine heitere Schönheit legt sich unter seinen sparsam ordnenden und verschwenderisch inspirierenden Händen über diese vollkommene Sinfonie. Selbst im Trauermarsch erlaubt er den wunderbaren Holzbläsern, in belkantistischer Wonne zu schwelgen. Im Scherzo blitzt der Schalk, im Finale fordert gar sein Recht der Tanz.

Dieser Beethoven trägt die Stirn nicht genialisch plissiert, er lächelt. So wie die Gewandhausmusiker lächeln angesichts dieser Dreiviertelstunde aus Licht. Sie lächeln nicht oberflächlich, sie lächeln beseelt – angesichts der Lebendigkeit, die Blomstedt findet in diesen so oft schon gespielten Tönen. Allerdings, und der Vollständigkeit halber: Auch das Zusammenspiel, vor allem der zweiten Geigen und der Bratschen, zeichnet sich unschicklich oft durch eine gewisse unorthodoxe Lebendigkeit aus – im Konzert stört das nicht weiter, auf der geplanten CD indes wird man diese Aufführung aber nicht ohne Weiteres gebrauchen können.

Beethovens Eroica am Anfang, Strauss’ Tod und Verklärung, sowie das Waldweben aus Wagners Siegfried und die Tannhäuser-Ouvertüre am Beginn. So sah das Tournee-Programm vor 100 Jahren aus. Nach heutigen Gepflogenheiten ist das falsch herum. Denn mittlerweile gilt das ungeschriebene Gesetz, dass die Sinfonie, das Hauptwerk mithin, nach der Pause zu erklingen hat. Doch davon einmal abgesehen ist es bemerkenswert, wenn nicht alarmierend, wie wenig sich die Programme des Gewandhausorchesters in den letzten Jahren verändert haben.

Schon damals stand der Klangkörper nicht eben im Ruf, mit dem Banner der Avantgarde voranzustürmen. Aber in Gestalt von Strauss’ Sinfonischer Dichtung hatte man vor 100 Jahren sogar auf Tour einen Zeitgenossen im Gepäck. Einen, der dem Orchester die Möglichkeit gab, alles zu zeigen was es drauf hatte zwischen Virtuosität und Klang, Disziplin und Wallung.

Dafür taugt Tod und Verklärung auch heute noch – weswegen dieser frühe Strauss allzu oft zum Showstück herabsinkt. Doch Blomstedt nutzt die zunächst düster dräuende, sich aufbäumende, hadernde Sicht aufs Ende, um gleich aufs Licht hinter dem Tunnel vorauszuschauen. Er bleibt dem der dramatischen Seite der letzten Dinge zwar nichts schuldig, doch schon im bedrohlichen Raunen des Beginns findet er, weil er ihn ganz klar anlegt und unerhört transparent, Vorzeichen der Apotheose. Insofern steht also auch dieser vom Gewandhausorchester atemberaubend schön gespielte Strauss in der Tradition Beethovens.

Das tut Wagner ohnehin, und die pathetische Überhöhung von Marsch und Choral, die Gegenüberstellung von diesseitiger Sinnesfreude und jenseitiger Erlösung im Tannhäuser-Vorspiel ist bei Blomstedt in den besten Händen. Schlanker klingt das, gelöster, flüssiger, als vor wenigen Monaten noch unter seinem designierten Amtsenkel Andris Nelsons. Beim Waldweben dagegen, das er als einziges Werk des Abends nach Noten dirigiert, fremdelt der Ehrendirigent ein wenig, häkelt Wagners schillernde Naturlyrik eher, als dass er sie wöbe. Was indes der beglückenden Kraft dieses Großen Concertes keinen nennenswerten Abbruch tut. Und es gehört keine prophetische Gabe dazu, vorauszusagen, dass dieses Programm auf der Mini-Tour, mit der das Gewandhausorchester in dieser Woche sein Tour-Jubiläum feiert, ebenso emphatisch bejubelt wird wie im Gewandhaus. Wenngleich am Augustusplatz noch der Blomstedt-Bonus dazukommt: Das Leipziger Publikum liebt ihn, und der erwidert diese Liebe ganz offenkundig.

Von Peter Korfmacher

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